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Wasserknappheit und Nutzungsverbote: Bürgermeister berichten, wie Hitze und Dürre Deutschland verändern

Ein Mann duscht sich im Annabad in Hannover ab. Wasser wird in Deutschland zunehmend zum knappen Gut.  - Copyright: Julian Stratenschulte/picture alliance via Getty Images
Ein Mann duscht sich im Annabad in Hannover ab. Wasser wird in Deutschland zunehmend zum knappen Gut. - Copyright: Julian Stratenschulte/picture alliance via Getty Images

Wasser gibt es hierzulande doch genug, oder? Ja und Nein. Bundesweit ist zwar noch genug davon da, Deutschland wird sich zukünftig aber auf lange Dürreperioden einstellen müssen. Lokal kommt es schon jetzt immer wieder zu Engpässen und Wassermangel. Verschwenderische Privatvergnügen – Pools, dauerbewässerte Grünflächen, Springbrunnen – könnten in Zukunft nicht mehr erlaubt sein. Auf lange Sicht stellt sich für die Deutschen die Frage, wer im Falle eines Notstands noch wie viel Wasser bekommt.

Eine nationale Wasserstrategie soll Antworten auf diese Frage geben. Vergangenen Sommer hat das Bundesumweltministerium den ersten Entwurf vorgelegt. Das Ziel: Maßnahmen entwickeln, die die Wasserversorgung für die Umwelt und für alle Menschen bis ins Jahr 2050 sicherstellen können. Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) will die Wasserstrategie Ende des Jahres im Kabinett verabschieden.

Experten und Umweltschützer begrüßen den Schritt. Ein Blick auf den Dürremonitor des Helmholtz Zentrums für Umweltforschung zeigt jedoch, wie drängend akute Maßnahmen gegen den Wassermangel schon jetzt wären: In Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Hessen und Baden-Württemberg herrscht extreme, manchen Orts sogar außergewöhnliche Dürre.

Einzelne Gemeinden und Regionen kämpfen schon seit Jahren mit anhaltender Trockenheit und Dürre – und fordern vom Bund mehr Engagement im Kampf gegen ihre Not.

Einzelne Regionen rationieren schon jetzt das Wasser

Eine solche Gemeinde ist Grävenwiesbach im hessischen Taunus. Das Wasser wird hier von Jahr zu Jahr knapper und knapper. Im Juni hat der Bürgermeister Roland Seel (Grüne) den Trinkwassernotstand ausgerufen, im August wurde dieser bis Ende September verlängert.

Nicht mehr erlaubt: öffentliches Trinkwasser zum Gießen von Gärten, Rasenflächen oder Feldern zu benutzen. Auch Springbrunnen und Schwimmbecken zu befüllen, ist verboten. Wer sich nicht daran hält, muss mit einer Geldstrafe von bis zu 5000 Euro rechnen.

Aufgrund der Wasserknappheit habe er die Planung eines Baugebiets mit mehr als 60 Grundstücken unterbrochen, sagt Seel zu Business Insider. Bevor neue Bürgerinnen und Bürger ins Dorf ziehen könnten, müsse sichergestellt werden, dass für alle genug Wasser zur Verfügung steht.

Um zusätzlich Wasser zu sparen, ist aus Sicht des Bürgermeisters die Landesregierung gefordert. Diese müsse neue Vorgaben für Neubauten entwickeln, damit Privathäuser gebrauchtes Wasser wiederverwenden müssen. Bade- und Duschwasser könne so etwa für die Toilettenspülung wiederverwendet werden.

"Ich weiß, dass es bei einem Wassermangel auf die Maßnahmen der Kommunen ankommt", sagt Seel. "Es bringt aber wenig, wenn nur einzelne Kommunen handeln. Deswegen finde ich es wichtig, dass sich die Kommunen bundesweit austauschen, denn es bringt langfristig nichts, wenn nur einzelne Regionen Wasser sparen, die akut betroffen sind." Die Regierung könnte so einen Austausch voranbringen.

Etwa mit Maximilian Wonke. Der SPD-Politiker ist Bürgermeister der Gemeinde Panketal in Brandenburg. Wie Seel hat auch Wonke ein Bewässerungsverbot in seiner Ortschaft verhängt. Von 17 bis 21 Uhr ist es in der Gemeinde verboten, Rasen und Gärten zu gießen; auch Pools dürfen nicht mehr befüllt werden. "Wir beobachten ein deutliches Absinken des Grundwasserspiegels", sagt Wonke zu Business Insider. Der Grund dafür sei auch der Wasserverbrauch der Industrie, gerade beim Braunkohleabbau.

Neben Seel und Wonke warnt auch Leonhard Helm davor, dass das Trinkwasser in seiner Stadt Königsstein im hessischen Hochtaunus knapp wird. "Unser größtes Problem waren die gestiegenen Verbrauchsmengen in der Stadt", sagt der CDU-Politiker zu Business Insider. Über 4000 Kubikmeter Wasser seien pro Tag verbraucht worden – das absolute Maximum, um die Wasserversorgung nicht zu riskieren, sei aber 3500 Kubikmeter pro Tag.

Helm reagierte mit kurzfristigen Maßnahmen: Grünflächen über 25 Quadratmeter dürfen nicht mehr bewässert und Pools über 25 Kubikmeter nur noch mit Regenwasser befüllt werden. Helm überlegt zudem, Gießwasser für Gärten zu verteuern. "Natürlich verbrauchen die Menschen mehr Wasser für die Bewässerung im Garten, wenn es zu heiß wird", sagt er. "Werden die Temperaturen in Zukunft noch ansteigen, dann hätten wir echt ein Problem." Helm wünscht sich von der Bundes- und Landesregierung nun klare Vorgaben, damit Gemeinden wie seine beschlossene Maßnahmen auch überprüfen und Verstöße bestrafen können.

"Der Rheinpegel ist so niedrig, dass Schiffe nicht mehr vollständig beladen werden können"

Solche Vorgaben sind jedoch ebenso wenig in Sicht, wie eine klare Priorisierung des Verbrauchs im Fall einer Wassernotlage. Die Bundesregierung sieht jenseits der Ausarbeitung ihrer Wasserstrategie auch wenig Handlungsdruck.

Denn obwohl Deutschland seit einiger Zeit eine andauernde Trockenperiode erlebe, bestünde kein bundesweiter Wassermangel, teilte ein Sprecher des Bundesumweltministeriums auf Anfrage von Business Insider mit: "Mehr als 95 Prozent der Grundwasserkörper in Deutschland sind mengenmäßig in einem guten Zustand. Trinkwasser ist also weiterhin genügend da. Akute Versorgungsprobleme treten nur dann auf, wenn sehr viele Nutzer gleichzeitig sehr viel Wasser zapfen und infolgedessen das Leitungsnetz überlasten."

Die Zuständigkeit für konkrete Maßnahmen hätten ohnehin die Länder mit ihren jeweils eigenen Landeswassergesetzen. Zwar wolle der Bund in einen Dialog mit den Ländern über eine bundesweit einheitliche Priorisierung von Wassernutzungen treten. Bestimmte Kriterien für eine Priorisierung im Falle einer Wasserknappheit gebe es aktuell aber noch nicht.

Auch ob es im Fall eines Wassernotstands Sparmaßnahmen für Industrien geben soll, wird laut dem Umweltministerium erst noch durch ein Forschungsvorhabens überprüft: "Die Wasserverbräuche in der Industrie nehmen seit Jahren bereits kontinuierlich ab."

Martin Heilig (Grüne) ist der erste Klimabürgermeister Deutschlands in Würzburg (links), Raoul Schmidt-Lamontain (Grüne) ist seit Herbst 2020 der zweite deutsche Klimabürgermeister in Heidelberg.
Martin Heilig (Grüne) ist der erste Klimabürgermeister Deutschlands in Würzburg (links), Raoul Schmidt-Lamontain (Grüne) ist seit Herbst 2020 der zweite deutsche Klimabürgermeister in Heidelberg.

Und doch sind sie noch immer hoch. Harald Ebner (Die Grünen), der Vorsitzende des Umweltausschusses im Bundestag, rechnet vor: "Die Hälfte vom verbrauchten Wasser geht auf das Konto der Großkraftwerke, also Atom- und Kohlekraftwerke. Daher ist es gut, davon mittelfristig loszukommen."

Ebner glaubt, dass der Wassermangel Deutschland in Zukunft noch härter treffen wird, als selbst die pessimistischsten Aussagen in der Vergangenheit es vorhergesagt hätten. "Die Sommer- und Wintertemperaturen nehmen zu und der Niederschlag nimmt parallel ab. Gleichzeitig ist der Niederschlag schlechter verteilt. Das hat sich bei der Flutkatastrophe im Ahrtal gezeigt."

Zudem sei die Informationslage beim Thema Wassermangel in Deutschland nach wie vor schlecht. "Um konkrete Entwicklungen hervorzusehen und zu erkennen, wo besonders viel Wasser verbraucht und dementsprechend auch eingespart werden kann, braucht es viel genauere Daten, die wir so noch nicht haben", sagt Ebner. Selbst dann reiche es nicht, Priorisierungslisten zu schreiben, auf denen steht, wer wann wie viel Wasser verwenden kann. "Wichtig ist es, in eine Infrastruktur zu investieren, die Wasser zurückhält und speichert."

"Weit über 300.000 Hektar Wald sind in den letzten fünf Jahren aufgrund von Dürre abgestorben"

Das betont auch Dietrich Borchardt, Leiter der Abteilung Aquatische Ökosystemanalyse und Management am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Magdeburg. Er schreibt an der nationalen Wasserstrategie der Bundesregierung mit. Laut Borchardt ist die Herausforderung für Deutschland in der nahen Zukunft, in Starkregenperioden so viel Wasser zu speichern, dass dieses in den Hitzemonaten genutzt werden könne.

Von einem flächendeckenden Wassernotstand würde er bisher zwar noch nicht sprechen, sagt der Forscher zu Business Insider. Das hieße aber nicht, dass das Wasser nicht trotzdem regional knapp würde: "Das Problem ist, dass es zu viele längere Hitzeperioden und gleichzeitig zu viele Perioden gibt, in denen es zu Starkregenereignissen kommt. Das wird sich in Zukunft noch verschlimmern."

Ganz konkret könne man das am Rhein beobachten – der wichtigsten Wasserstraße in Europa und Deutschland. Der Pegel des Flusses ist durch die anhaltende Hitze stark gesunken. "Wir haben derzeit zwar noch keine komplette Einschränkung der Schifffahrt", sagt Borchardt, "aber der Rheinpegel ist so niedrig, dass Frachtschiffe nicht mehr vollständig beladen werden können." Der ausbleibende Regen mache sich auch im Energiesektor bemerkbar. Hier brauche es für die Kühlung von thermischen Kraftwerken viel Wasser, das Deutschland eventuell gar nicht mehr zur Verfügung habe.

Noch drastischer seien die Auswirkungen der Dürre aber in der Landwirtschaft. Aufgrund der Hitze und Trockenheit müssten die Landwirte intensiver bewässern, sagt Borchardt – mit Wasser, das dann in den Bächen und Flüssen fehle. Die Dürre trockne langfristig Felder und Böden aus. "Wohin die Reise gehen könnte, wird es in Zukunft noch heißer, sehen wir gerade mit den Bränden in Sachsen und in Berlin. Über 500.000 Hektar Wald sind in den letzten fünf Jahren aufgrund von Dürre abgestorben. Das sind rund 700.000 Fußballfelder", sagt Borchardt.

Wenn es um Wassermangel geht, sei es laut dem Umweltforscher deshalb nicht zielführend, immer zuerst zu fordern, die Industrie müsse weniger verbrauchen. Zwar gebraucht diese laut Statistischem Bundesamt in Deutschland das meiste Wasser: Allein der Energiesektor entnimmt der Natur laut Statistischem Bundesamt rund 12,7 Milliarden Kubikmeter. Beim Landwirtschaftssektor sind es nur rund 400 Millionen Kubikmeter, bei den privaten Haushalte nur etwa 23 Millionen.

Doch die Industrie "gebraucht" das Wasser nur, und "verbraucht" es nicht, sagt Borchert. Meist handle es sich um Kühlwasser, das später zurück in Flüsse geleitet würde. In der Landwirtschaft werde dahingegen häufig Grundwasser durch Pestizide verschmutzt, die dann auch in Flüssen und Seen zu finden sein.

Kritisch werde es nur dann, wenn Industrieunternehmen auf dieselben Wasserressourcen zugreifen wollten, die Gemeinden zur Versorgung mit Trinkwasser benötigten. Dann würde man sich die Frage stellen, wer zuerst das Wasser bekommt und wie viel. "Wasser wird im Hinblick auf die Errichtung von Wirtschafts-und Industriestandorten in Zukunft immer wichtiger", sagt Borchardt. Bisher sei man immer davon ausgegangen, Wasser gebe es in Deutschland genug. "Aber das stimmt so nicht mehr."