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Coronavirus: Italien riegelt Städte im Norden ab

Nach zwei Todesfällen in Italien durch das Coronavirus greift die Regierung zu drastischen Maßnahmen. Experten fürchten, dass eine Eindämmung nicht mehr erreicht werden kann. Mehrere Staaten verfügen Einreiseverbote und Grenzschließungen zum Iran.

Ärzte versorgen eine Corona-Patientin in Wuhan (Bild: Costfoto/Barcroft Media via Getty Images)

Das Wichtigste in Kürze:

  • Bestätigte Fälle in China: 76936 (Todesfälle: 2442, geheilt: 18.673)

  • Bestätigte Fälle außerhalb Chinas: 1500 (Todesfälle: 19, geheilt: 236)

  • Bestätigte Fälle in Deutschland: 16 (Todesfälle: 0, geheilt: 11)

  • Nach zwei Todesfällen in Norditalien: Städte werden abgeriegelt

  • Sprunghafter Anstieg von Neuinfizierten in Südkorea

  • Mehrere Staaten verfügen Grenzschließungen zum Iran

“Eindämmung in letzter Sekunde ist wohl nicht mehr erreichbar”

Die Entwicklung in Italien zeigt ebenso wie die zunehmend kritische Situation in Südkorea, dem Iran und anderen Ländern, dass eine Pandemie, ein unaufhaltsamer weltweiter Siegeszug des Virus, wohl nicht mehr aufzuhalten ist. Noch am Freitag hatte der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gewarnt, dass das Zeitfenster dafür immer kleiner werde. «Wir dürfen nicht eines Tages zurückblicken und es bereuen, dass wir von diesem Zeitfenster nicht Gebrauch gemacht haben», so Tedros Adhanom Ghebreyesus. Ist es nun zu spät?

«Eine Eindämmung in letzter Sekunde ist wohl auch mit allen verfügbaren Kräften nicht mehr erreichbar», sagte der Berliner Virologe Christian Drosten am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur. Das wohl auf einem Wildtiermarkt in Wuhan auf den Menschen übergesprungene Virus spielt seinen Trumpf aus: Weil die meisten Infektionen mit Sars-CoV-2 mild verlaufen, sind sie kaum erfassbar.

Mehrere Staaten verfügen Grenzschließungen und Einreiseverbote zum Iran

Wegen der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus im Iran haben mehrere Staaten Schutzmaßnahmen wie Grenzschließungen und Einreiseverbote verfügt. "Wir haben nach einem Anstieg der Fallzahlen im Iran beschlossen, unsere Landgrenze (zum Iran) zu schließen", sagte der türkische Gesundheitsminister Fahrettin Koca am Sonntag. Diese vorübergehende Maßnahme sei nach einem Austausch mit den iranischen Behörden angeordnet worden.

Bundesregierung steht mit italienischen Behörden in Kontakt

Nach der Abriegelung einiger italienischer Städte wegen des neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 hat sich die Bundesregierung mit den dortigen Behörden in Verbindung gesetzt. “Unsere Botschaft und die deutschen Konsulate in Italien stehen mit den italienischen Behörden in Kontakt für den Fall, dass die italienischen Maßnahmen Deutsche betreffen”, hieß es am Sonntag aus dem Auswärtigen Amt in Berlin. Rückkehrern aus den betroffenen Regionen in Norditalien wurde empfohlen, sich an die entsprechenden Hinweise des Robert Koch-Instituts und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf deren Internetseiten zu halten.

Ungeachtet drastischer Maßnahmen zur Eindämmung ist die Zahl der Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus in Italien unvermindert gestiegen. Bis zum Sonntagnachmittag waren bereits mehr als 130 Sars-CoV-2-Fälle erfasst. Allein in der Lombardei waren rund 90 Infektionen nachgewiesen. Zahlreiche Veranstaltungen wurden vorsorglich abgesagt, das gilt wohl auch für den Karneval in Venedig.

Italienische Regierung riegelt betroffene Städte in Norditalien ab

Damit soll die Ausbreitung des Coronavirus verhindert werden. Das teilte die italienische Regierung am Samstagabend mit. Zehntausende Menschen wären davon betroffen. Mit 76 Infektionen ist Italien das europäische Land mit den meisten erfassten Infizierten (Deutschland: 16, Frankreich: zwölf, darunter ein Todesfall).

Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte verkündete die Notfallmaßnahme nach Beratungen mit der Zivilschutzbehörde des Landes: „Das Betreten und Verlassen dieser Gebiete ist verboten. Und weiter: “Das Ziel ist es, die Gesundheit der italienischen Bevölkerung zu schützen”, so Conte. Zunächst sollten die Sicherheitskräfte die betroffenen Regionen abriegeln. “Wenn nötig, werden es auch die Streitkräfte sein”, fügte Conte hinzu. Wer versuche, die Absperrungen zu umgehen, dem drohe “strafrechtliche Verfolgung”. Er setze dennoch auf Verständnis der Bevölkerung.

Auch drei Fußballspiele der italienischen Liga Serie A, die für Sonntag angesetzt waren, wurden abgesagt.

Berliner Klinik entlässt 20 China-Rückkehrer aus Quarantäne

Nach zwei Wochen in Quarantäne sind am Sonntag 20 China-Rückkehrer aus einem DRK-Krankenhaus in Berlin-Köpenick entlassen worden. Der Generalsekretär des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Christian Reuter, zeigte sich "sehr erleichtert", dass bei keinem der Betroffenen das neuartige Coronavirus nachgewiesen worden sei. Die 14-tägige Isolation sei eine "enorme" Belastung für alle Beteiligten gewesen.

Weitere Deutsche aus Hubei zurückgekehrt

Am Freitag sind weitere Deutsche aus der besonders vom Coronavirus Sars-CoV-2 betroffenen Provinz Hubei zurückgekehrt. “Allen geht es gut”, sagte Stefan Brockmann vom Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg nach der Landung der 15 Passagiere in Stuttgart. Laut dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) sind unter den Rückkehrern vier Familien. Insgesamt handelt es sich demnach um zehn Erwachsene und fünf Kinder. Das jüngste ist noch kein Jahr alt, das älteste fünf. Die Rückkehrer sollen für 14 Tage in einem Hotel in Kirchheim/Teck in Quarantäne bleiben.

Rückkehrer aus Hubei kommen in einem zu einer Quarantänestation umgerüsteten Hotel an (Bild: Tom Weller/dpa)

Nach den in Stuttgart gelandeten Rückkehren sollten am Samstag deutsche Passagiere des Kreuzfahrtschiffes “Diamond Princess” in Berlin landen. Das Schiff hatte zwei Wochen im japanischen Yokohama unter Quarantäne gestanden, bei mehr als 600 der rund 3700 Passagiere und Crewmitglieder war Sars-CoV-2 nachgewiesen worden. Die Betroffenen werden in Krankenhäusern betreut.

Computermodell des neuartigen Coronavirus (Bild: NEXU Science Communication via Reuters)

Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Wie ansteckend ist das neue Coronavirus?

Diese Frage lässt sich zurzeit nur schwer beantworten. Klar ist, dass sich das Virus durch Tröpfcheninfektion - etwa beim Husten und Sprechen - verbreitet. “Der Erreger ist deutlich infektiöser als ursprünglich angenommen”, sagt der Infektionsepidemiologe Lars Schaade, Vizepräsident des Robert Koch-Instituts (RKI). Viele Details der Infektion seien noch ungeklärt, sagt der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité. “Das lässt sich nicht genau rekonstruieren. Man bekommt das Virus vermutlich ähnlich, wie man sich eine Erkältung einfängt.” Dass auch symptomfreie Menschen infektiös sein können, wie vereinzelt berichtet, hält Drosten für eher unwahrscheinlich.

Nach Auskunft chinesischer Mediziner kann sich das Virus möglicherweise auch über das Verdauungssystem verbreiten. Sie hatten den Erreger in Stuhlproben gefunden, nachdem sie festgestellt hatten, dass einige Patienten Durchfall statt üblicherweise Fieber bekommen hatten. Nach RKI-Angaben ist jedoch noch nicht abschließend geklärt, ob man sich tatsächlich auf diese Weise anstecken kann. Auch von der Mutter auf das Neugeborene ist das Virus nach Erkenntnissen in China wahrscheinlich übertragbar.

Auffällig ist die Diskrepanz zwischen der schnellen Ausbreitung in China und der Tatsache, dass sich in anderen Ländern bisher nur wenige Menschen angesteckt haben. Der Virologe Thomas Schulz von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) erklärt das auch damit, dass der Erreger in China vermutlich schon Wochen zirkulierte, bevor die Behörden rigorose Maßnahmen ergriffen. “Hätte man das einen Monat früher gemacht, wäre die Situation vermutlich nicht so eskaliert”, sagt Schulz.

Menschen in Hongkong warten in einer Schlange vor einem Laden auf eine Lieferung von chirurgischen Masken (Bild: Aidan Marzo/SOPA Images via ZUMA Wire/dpa)

Welche Symptome verursacht das neue Coronavirus?

Der Erreger infiziert vor allem Zellen der unteren Atemwege. Dadurch scheinen manche Symptome einer Erkältung wie etwa Fließschnupfen nicht aufzutreten. Generell sind die Symptome der neuen Lungenkrankheit unspezifisch. Fieber, trockener Husten und Atemprobleme können auch bei einer Grippe auftreten. “Es reicht nicht aus, nur fieberhafte Personen zu testen”, sagt Drosten. “Manche Menschen haben nur eine leichte Erkältungssymptomatik mit Frösteln und Halsschmerzen.” Mitunter können Patienten auch Kopfschmerzen oder Durchfall haben. Die Inkubationszeit - der Zeitraum zwischen Infektion und Beginn von Symptomen - beträgt 2 bis 14 Tage. Deshalb werden Verdachtsfälle zwei Wochen isoliert. Nachgewiesen wird eine Infektion meist durch den Nachweis von Erbgut des Coronavirus im Sputum, dem schleimigen Auswurf beim Husten.

Wie gefährlich ist der Erreger?

Das lässt sich momentan kaum beantworten. Der Anteil der Infizierten, der an der Lungenerkrankung stirbt, liegt nach derzeitigen Daten in China bei etwa 2 Prozent - höher als bei einer Grippe. Bei den Grippe-Pandemien 1957 und 1968 lag die Fallsterblichkeit nach Angaben von Drosten bei etwa 0,1 Prozent. Den hohen Wert in China erklärt der Experte mit dem Umstand, dass dort vor allem schwere Fälle bekannt werden. “Viele Menschen melden sich in China erst dann, wenn sie wirklich krank sind. Diese Fälle sind nicht repräsentativ.”

“Wir kennen die tatsächlichen Fallzahlen nicht”, sagt Schaade. Außerhalb Chinas ist die Fallsterblichkeit gegenwärtig geringer. Die geringe Todesrate sei zunächst ermutigend, “aber wir müssen das weiter beobachten”, sagt Schaade. Clemens Wendtner, der in der München Klinik Schwabing einige Infizierte betreut, geht davon aus, dass “die Sterblichkeit deutlich unter einem Prozent liegt, eher sogar im Promillebereich”. “Mit einer sehr, sehr gefährlichen Erkrankung hat das nicht viel zu tun”, sagt er.

Wie lässt sich die neue Lungenkrankheit behandeln?

Eine spezielle Therapie für die Erkrankung gibt es nicht. Schwer erkrankte Patienten werden symptomatisch behandelt: mit fiebersenkenden Mitteln, der Therapie etwaiger bakterieller Zusatzinfektionen und mitunter mechanischer Beatmung.

Lässt sich die Epidemie mit den bestehenden Aktionen stoppen?

Die Coronavirus-Epidemie werde ihren Höhepunkt Mitte bis Ende nächster Woche erreichen, sagte der Chef des nationalen Expertenteams im Kampf gegen das Coronavirus, Zhong Nanshan, am Montag. Ob das realistisch ist, lässt sich deutschen Experten zufolge kaum abschätzen. “Ich kenne die Daten und Modelle der Chinesen nicht”, sagt Schulz, er tendiert aber zu Skepsis. “Im Augenblick geht die Kurve noch steil nach oben.” Der Infektionsepidemiologe Schaade stimmt zu: “Ich wäre mit Prognosen sehr vorsichtig.”

Drosten ergänzt: “Entscheidend ist, ob China es schafft, die Übertragungen zu stoppen. Das kann ich mir schon vorstellen.” Hinzu komme jedoch eine zweite Frage, betont er: Nistet sich das Virus in Ländern mit schlechtem Gesundheitssystem etwa in Afrika oder Asien ein, wo es kaum noch zu kontrollieren wäre? Dann drohe dauerhaft eine neue Lungenkrankheit auf der Welt. Schulz vermutet, dass die Krankheit in China mit Beginn der wärmeren Jahreszeit zurückgehen wird - ähnlich wie bei Grippe und Erkältungen. “Die Frage ist, ob sie nächstes Jahr wiederkommt.”

Kann das Virus durch Gegenstände übertragen werden?

Gesicherte Erkenntnisse gibt es für das neue Virus noch nicht. In einer Metastudie haben Virologen der Unis Greifswald und Bochum kürzlich ermittelt, dass frühere Coronavirus-Varianten wie Sars und Mers auf unbelebten Oberflächen im Schnitt zwischen vier und fünf Tagen überleben, bei Kälte und hoher Luftfeuchtigkeit bis zu neun Tage. Die Forscher nehmen an, dass sich die Ergebnisse auf das neue Virus Sars-CoV-2 übertragen lassen. Ansteckungen etwa durch Postsendungen sind bisher nicht bekannt geworden, es wurden auch keine entsprechenden Warnungen ausgesprochen.

Wie kann man sich dagegen schützen?

Zum Schutz vor diesem wie auch anderen Viren empfehlen Experten gewöhnliche Hygienemaßnahmen: regelmäßiges Händewaschen, Desinfektionsmittel und Abstand zu Erkrankten. Den Nutzen von normalen Atemmasken - wie derzeit in China überall auf den Straßen zu sehen - schätzen Schmidt-Chanasit und Drosten als eher gering ein.

Woher kommt das Virus?

Die Reservoire verschiedener Coronaviren liegen im Tierreich. Bei Mers sind Kamele der Ursprung, bei Sars und dem neuen Erreger liegen die Reservoire vermutlich bei Fledermäusen. Auf den Menschen sprang der Sars-Erreger vermutlich von Schleichkatzen über, die auf chinesischen Märkten angeboten werden. Auch 2019-nCoV geht vermutlich von einem Tiermarkt in China aus. Forscher gehen inzwischen davon aus, dass auch das neue Virus ursprünglich bei Fledermäusen auftrat, aber nicht von diesen direkt auf den Menschen übertragen wurde. Als Zwischenwirt wird in einer neuen Studie das Schuppentier vermutet, das in China eine beliebte Delikatesse ist.

(mit Material von dpa und AFP)