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Warnzeichen Burn on: Wie die Vorstufe des Burnout aussieht und was Experten raten

(Symbolbild) Erschöpft, aber es muss immer weiter gehen? Wie sich ein Burn on äußert. - Copyright: Getty Images/ Maskot
(Symbolbild) Erschöpft, aber es muss immer weiter gehen? Wie sich ein Burn on äußert. - Copyright: Getty Images/ Maskot

Stellt euch vor, ihr steht morgens beim ersten Weckerklingeln auf, putzt euch schnell die Zähne, kämmt euch die Haare, zieht euch an, holt euch ein Brötchen beim Bäcker um die Ecke, schlingt es auf dem Weg zur Arbeit runter – und ab geht es ins erste Meeting. Im Laufe des Tages beantwortet ihr jede Mail direkt, meidet Pausen aus Zeitgründen und arbeitet abends Überstunden, um alle Aufgaben zu schaffen.

Während sich manche von euch nun sicher denken: „Was ein Tag!“, seufzen andere erschöpft: „Das ist mein Alltag!“ Letztere könnten sich dabei bereits mitten in ihm befinden: dem sogenannten Burn on. Das chronische „Weiterbrennen“ gilt als Vorstufe des Burnouts und hält nicht nur psychische, sondern auch gesundheitliche Gefahren bereit – von der Schlaflosigkeit bis hin zum Schlaganfall.

Was ist ein Burn on?

Der Burnout-Begriff ist sicherlich den meisten bekannt. Gemeint ist damit ein „Ausgebrannt-Sein“, welches mit völliger Energielosigkeit einhergeht und verhindert, dass Betroffene ihr Leben wie gehabt bestreiten können. Es gibt aber auch einen Zustand kurz vor dem Burnout – das ist der sogenannte Burn on.

Auch hierbei sind die Betroffenen überlastet, doch brennen sie (noch) nicht aus, sondern brennen – wie der Begriff suggeriert – immer weiter. Sie können nicht aufhören, zu arbeiten. Ihre Tage sind gefüllt mit Pflichten, sie verspüren Druck ohne Ende, hetzen von Aufgabe zu Aufgabe und finden keine Ruhe. Wenn sie auch erschöpft und gestresst sind: Aussteigen aus diesem Rhythmus können sie nicht. Ihre oberste Priorität ist die Arbeit.

Geprägt durch Timo Schiele und Bert te Wildt

Urheber des Begriffs sind der leitende Psychologe der Psychosomatischen Klinik Kloster Dießen am Ammersee, Timo Schiele und der Chefarzt der Klinik, Bert te Wildt. 2021 brachten sie das Buch „Burn on – immer kurz vorm Burnout“ heraus, in dem sie diese neuartige Form der chronischen Erschöpfungsdepression vorstellen.

Hier teilen sie unter anderem ihre Erfahrungen mit Patientinnen und Patienten, die eigentlich aufgrund eines Burnouts zu ihnen in die Klinik kamen. Allerdings zeigten sich bei ihnen keine typischen Burnout-Symptome. Zu "Psychologie Heute" sagt Timo Schiele, dass beispielsweise Patienten zu ihm kamen, die munter von ihrem Job und ihrer liebevollen Familie erzählten. Eine andere Frau wollte nach dem Klinikaufenthalt möglichst schnell wieder „hergestellt“ sein, um wieder auf 40 Stunden pro Arbeitswoche aufstocken zu können. Diese Tatkraft passe nicht zu klassischen Burnout-Patienten. So entdeckten Schiele und Wildt das Burn on.

Der Unterschied zwischen Burnout und Burn on

Während die Psychologen unter einem Burnout eine akute Erschöpfungsdepression verstehen, ist ein Burn on vielmehr eine chronische Erschöpfungsdepression. Betroffene verschleppen ihre Erschöpfung sozusagen und gewöhnen sich daran, dass sie permanent unter Strom stehen. Ein großer Unterschied beider Krankheitsbilder sei, dass Menschen inmitten eines Burn ons ihren Job gerne machen. Zu "Psychologie Heute" sagt Schiele, dass Menschen im Burnout dagegen oft eine ausgeprägte Abneigung gegen ihre Arbeit sowie Zynismus entwickeln würden.

Während Burnout-Betroffene irgendwann nicht mehr weitermachen können, weil sie antriebs- und kraftlos sind, müssen Burn on-Betroffene immer weiter machen – trotz zunehmender Zweifel und Erschöpfung. Abschalten können sie kaum noch, ihnen fehlt völlig die Balance zwischen An- und Entspannung.

Die möglichen Folgen eines Burn ons

Auch wenn Betroffene eines Burn ons (noch) nicht zusammenbrechen, zeigt ihnen ihr Körper und ihre Psyche, dass sie Grenzen ausreizen. So haben sie aufgrund der Daueranspannung körperliche Symptome wie Kopfschmerzen oder leiden unter Verspannungen und Schlafstörungen. Hinzu kommt, dass sie sich oftmals hoffnungs- und perspektivlos fühlen und ihnen die Freude am Leben verloren geht. Sie entfremden sich immer weiter von persönlichen Werten und Zielen. Zwar sind sie extrem aktiv, allerdings funktionieren sie dabei eher automatisch.

Tatsächlich birgt der permanente Stress, den sich Menschen inmitten eines Burn ons aussetzen, auch einige gravierende Gesundheitsrisiken. Bert te Wildt sagt zu "Deutschlandfunk Kultur", dass vor allem die Gefäße der Betroffenen belastet werden. Das könne zu Bluthochdruck, aber im Ernstfall auch zu einem Schlaganfall oder Herzinfarkt führen.

Wie kommt es zum „Weiterbrennen“?

Wie aber kommt es dazu, dass Menschen sich in einer negativen Arbeitsspirale wiederfinden, der sie nicht entkommen können und an deren Ende im worst case ein Herzinfarkt oder der Burnout warten? Begünstigt wird der Burn on den Psychologen zufolge sowohl durch individuelle als auch durch gesellschaftliche Faktoren.

In einem Interview mit dem "Mitteldeutschen Rundfunk" sagt Timo Schiele etwa, dass das Burn on vor allem verantwortungsbewusste Menschen mit einem hohen Leistungsanspruch treffe. Laut dem Psychologen haben diese womöglich in ihrer Kindheit nicht gelernt, Grenzen zu setzen. Ein Problem vor allem in Zeiten des Home Office, wo Privates von der Arbeit permanent abgegrenzt werden muss. Bert te Wildt sagt zu "Deutschlandfunkkultur" zudem, dass Menschen vor allem dem Burn on verfallen, weil sie Angst haben, nicht zu genügen. Somit spielt auch ein geringer Selbstwert eine entscheidende Rolle für die Entstehung eines Burn on.

Aber auch die Strukturen der Arbeitswelt seien ein begünstigender Faktor. So sei ein Burn on vor allem bei prekären Jobs wahrscheinlich, bei denen man sich mit 40 Stunden Arbeit pro Woche nicht über Wasser halten könne. Aber auch in Bereichen wie der Wissenschaft und Beratung kennen Wildt zufolge viele Menschen kein Maß. Ein hohes Arbeitspensum bedeute hier einen Wettbewerbsvorteil. „Je mehr ich arbeite, desto mehr Vorsprung habe ich vor Mitbewerbern. Und desto mehr beute ich mich selbst aus und lasse mich auch vielleicht von anderen ausbeuten", so Wildt zu "Deutschlandfunkkultur". Unsere Gesellschaft definiere sich sehr stark über die Arbeit – und das zeige sich letztlich auch in unserer Arbeitshaltung.

Wie man dem Burn on entkommen kann

Vor allem den gesellschaftlichen Strukturen lässt sich mitunter nur schwer begegnen. Das Gefühl, ausgeliefert zu sein, kann den Burn on jedoch weiter befeuern. Um dem zu entkommen, braucht es laut Schiele in erster Linie ein Problembewusstsein. Im Interview mit dem "Mitteldeutschen Rundfunk" sagt er, dass er in seiner Arbeit immer wieder Menschen sehe, die nach der Klinik direkt wieder zurück an die Arbeit wollen. Ihr Ziel sei es, sich zu erholen, um danach möglichst schnell wieder möglichst effizient zu arbeiten. Ihm zufolge ist aber vor allem wichtig, dass Betroffene lernen, zu entspannen und kürzer zu treten.

Der erste Schritt sei ein Innehalten, um zu schauen, wo die Lebensführung nicht mehr mit den eigenen Werten übereinstimme, so Schiele zum "Mitteldeutschen Rundfunk". In der Behandlung selbst setze man auf psychotherapeutische Maßnahmen der Achtsamkeit.

Allerdings dürfe Achtsamkeit nicht zum falschen Zweck verkommen. Im Interview mit "Deutschlandfunk Kultur" sagt Wildt daher: „Wenn Achtsamkeit, Meditation und Yoga nur noch dazu dienen, sich gerade noch funktionstüchtig zu halten, dann ist man eigentlich in einen Teufelskreis gekommen, den wir mit dem Burn on-Syndrom beschreiben.“ Demnach brauche es in der Regel vor allem eines, um dem Burn on zu entkommen: eine grundlegende Änderung des Mindsets.

lidi

Mann Gehirn Burn-out
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