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Warum Warenhäuser mit Großfläche kaum mehr Chancen haben

Die schwierige Situation bei Real ist kein Einzelfall. Viele Betreiber von Warenhäusern stehen vor Herausforderungen. Es drohen Standortschließungen.

Der Lebensmittelhandel auf der Großfläche wird zum Auslaufmodell. Foto: dpa

Wenn es noch eines Belegs bedarf, wie tief die Selbstbedienungs-Warenhaus-Kette Real in Schwierigkeiten steckt, bringt ihn der Blick in den gerade veröffentlichten Geschäftsbericht des Eigentümers Metro. Etwas versteckt weisen sie dort aus, dass der Umsatz erneut um 1,6 Prozent auf 6,9 Milliarden Euro zurückgegangen ist. Zehn Jahre zuvor hatte Real in Deutschland noch knapp 8,8 Milliarden Euro umgesetzt.

Und profitabel ist dieses Geschäft schon lange nicht mehr. Im abgelaufenen Geschäftsjahr machte Real einen operativen Verlust (Ebitda) von 154 Millionen Euro. Inklusive Abschreibungen belastet der Händler Metro sogar mit 555 Millionen Euro. Da wundert es nicht, dass Metro zurzeit in Verhandlungen ist, die Tochter zu verkaufen.

Doch Real ist kein Einzelfall. Bei dem schwer angeschlagenen Händler zeigt sich ein Dilemma der ganzen Branche: Der Lebensmittelhandel auf der Großfläche, einst ein Erfolgsgarant und der Schrecken der kleinen Supermärkte, wird zum Auslaufmodell.

Die Probleme von Real sind nicht allein durch Managementfehler zu erklären. „Die Betreiber von SB-Warenhäusern stehen in Deutschland vor enormen Herausforderungen.“, bestätigt Rainer Münch, Handelsexperte der Unternehmensberatung Oliver Wyman. „Die Schwächsten fallen zuerst, das heißt aber nicht, dass es den anderen sehr gut geht.“

In einer Analyse für das Handelsblatt kommt das Team von Oliver Wyman zu einem ernüchternden Fazit: Das Geschäftsmodell ist so stark unter Druck, dass sich der Rückgang der SB-Warenhäuser noch mal erheblich beschleunigen wird. Das wird sich nicht nur auf den Umsatz auswirken. Auch um Filialschließungen wird die Branche nicht mehr herumkommen.

So prognostizieren die Berater von Oliver Wyman, dass die Zahl der SB-Warenhäuser bis zum Jahr 2025 um fünfzehn Prozent sinken wird. Das heißt, dass ihre Zahl von heute noch rund 1300 auf 1100 zurückgehen würde.
Auch hier dürfte Real den Anfang machen. Im Rahmen der Verkaufsverhandlungen hat das Unternehmen bestätigt, dass bis zu 40 Häuser vor der Schließung stehen.

Sie sind so unwirtschaftlich, dass sie nicht in der geplanten geschrumpften Kerngesellschaft unter der Marke Real weiterbetrieben werden sollen. Aber auch kein Wettbewerber wäre bereit, sie weiterzuführen.

Die Gründe für dieses langsame Sterben der Großfläche sind klar: Die Betreiber haben lange die Augen davor verschlossen, wie ihnen Supermarktbetreiber wie Edeka und Rewe, aber auch die Discounter systematisch die Kunden abgejagt haben.

Marktanteile gehen seit Jahren zurück

„Das, was früher den Erfolg der Großfläche ausmachte, bieten heute auch die Supermärkte: Ein breites Sortiment mit einem großen Angebot an Frischwaren und spannende Preisaktionen“, beobachtet Experte Münch. Die Folge: Die Marktanteile der Großflächenbetreiber im Lebensmittelhandel gehen seit Jahren zurück.

Lag ihr Anteil am Umsatz im deutschen Lebensmitteleinzelhandel nach Zahlen des EHI Retail Institute vor zehn Jahren noch bei über 14 Prozent, ist er mittlerweile auf 11,4 Prozent gesunken. Die Supermärkte haben im gleichen Zeitraum ihren Anteil von unter 35,5 auf 40 Prozent ausgebaut.

Wie fatal sich Umsatzrückgang in diesem umkämpften Geschäft auswirken kann, zeigt die Oliver-Wyman-Studie an einer exemplarischen Gewinn-und-Verlust-Rechnung eines SB-Warenhauses. So könne an einem Standort ein Umsatzrückgang von zehn bis fünfzehn Prozent schon einen Gewinneinbruch auslösen.

Aus einer Umsatzmarge von fünf Prozent wird in dem Beispiel bei einem Umsatzrückgang von 15 Prozent eine Marge von nur noch 0,9 Prozent. Bei entsprechend schlechteren Startbedingungen kann das sogar leicht zu einem Verlust führen.

Und aktuelle Zahlen zeigen, dass selbst bei den Marktführern in diesem Segment die Bedingungen zurzeit alles andere als gut sind. So ist die lange erfolgsverwöhnte Kette Kaufland in Deutschland zuletzt nur noch um 1,2 Prozent gewachsen. Ergebniszahlen veröffentlicht sie nicht, aber es ist ein offenes Geheimnis, dass sie dabei im abgelaufenen Jahr bereits einen Verlust gemacht hat.

Wie dünn die Luft mittlerweile ist, zeigen auch Personalentscheidungen. So setzte Klaus Gehrig, Chef der Kaufland-Mutter Schwarz Gruppe, im Frühjahr dieses Jahres kurzerhand Kaufland-Chef Patrick Kaudewitz ab und übernahm die Führung der Tochter vorübergehend selber. Kaufland habe das Tal der Tränen noch nicht durchschritten, sagte Gehrig bei der Vorstellung der Unternehmenszahlen im Mai.

Auch beim Händler Globus spricht Johannes Scupin, der Sprecher der Geschäftsführung davon, dass das vergangene Geschäftsjahr „unser Format vor Herausforderungen gestellt hat“. Der Umsatz der SB-Warenhaus-Sparte ist 2018/19 nur noch um 0,9 Prozent auf 3,38 Milliarden Euro gewachsen. Zum Vergleich: Die Rewe-Kaufleute konnten beispielsweise im gleichen Zeitraum ihren Umsatz um neun Prozent steigern.

Das ist fatal, denn der Handel ist zum Wachsen verdammt. „Die Größe ist immer noch kriegsentscheidend“, betont Berater Münch. Kleine Ketten müssten deshalb über kurz oder lang bei Großen andocken. „Den Einkaufskostennachteil bekommen sie nicht ausgeglichen.“

Wollen die Großflächenbetreiber ihr Geschäftsmodell noch retten, bedeuten also Standortschließungen allein keine Rettung. Gefragt sind Maßnahmen, die das Angebot besser inszenieren und damit die Großfläche für den Kunden wieder attraktiver machen.

Besser keine Standard-Lösungen

Denn verschärfend kommt noch hinzu: Das Geschäft mit den Non-Food-Artikeln, das in der Vergangenheit besonders wichtig für den Gewinn war, wandert immer mehr ins Internet. Real beispielsweise hat ein Markthallen-Konzept entwickelt, das große Gastronomieflächen vorsieht, auf denen sich die Kunden die Lebensmittel aus dem Markt gleich frisch zubereiten lassen können.

Ein Weg, den Globus schon länger geht. „Der Frischebereich in Verbindung mit unserer Eigenproduktion bietet auf lange Sicht unverwechselbare Spitzenleistungen. Deshalb setzen wir hier besondere Akzente“, sagt Globus-Warenhaus-Chef Scupin. Dazu kommt der Ausbau von Service-Angeboten wie dem Selfscanning-System „Scan & Go“, mit dem man das Anstehen an der Kasse vermeiden kann.

Selbst Kaufland, eigentlich eher ein Discounter auf der Großfläche, hat den stärkeren Einsatz von Frischetheken ausprobiert, damit aber gemischte Erfahrungen gemacht. „Wir haben in den vergangenen Jahren bei Kaufland viel experimentiert und auch Fehler gemacht“, räumte Schwarz-Chef Gehrig selbstkritisch ein.

Die Oliver-Wyman-Studie empfiehlt, nicht zu Standard-Lösungen zu greifen, sondern ganz genau zu schauen, was in der einzelnen Filiale gefragt sei. Die „Balance zu finden zwischen lokalem Unternehmertum und effizienten Zentralstrukturen“, sei der Schlüssel.

Dabei helfe auch der Einsatz moderner Technik. „Mit guter Datenanalyse kann man viel steuern und die Märkte auf die Nachfrage vor Ort anpassen“, sagt Berater Münch. „Die SB-Warenhäuser brauchen dringend eine Flucht nach vorn“, mahnt der Experte. Doch er weiß auch: „Das ist nicht an allen Standorten wirtschaftlich darstellbar.“

Händler schlössen jedoch nur in der größten Not einen Standort, weil die Einmalkosten für die Abwicklung im Schnitt so hoch sind wie die potenziellen Verluste aus vielen Jahren. Hinzu kommt, dass sich mit weniger Umsatz schlechter mit Lieferanten verhandeln lässt. „Deshalb werden auch Häuser fortgeführt, obwohl sie sich längst nicht mehr rechnen“, so Münch. Doch damit wird das Sterben auf Raten bei der Großfläche wohl nur noch herausgezögert.