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Vorstände von Dax-Konzernen werden in Coronakrise kleiner und männlicher

·Lesedauer: 7 Min.

Die Macht in den Führungsetagen konzentriert sich – der Anteil der Frauen ist wieder gesunken. Ministerin Giffey bekräftigt ihre Forderung nach einer Quote.

Das Machtvakuum wurde jedoch nicht genutzt, um Frauen in verantwortliche Führungspositionen zu bringen. Foto: dpa
Das Machtvakuum wurde jedoch nicht genutzt, um Frauen in verantwortliche Führungspositionen zu bringen. Foto: dpa

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In der Coronakrise verlangsamt sich der Wandel in den deutschen Führungsetagen. Die Vorstände werden kleiner und wieder männlicher. So haben von September 2019 bis September 2020 insgesamt 127 Frauen und Männer die Vorstände verlassen, aber nur 98 sind nachgerückt. Ein Dax-Vorstand hatte damit im September 2020 durchschnittlich nur noch sechs Mitglieder und nicht mehr 6,5 wie noch 2019.

Viel häufiger als in den Vorjahren haben sich deutsche Konzerne in den vergangenen zwölf Monaten dabei von Frauen in den Vorständen verabschiedet. Der Frauenanteil bei den 30 Dax-Unternehmen ist damit nicht wie in den Vorjahren weiter angestiegen, sondern auf den Stand von 2017 gefallen. Er liegt aktuell bei nur 12,8 Prozent. Der wohl prominenteste Abgang war der von SAP-Co-CEO Jennifer Morgan im März.

Das sind die Ergebnisse der aktuellen Allbright-Studie, die am Mittwoch veröffentlicht wird und dem Handelsblatt vorab vorlag. „Die Krise macht deutlich, dass Vielfalt an den Unternehmensspitzen bei den deutschen Unternehmen immer noch nicht fest verankert ist – höchste Zeit, dass sie sich mehr Frauen im Topmanagement als eines der wichtigsten strategischen Ziele selbst verordnen, so wie es in anderen Ländern geschieht“, erklärt Wiebke Ankersen, Geschäftsführerin der politisch unabhängigen und gemeinnützigen Allbright Stiftung, die sich seit einigen Jahren für mehr Frauen und Diversität in den Führungsetagen der Wirtschaft einsetzt.

Beispiel Commerzbank: Die zweitgrößte Bank verlor im Sommer sowohl den Vorstands- als auch den Aufsichtsratschef. Das Machtvakuum wurde jedoch nicht genutzt, um Frauen in verantwortliche Führungspositionen zu bringen. Und das, obwohl mit Finanzvorständin Bettina Orlopp mindestens eine Kandidatin vorhanden gewesen wäre. Auf zwei Männer folgten zwei Männer.

Doch immerhin: Die Commerzbank zählt mit weiterhin zwei weiblichen Vorständen von insgesamt sechs Vorständen und einer Quote von 30 Prozent zu den Vorreitern in Deutschland.

Wie die Commerzbank nutzte in den vergangenen zwölf Monaten noch eine Reihe weiterer führender deutscher Firmen nicht ihre Chance, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen. Dazu gehören der Sportartikelkonzern Adidas und der Industriekonzern Linde. Sie verabschiedeten sich von ihren Vorstandsfrauen, ohne Frauen nachzuholen. Das Phänomen zeigt sich über alle Branchen hinweg. Auch der Autobauer VW, der Konsumgüterkonzern Henkel, der Autozulieferer Continental und die Deutsche Bank ersetzten ausschließlich Männer mit Männern.

„Wir haben in Deutschland eine besondere Situation. Der Pool an qualifizierten Frauen ist in Deutschland im Vergleich mit anderen westlichen Industriestaaten kleiner. Das hat viele Gründe, die zum Teil in der Vergangenheit liegen, sich aber weiter auswirken – eine schwächere Kinderbetreuungsinfrastruktur und -tradition, die mangelnde Flexibilisierung der Arbeitsplatz- und Arbeitszeitgestaltung sowie ein häufig schwächer ausgeprägtes, echtes, systematisches Talentmanagement in Unternehmen. Frauen werden selbst in vielen international tätigen Konzernen erst seit zehn Jahren systematisch gefördert. Insofern brauchen wir auch Zeit“, erklärt Ralf Landmann, Deutschlandchef der Personalberatung Spencer Stuart.

Für Franziska Giffey, Bundesministerin für Familie, Jugend, Frauen und Senioren, ist das ein nicht mehr länger hinzunehmendes Verhalten: „Es ist inakzeptabel, dass die Mehrzahl der führenden deutschen Unternehmen das Potenzial der vielen hervorragend qualifizierten Frauen nicht in ihren Führungsetagen nutzt. Die Unternehmen, die nur auf Männer in Vorständen setzen, schöpfen ihre Möglichkeiten nicht aus, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein und auch Krisen zu meistern“, erklärte Giffey auf Anfrage des Handelsblatts.

Der Bericht von Allbright zeige erneut, „dass wir offensichtlich nicht auf Einsicht, Klugheit und Freiwilligkeit bauen können“, sagte Giffey: „Dies bestärkt mich darin, weiter für unser neues Führungspositionengesetz zu kämpfen, um mehr verbindliche Vorgaben für mehr Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten zu erreichen. Das ist kein Nice-to-have und auch keine milde Gabe, sondern echte Wirtschaftsförderung.“

Allerdings übe sich die Union in „beharrlichem Widerstand“, sagte Giffey am Mittwoch in Berlin mit Blick auf den Gesetzentwurf, der auch eine Frauenquote für Vorstände vorsieht. Die SPD-Politikerin forderte den Koalitionspartner auf, seine „Verzögerungstaktik“ aufzugeben. Der Entwurf muss demnach spätestens im Dezember ins Kabinett, damit der Bundestag das Gesetz noch in dieser Legislatur verabschieden kann.

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD), die den Entwurf für ein neues Führungspositionengesetz gemeinsam mit Giffey auf den Weg gebracht hatte, wertete die Allbright-Studie ebenfalls als Beweis, „dass wir mit freiwilligen Lösungen nicht weiterkommen.“ Deutsche Unternehmen fielen im internationalen Vergleich in Bezug auf Vielfalt in Führungsetagen immer weiter zurück. „Diese Entwicklung gefährdet nicht zuletzt das Ansehen der deutschen Wirtschaft und die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen“, warnte Lambrecht. Die vorgeschlagenen Regelungen für mehr Frauen in Führungspositionen müssten endlich Gesetz werden.

Tatsächlich gerät die deutsche Wirtschaft in puncto Vielfalt in Führungsetagen im Vergleich zu anderen westlichen Industriestaaten weiter ins Hintertreffen. In den USA, Großbritannien, Schweden, Frankreich und Polen wurden in der Krise kontinuierlich vielfältigere Führungsteams aufgebaut, die den komplexen Herausforderungen besser gewachsen sind. In den USA (28,6 Prozent), Schweden (24,9 Prozent) und Großbritannien (24,5 Prozent) ist der Frauenanteil im Topmanagement teils mehr als doppelt so hoch wie bei den Dax-Unternehmen.

Deutschland hinkt im internationalen Vergleich hinterher

Deutschland ist zudem das einzige Land, in dem kein einziger Konzern der ersten Reihe von einer Frau geführt wird. Und während in den Vergleichsländern Vorstände mit mindestens zwei Frauen längst die Norm sind, ist das in Deutschland weiterhin die absolute Ausnahme. Haben 97 Prozent der amerikanischen und 87 Prozent der französischen Großunternehmen mehrere Frauen im Vorstand, ist das in Deutschland nur noch bei vier Dax-Konzernen der Fall: Allianz, Daimler, Deutscher Telekom und Fresenius Medical Care.

Die Regel ist in Deutschland nach wie vor, gar keine Frau im Topmanagement zu haben und auch haben zu wollen. 101 der 160 untersuchten Unternehmen wurden im September 2020 ausschließlich von Männern geführt. Darunter waren mit Infineon, Heidelberg Cement, Siemens, Delivery Hero, Bayer, Deutsche Wohnen, MTU, Adidas, Eon, RWE und Linde auch elf der Dax-30-Konzerne.

Zudem setzen sich nach wie vor 55 der 160 größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland gar kein Ziel für den Frauenanteil. Dazu gehören die Dax-30-Konzerne Delivery Hero, Deutsche Wohnen, Heidelberg Cement und RWE.

„Dieser Entwicklungsstand im Topmanagement der deutschen Unternehmen passt nicht zum Selbstverständnis eines fortschrittlichen westlichen Industrielands. In der Krise auf vertraute Männer zu setzen ist ein kurzsichtiger Reflex, der sich über kurz oder lang rächen wird“, erklärt Ankersen. „Die gut ausgebildeten Frauen stehen längst in großer Zahl bereit. Die Unternehmen müssen ihnen nur viel konsequenter Verantwortung übertragen – auch und gerade in der Krise.“

Doch es gibt auch Hoffnungszeichen. Viele der jüngst gegangenen Vorständinnen waren Pionierinnen im Topmanagement, die häufig aus dem Ausland rekrutiert waren wie die Amerikanerin Jennifer Morgan bei SAP. Diese erste Generation wird nun nach und nach ersetzt. So kamen 90 Prozent der im vergangenen Jahr insgesamt 18 neu hinzugekommenen Vorständinnen aus Deutschland.

Bei Siemens etwa rückte zum 1. Oktober Judith Wiese in den Vorstand auf. Siemens verlässt damit wieder die von der Allbright Stiftung geführte „Rote Liste“ der Unternehmen, die gar keine Frau im Vorstand haben. Und bei Adidas soll Anfang 2021 eine neue Personalvorständin starten, geholt von der französischen Bank BNP Paribas, wie der Konzern am Mittwoch mitteilte.

Zudem haben in den vergangenen Wochen vier Dax-Konzerne neue Vorstandsfrauen benannt. Beim Softwarekonzern SAP soll Anfang 2021 die noch amtierende Microsoft-Deutschlandchefin Sabine Bendieck neue Personalvorständin werden, und bei der Deutschen Telekom soll zum 1. November Dominique Leroy das Europageschäft übernehmen. Sie ist damit neben Claudia Nemat und Birgit Bohle die dritte Frau im derzeit siebenköpfigen Vorstand der Telekom.

Und beim Pharmakonzern Merck soll die gebürtige Spanierin Belen Garijo zum 1. Mai sogar den Vorstandsvorsitz übernehmen. Sie wäre damit die historisch zweite Dax-Chefin in Deutschland.

Die Bundesfamilienministerin kämpft für mehr verbindliche Vorgaben für mehr Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten. Foto: dpa
Die Bundesfamilienministerin kämpft für mehr verbindliche Vorgaben für mehr Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten. Foto: dpa