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VIRUS/Sondereinsatz italienische Grenze: Ohne Papiere keine Chance

CHIASSO (dpa-AFX) - Am schweizerisch-italienischen Grenzübergang in Chiasso im Kanton Tessin ist an diesem Dienstag alles anders. Autoschlangen stehen vor den Schweizer Grenzern, die alle Papiere kontrollieren, seit die Italiener für das ganze Land weitreichende Ausgehsperren verhängt haben. Normalerweise werden hier an der Grenze nur gelegentliche Stichproben gemacht. Heute kommt nur durch, wer eine Bewilligung als Grenzgänger oder dringende Geschäfte hat. Alle paar Minuten schicken die Grenzer ein Auto zurück nach Italien.

Die Schweiz hat eine rund 800 Kilometer lange Grenze mit Italien. Der Kanton Tessin ragt wie ein Finger in die von der Covid-19-Epidemie besonders betroffene italienische Region Lombardei. Das Tessin ist derzeit gemessen an der Größe der Bevölkerung in der Schweiz mit am stärksten vom Coronavirus Sars-CoV-2 betroffen.

Auch zu Fuß kommen ein paar Leute in die Schweiz. "Ich habe meinen Job hier", sagt ein junger italienischer IT-Ingenieur. "Ich könnte von zuhause arbeiten, aber da fällt mir die Decke auf den Kopf." Ein italienischer Fliesenleger ist in Arbeitskleidung über die Grenze gekommen, die Grenzgängerpapiere in der Hosentasche. "Zu Hause sind die Leute total deprimiert, aber das Leben muss ja weitergehen", sagt er. Der Job erhalte ihm wenigstens ein bisschen Normalität.

Eine 54-jährige Schweizerin presst erleichtert einen Umschlag mit einer Stromrechnung für ihr Haus in Italien an die Brust. Sie hat sie erfolgreich auf einem Postamt auf italienischer Seite bezahlt. "Ich hatte Sorge, dass ich nicht zurück kommen kann, aber es war kein Problem, ich wohne ja hier." Ein Rentner mit Hund aus Chiasso hat gerade in Italien eine Zeitung gekauft und kommt zurück, ganz entspannt. "Die meisten Läden hinter der Grenze sind zu, aber der Kiosk war auf. Man kann doch nicht alles lahmlegen."

70 000 Grenzgänger kommen in normalen Zeiten jeden Tag ins Tessin. Tausende arbeiten in Gastgewerbe und Hotellerie, die aber mit unzähligen Absagen von Feiern, Banketten und Übernachtungen kämpfen. Aber auch in Kranken-, Alten- und Pflegeheimen kommt geschätzt ein Drittel des Personals aus Italien. Marco Chiesa von der rechten Partei SVP, der das Tessin in der zweiten Parlamentskammer vertritt, verlangte eine Grenzschließung. "Wir dürfen nur noch strategisches Personal ins Tessin lassen, das wir zwingend vor Ort brauchen - zum Beispiel Ärzte und Pflegepersonal. Oder allenfalls Firmenchefs", meinte er in der Boulevardzeitung "Blick".