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Jeder vierte Deutsche hält den Kampf gegen Corona für Panikmache

RKI-Chef Wieler räumt ein, er habe sich eine Pandemie solchen Ausmaßes „nie vorstellen können“. Viele Deutsche ficht das offenbar nicht an: Nicht mal jeder Zweite schränkt seine Kontakte nicht ein.

Der RKI-Präsident appelliert an die Bevölkerung, dringend einen Mindestabstand zu anderen Menschen von eineinhalb bis zwei Metern einzuhalten. Foto: dpa

Der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, hat sich an diesem Freitagmorgen über die anhaltende Sorglosigkeit und Rücksichtslosigkeit in der Bevölkerung alarmiert gezeigt. Er forderte die Bürger auf, „endlich die Augen vor der Realität zu öffnen“.

Er persönlich hätte sich eine Pandemie solchen Ausmaßes „nie vorstellen können“, sagte Wieler und appellierte erneut dringend an alle, immer einen Abstand von eineinhalb bis zwei Metern voneinander zu halten, sowie bei Krankheitssymptomen unbedingt zu Hause zu bleiben. Es sei auch keineswegs so, dass er in seinen täglichen Pressekonferenzen seine Einzelmeinung verbreite, so Wieler. Er werde „von Hunderten von Experten“ unterstützt.

Die Zahl der Infizierten in Deutschland beträgt nach den offiziellen Meldungen der Gesundheitsämter an das RKI (Stand Mitternacht) rund 14.000 – und damit fast 3000 mehr als 24 Stunden zuvor. „Das ist exponentielles Wachstum“, sagte der RKI-Chef. Die Zahl der Corona-Toten sei um elf auf 31 Verstorbene gestiegen. 

Eine Umfrage des Branchenverbandes Bitkom hatte ergeben, dass nur jeder Zweite vermeidet, unnötig auf die Straße zu gehen und nur knapp die Hälfte der Menschen öffentliche Verkehrsmittel meiden.

Lediglich vier von zehn Menschen treffen sich seltener mit Freunden oder Verwandten. Jeder vierte Bundesbürger sprach in der Umfrage, die am vergangenen Sonntag beendet worden war, sogar von einer Panik, die völlig übertrieben sei. Ob sich die Einstellung seither deutlich geändert hat, ist nicht bekannt. 

Weitere Maßnahmen

Die Politik rüstet sich gleichwohl für verschärfte Maßnahmen. Freiburg hat bereits eine Ausgangssperre verhängt, das gilt auch für kleine Landkreise in Bayern. Am heutigen Freitag will der bayrische Ministerpräsident Markus Söder (CSU), weitere Maßnahmen verkünden. Söder war bisher stets der erste Politiker, der sich zu strengeren Vorgaben entschloss, beispielsweise auch bei der Schließung der Schulen. 

Auch der Virologe Christian Drosten hatte zuvor dazu aufgerufen, dass alle Bürger, die Erkältungssymptome zeigten, zu Hause bleiben sollten. Zum jetzigen Zeitpunkt, wo die Grippewelle im Prinzip beendet sei, „kann sich im Prinzip jeder mit solchen Symptomen als Corona-infiziert betrachten“, sagte der Chef der Virologie der Berliner Charité im NDR.

Da die Testkapazitäten aber sehr beschränkt sind, solle man sich in diesem Fall selbstständig in heimische Quarantäne begeben. Der Arzt müsse aber auf jeden Fall alarmiert werden, wenn Atemnot auftrete, sagten sowohl Drosten als auch Wieler.