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„Viele Unternehmer scheren sich nicht groß um Grenzen“

Am Freitag verlässt Großbritannien die EU, viele Fragen sind noch immer offen. Wie wirbt man in den Brexit-Wirren als Wirtschaftsstandort um Firmen? Ein Gespräch mit dem Chef der Investmentagentur der Stadt London.

Vier vorneDie weltweit führenden Impfstoff-Hersteller (Marktanteil in Prozent) Quelle: Evaluate Pharma Foto: dpa

Allen Simpson ist der Geschäftsführer von London and Partners, der offiziellen Investmentagentur der Stadt London.

WirtschaftsWoche: Am Freitag tritt Großbritannien aus der EU aus. Wie reagieren Sie darauf?
Allen Simpson: Wir haben eine Beratungs-Hotline eingerichtet und helfen britischen internationalen Firmen dabei, wenn sie Fragen bezüglich des Brexit haben.

Und wird dieser Service auch genutzt?
Oh ja. Viele Firmen wenden sich an uns mit Fragen hinsichtlich der Kontinuität. Wir bekommen viele Anfragen aus dem Tourismussektor. Da geht es oft um Visaregelungen und ob es Veränderungen bei den Passkontrollen geben wird. Und die Antwort auf beides lautet: Nein, das bleibt zunächst genau so, wie es ist. Der Übergang am 31. Januar wird recht reibungslos sein, denn dann gehen wir ja direkt in die Übergangszeit, die bis Ende des Jahres andauern soll.

Danach könnten sich die Dinge aber ändern. Wie bereiten sich die Unternehmen in London darauf vor?
Sie tun das, indem sie die notwendigen Änderungen vornehmen, damit sie auch in Zukunft grenzüberschreitend Handel treiben können. Wir sehen es nur relativ selten, dass sich Firmen dafür entscheiden, den Standort zu wechseln. Viele Firmen nehmen rechtliche und operative Veränderungen vor. Und darum drehen sich auch die meisten Fragen, die wir bekommen: Es geht darum, wie man in dem neuen Umfeld operiert.

Kommen denn derzeit auch viele neue Firmen in die Stadt?
Ja, da beobachten wir einen nennenswerten Anstieg. Wir können mit Sicherheit sagen, dass potentielle Investoren positiv auf die zunehmende Sicherheit reagieren. Aus Deutschland haben wir derzeit mehr interessierte Unternehmen als im vergangenen Jahr. Und auch der FTSE 100-Kurs ist um vier Prozentpunkte angestiegen seit den Parlamentswahlen vor anderthalb Monaten. Das zeigt uns, dass ausländische Investoren britische Unternehmen als gute Investitionsziele betrachten.

Gab es die Flucht aus dem Finanzsektor, die man befürchtet hat?
Große und kleine Finanzunternehmen waren offensichtlich in der Lage, Veränderungen vorzunehmen, die es ihnen ermöglichen, in London zu bleiben. Viele große internationale Banken haben Niederlassungen in der EU eröffnet, damit sie hier bleiben können. Erst gestern habe ich gelesen, dass über tausend Firmen im Finanzsektor in Großbritannien Niederlassungen eröffnen oder ihre Präsenz ausweiten, damit sie weiter legal operieren können. Gerade Unternehmen in Branchen, die hier in London stark vertreten sind, sind offenbar sehr gut dazu in der Lage, die Herausforderungen zu bewältigen, die der Brexit bietet.

Bis zum Ende der Übergangsfrist, die mindestens bis zum Ende dieses Jahres andauern soll, wird sich in der Praxis nicht viel ändern. Aber danach könnte beispielsweise das Passporting für Banken wegfallen, das es ihnen erlaubt, ihre Dienste in der EU anzubieten. Und auch Dienstleistungsunternehmen könnten einen erschwerten Zugang zum europäischen Markt haben.
Das stellt für solche Firmen natürlich eine zusätzliche Komplikation dar. Die wesentliche Frage ist aber, ob sie die lösen möchten oder nicht. Und es spricht alles dafür, dass sie das möchten. Mehr als die Hälfte des Investmentbankings läuft in Europa heute über US-Firmen. Es gibt überhaupt keine Vereinbarung, die das unterstützt. Aber Finanzdienstleister scheinen ausgesprochen begabt darin zu sein, einen Zugang zu anderen Märkten zu finden. Viele Firmen in datengetriebenen Sektoren wie Finanzdienstleistungen und dem Technologiesektor betrachten die politischen Entwicklungen mit einer gewissen Gleichgültigkeit. Viele Unternehmer in diesen Sektoren scheren sich nicht groß um Grenzen.

Also ist der Brexit gar nicht so wichtig?
Ich denke, die generellen Trends setzen sich über den Brexit hinweg. Da geht es eher um die Frage, wie Städte wie London, aber auch Berlin oder München, auf die vierte industrielle Revolution reagieren. Und da geht es nicht um Handelsabkommen, sondern darum, eine Stadt erfolgreich in einen Teil eines weltweiten Netzwerks zu verwandeln. Da spielen die Entscheidungen, die in Unternehmen getroffen werden, eine weitaus größere Rolle als jene, die Regierungen treffen.

Wie sieht es mit deutschen Investitionen in Großbritannien aus?
Es hat eine Pause bei den Investitionen aus Deutschland gegeben, als viele Unternehmen auf mehr Gewissheit gewartet haben. Jetzt, da wir mehr Gewissheit haben, sehe ich klare Anzeichen dafür, dass die Investitionen jetzt kommen. Kürzlich ist beispielsweise N26, ein so genanntes „Einhorn“ (Anm. der Red.: ein Startup-Unternehmen mit einer Marktbewertung von über einer Milliarde US-Dollar) nach London gekommen, um hier eine Niederlassung zu eröffnen. Und ich vermute, dass die auch von dem umfassenden Ökosystem angezogen wurden. Denn London ist ja nicht nur stark bei den Finanzdienstleistern, sondern auch im Technologie-Sektor, in der Kultur und in vielen anderen Bereichen.

Wandern nicht auch viele britische Start-ups nach Berlin aus?
In den vergangenen fünf Jahren gab es rund 500 Investitionen aus Großbritannien nach Deutschland. Ein großer Teil davon dürfte nach Berlin gegangen sein. Dabei sind 23.000 bis 24.000 Jobs entstanden. Das ist für Deutschland gut, aber auch für Großbritannien. Denn das erzeugt grenzüberschreitende Verbindungen. Für Investmentagenturen wie uns ist das ein wichtiger Trend: Die Stärke unserer Stadt hängt immer mehr von der Tiefe der Verbindungen ab, die sie in alle Welt haben.

Nun mahnen Kritiker es als einen Makel der britischen Wirtschaft an, dass so viele Ressourcen nach London gehen, während viele Landesteile leer ausgehen. Diese Diskrepanz gilt ja auch als ein wesentlicher Grund dafür, dass es zum Leave-Votum gekommen ist. Wie Betrachten Sie dieses Problem?
Dazu werden hier wirklich leidenschaftliche Debatten geführt. Was man zweifelsfrei sagen kann: Die Stärke Londons und die Herausforderung, die Regionen zu entwickeln, hängen nicht notwendigerweise zusammen. Denn es ist oft so, dass ausländische Firmen ihre Hauptquartiere in London eröffnen, dann aber anderswo viele Jobs schaffen. Ein Beispiel wäre Citibank, die im hiesigen Finanzdistrikt eine starke Präsenz haben. Die beschäftigen aber auch in Belfast 3000 Leute. Lidl wäre ein anderes Beispiel. Die haben gerade erst Investitionen in Großbritannien in Höhe von 15 Milliarden Pfund in den kommenden fünf Jahren angekündigt. Ich bin mir absolut sicher, dass die das deswegen getan haben, weil sie über London einen großartigen Zugang zu Großbritannien haben.

Was wird die Zukunft bringen für deutsch-britische Kooperationen?
Da gibt es einen positiven Trend: Im vergangenen Jahr waren an den Londoner Universitäten so viele deutsche Studenten eingeschrieben wie noch nie zuvor. Es war auch ein Rekordjahr für ausländische Studenten generell. Wir wissen, dass das in zehn, fünfzehn Jahren zu einem Anstieg an ausländischen Direktinvestitionen führen wird. Nämlich dann, wenn diese heutigen Studenten herkommen, um hier Firmen oder Niederlassungen zu eröffnen.

Wachstumsmarkt ImpfstoffeUmsätze in wichtigen Therapiegebieten (weltweit in Mrd. Dollar) *Prognose Quelle: Evaluate Pharma Foto: dpa
Am Freitag verlässt Großbritannien die EU. Welche Negativfolgen er für die Briten haben wird, ist unklar. Foto: dpa