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Zahl der Interessenten wächst: Bieterkampf um Qiagen zeichnet sich ab

Mehrere Interessenten loten eine Übernahme der Biotechfirma aus. Der Kaufpreis könnte mehr als zehn Milliarden Euro betragen. Was das Unternehmen so interessant macht.

Deutschlands größtes Biotechunternehmen könnte bald von einem der großen Konkurrenten übernommen werden. Foto: dpa

Innerhalb weniger Wochen ist die Qiagen-Gruppe aus einer Vertrauenskrise heraus zum umschwärmten Übernahmekandidaten avanciert. Für den Gentechnik- und Diagnostikspezialisten haben nach Informationen aus Unternehmenskreisen mittlerweile mehr als drei Industriekonkurrenten Interesse signalisiert. Damit zeichnet sich womöglich ein Bieterkampf um den Hildener Konzern ab.

Branchenexperten und Analysten betrachten es daher inzwischen als sehr wahrscheinlich, dass Deutschlands größtes Biotechunternehmen über kurz oder lang von einem der großen Konkurrenten übernommen wird.

Als aussichtsreichster Kandidat gilt dabei nach wie vor der amerikanische Konzern Thermo Fisher Scientific, der mit einer ähnlichen Struktur wie Qiagen – sowohl im Diagnostikgeschäft als auch Life-Science-Bereich mit Geräten und Reagenzien für die Biochemie- und Pharmaforschung – aktiv ist.

Er hat Meldungen der Nachrichtenagenturen Bloomberg und Reuters zufolge Kontakt mit Qiagen aufgenommen und Vorbereitungen für eine mehr als acht Milliarden Dollar schwere Offerte getroffen. Als weitere potenzielle Interessenten werden unter anderem aber auch Unternehmen wie der US-Gensequenzierungs-Spezialist Illumina oder Diagnostika-Anbieter wie Danaher, Abbott oder Healthineers gehandelt.

Qiagen selbst hatte am Wochenende bestätigt, dass man „mehrere nicht verbindliche und bedingte Interessensbekundungen über einen Erwerb sämtlicher ausgegebener Aktien an der Gesellschaft“ erhalten habe und nun mögliche strategische Alternativen prüfe. Darüber hinaus macht das Unternehmen bisher keine Angaben zu den laufenden Gesprächen.

Den möglichen Kaufpreis für Qiagen siedeln Analysten bei Werten zwischen 44 und knapp 50 Euro je Aktie an. Das würde auf eine Bewertung von etwa 9,8 bis 11,5 Milliarden Euro hinauslaufen. Auf diesem Niveau, so die Erwartung, dürfte es dem Qiagen-Management schwerfallen, einen Deal abzulehnen. Eine solche Transaktion wäre die mit Abstand größte Transaktion in der deutschen Biotech-Szene.

Enttäusche Erwartungen

Der Hildener Konzern mit zuletzt rund 1,5 Milliarden Dollar Jahresumsatz war in den vergangenen Wochen spürbar unter Druck geraten, nachdem er zweimal hintereinander seine Umsatzprognosen für 2019 nach unten korrigieren musste. Statt der geplanten mehr als sechs Prozent legte der Umsatz von Qiagen in den ersten drei Quartalen nur um vier Prozent auf 1,1 Milliarden Dollar zu.

Er dürfte auch im Gesamtjahr nur um etwa vier Prozent zulegen, was bei Analysten wiederum Zweifel an den mittelfristigen Wachstumserwartungen von acht Prozent pro Jahr weckte. Der um Sonderfaktoren bereinigte Betriebsgewinn (Ebit) von Qiagen stagnierte in den ersten neun Monaten bei 283 Millionen Euro.

Inklusive umfangreicher Rückstellungen für Restrukturierungen und Wertkorrekturen im Bereich des sogenannten „Next Generation Sequencings“ (NGS) verblieb indessen ein Betriebsverlust von 106 Millionen Dollar. Auf diesem Gebiet hat Qiagen die Weiterentwicklung der eigenen Plattform zur Gensequenzierung zugunsten einer Allianz mit dem Marktführer in der Gensequenzierung, dem US-Unternehmen Illumina, aufgegeben.

Etliche Zukäufe in dem Bereich musste man daher neu bewerten und die Forschungsaktivitäten neu ausrichten. Für Unsicherheit sorgte ferner der überraschende Abgang des langjährigen Firmenchefs Peer Schatz, der zeitgleich mit der Umsatzwarnung und dem Kurswechsel im NGS-Bereich seinen Rücktritt erklärte.

Anstelle von Schatz, der stets als Verfechter der Eigenständigkeit von Qiagen galt, übernahm Thierry Bernard als Interims-CEO die Führung des Konzerns. In Reaktion auf diese Veränderungen war die Qiagen-Aktie Anfang Oktober um mehr als ein Fünftel auf unter 24 Euro je Aktie abgestürzt. Unter dem Eindruck der Übernahmespekulationen hat sie sich davon jedoch in den vergangenen Wochen wieder vollständig erholt.

Am Montag legte sie um acht Prozent auf etwas über 37 Euro zu, den höchsten Wert seit dem Frühjahr 2001. Eine Übernahme zu Kursen von um die 50 Euro würde einem weiteren Plus von mehr als 20 Prozent entsprechen und auf eine Verdopplung gegenüber dem Kurstief vom Oktober hinauslaufen.

Analysten haben vor dem Hintergrund eines möglichen Bieterkampfes die zuvor gesenkten Kursziele inzwischen wieder reihenweise nach oben korrigiert. Grundlage dafür ist zum einen die Einschätzung, dass Qiagen das letzte größere Übernahme-Objekt in einer Industrie repräsentiert, die seit Jahren bereits von einem starken Konsolidierungstrend mit diversen größeren Deals geprägt war. Daraus, so die Überlegung, könnte schlicht ein gewisser Knappheitspreis resultieren.

Hohe Synergien in Sicht

Zum anderen lassen sich Bewertungen von um die zehn Milliarden Euro aus der Sicht von Experten, aber auch aus der Aussicht auf erhebliche Kostensenkungen und mögliche Synergien im Vertrieb ableiten.

Scott Bardo von Berenberg etwa schätzt, dass ein Käufer bis zu 250 Millionen Dollar an operativen Kosten einsparen und daher mit einem bereinigten Betriebsgewinn vor Abschreibungen von um die 800 Millionen Dollar kalkulieren könnte, gegenüber den bisher erwarteten 540 bis 560 Millionen Dollar für Qiagen als eigenständige Firma.

Zieht man Parallelen zur Übernahme von Sigma-Aldrich durch Merck, errechnet sich laut Berenberg ein potenzieller Übernahmepreis von 47 bis 50 Dollar (42 bis 45 Euro) je Qiagen-Aktie. In eine ähnliche Richtung geht die Kalkulation von Commerzbank-Analyst Daniel Wendorff, der sein Kursziel auf 48 Dollar (etwa 43,40 Euro) angehoben hat.

An vorderster Front unter den möglichen Käufern sieht er dabei unverändert den US-Konzern Thermo Fisher. „Er kann im Falle einer Übernahme wohl die höchsten Synergien realisieren und damit theoretisch auch den höchsten Preis für Qiagen bieten“, schätzt Wendorff.

Thermo Fisher ist mit gut 120 Milliarden Dollar Börsenwert und zuletzt 24 Milliarden Dollar Umsatz deutlich größer als Qiagen. Etwa ein Viertel seiner Erlöse erzielt der US-Konzern mit Laborgeräten und 15 Prozent mit Diagnostika. Der Rest entfällt auf Reagenzien für die Forschung, andere Materialien und Serviceleistungen.

Zuletzt verstärkte er sich durch die Übernahme des niederländischen Forschungsservice-Unternehmens Patheon, das seinerseits zuvor von Finanzinvestoren aus mehreren Firmen zusammengebaut worden war. Qiagen wäre eine weitere interessante Ergänzung für Thermo Fisher.

Für Merck und andere wäre eine Übernahme wohl komplizierter

Denn der Hildener Konzern, der ursprünglich als Spezialist für die DNA-Aufreinigung groß geworden war, erzielt heute jeweils rund die Hälfte seines Umsatzes mit Diagnostika und Reagenzien für die Biochemie- und Genforschung. Mit einer Übernahme könnte der US-Konzern folglich gleich mehrere seiner Geschäftsfelder stärken. Beide Konzerne beliefern zum großen Teil die gleichen Kunden.

Für andere Akteure aus der Branche wäre eine Übernahme dagegen wohl komplizierter. Diagnostik-Marktführer Roche etwa müsste größere Kartellprobleme fürchten, da er ebenfalls Forschungslabore beliefert und stark in der molekularen Diagnostik engagiert ist. Zudem wäre es problematisch für Roche, die Aktivitäten von Qiagen in der Entwicklung von Begleitdiagnostika für andere Pharmafirmen weiterzuführen.

Reine Diagnostikanbieter wie Abbott und Healthineers könnten mit dem Forschungsgeschäft von Qiagen wenig anfangen. Die beiden offensivsten Käufer im Life-Science-Sektor, der US-Konzern Danaher und die deutsche Merck-Gruppe, sind vorerst noch damit beschäftigt, ihre jüngsten Zukäufe zu verdauen. Danaher hatte im Frühjahr die Übernahme des Biopharmageschäfts von GE für 21 Milliarden Dollar vereinbart.

Der Merck-Konzern, zu dem Qiagen theoretisch ebenfalls passen würde, hat sich gerade erst im Chemiebereich mit der knapp sechs Milliarden Euro teuren Übernahme von Versum verstärkt und wäre daher von einem Qiagen-Deal finanziell überfordert. Vor dem Hintergrund hat der Darmstädter Konzern noch vor wenigen Tagen bekräftigt, dass man vorerst wohl keine weiteren größeren Akquisitionen plant.