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Ein Vertrauter von Grünen-Chefin Baerbock erklärt, wie die Grünen im Herbst ins Kanzleramt einziehen wollen

·Lesedauer: 5 Min.
Annalena Baerbock soll für die Grünen die Trumpfkarte auf dem Weg ins Kanzleramt sein.
Annalena Baerbock soll für die Grünen die Trumpfkarte auf dem Weg ins Kanzleramt sein.

Kurz nach dem 19. April – der Tag an dem die Grünen ihre Kanzlerkandidatin präsentierten – sah es so aus, als wäre die Partei in den Umfragen beim Wähler beliebter als die CDU/CSU. Die Umweltpartei kratzte an der 30-Prozent-Marke. Inzwischen ist der Wählerzuspruch wieder abgeflacht, aber unter 20 Prozent stehen die Grünen in keiner Prognose. Das Problem der Partei war allerdings bisher der Fluch der Vorschusslorbeeren: Bei deutschlandweiten Wahlen schnitten die Grünen stets schlechter ab, als es die Prognosen vermuten ließen. Vor der Bundestagswahl 2013 rangierten sie in den Sonntagsfragen im zweistelligen Bereich und landeten letztendlich doch nur bei 8,4 Prozent (2017: 8,9). Diesmal ist man in der Parteizentrale der Grünen jedoch zuversichtlich.

Einer der engsten Vertrauten von Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock erzählt Business Insider, welche Punkte die Partei anders angehen will, damit es im Herbst fürs Kanzleramt reicht.

Der Teamgedanke

Obwohl sich die Grünen erstmals auf eine Kanzlerkandidatin festgelegt haben, vergeht kein öffentlicher Auftritt von Annalena Baerbock, ohne dass die Frontfrau das Wort "Team" ausspricht. Der Bundesgeschäftsführer der Grünen, Michael Kellner, kommentiert das Vorgehen so: "Annalena Baerbock wird von vorne als Kanzlerkandidatin ziehen, aber selbstverständlich zusammen im Team mit Robert Habeck und der gesamten Partei. Eine Kampagne lebt von der Breite des Angebots und den Inhalten."

Schon bei ihrer Antrittsrede am 19. April holte Baerbock deshalb wörtlich mit "Robert und ich und viele andere" alle Grünen ins Boot, man gehe den Bundestagswahlkampf "gemeinsam an". Die Ablenkung von Baerbock als Frontfrau scheint bewusst. Die Grünen wollen einen neuen Führungsstil prägen, der mit weniger Ellenbogen als zuletzt in der Union das Duell Laschet-Söder auskommt.

Vom Duell zum Triell

Michael Kellner war unter anderem Wahlkampfleiter für die Europawahl 2014, bei der die Grünen ein zweistelliges Ergebnis einfuhren. Er macht deutlich: "Eines unserer Ziele, die wir vor zwei Jahren für den Wahlkampf festgelegt haben, war, im Frühjahr 2021 in einer Duell-Situation mit der Union zu sein. Dass wir dieses Ziel so deutlich übertroffen haben, ist eine Sensation." Und die bringt jetzt praktische Folgen mit sich.

Kurz vor Pfingsten gab es beim WDR sowas wie einen offiziellen Auftakt zum Bundestagswahlkampf 2021. Die Besonderheit: Bei diesem ersten Aufeinandertreffen der Spitzenkandidaten war außer Armin Laschet (CDU) und Olaf Scholz (SPD) auch Baerbock für die Grünen dabei. Ein Triell gab es noch nicht. Noch 2002 scheiterte Guido Westerwelle vor dem Bundesverfassungsgericht damit, sich in das TV-Duell zwischen Edmund Stoiber (CSU) und Gerhard Schröder (SPD) hineinzuklagen. Diesmal planen alle großen Sender eine Debatte mit den drei offiziellen Kanzlerkandidaten. Die Grünen verbuchen es als Erfolg, erstmals geladen zu sein. Denn die Teilnahme signalisiert nach außen: Sie sind unter den potenziellen Kanzlerparteien angekommen.

Mitgliederwucht und Wahlkampfbudget

Bisher rangieren die Grünen was die Mitgliederzahlen angeht deutlich hinter den beiden "Volksparteien". Die Sozialdemokraten können sich auf die Wahlkampfhilfe von gut 419.000 Genossen und Genossinnen berufen, bei der Union greift man auf mehr als eine halbe Million Mitglieder zurück. Da kann die Umweltpartei nicht mithalten. Wer die größere Mannschaft stellt, hat im Wahlkampf Vorteile: Plakate aufhängen, Stände in den Innenstädten, Informationsveranstaltungen – all das übernehmen die Mitglieder. Aber immerhin verbuchen die Grünen seit 2016 einen Zuwachs von 60.000 auf über 107.300 Mitglieder (Stand: 31. Dezember 2020). Die sollen Baerbock im Kampf ums Kanzleramt den Rücken frei halten. Aus der Parteizentrale heißt es, es hätten sich fast 10.000 Freiwillige registriert, die sich im Wahlkampfteam engagieren wollen. Seit dem Frühjahr habe man zahlreiche neue Mitglieder gewonnen, die natürlich Geld bringen. Der Mitgliedsbeitrag beträgt laut Satzung mindestens ein Prozent des Nettoeinkommens.

Zudem ist das Wahlkampfbudget gestiegen. Bei der Bundestagswahl 2017 standen den Grünen etwa 6,5 Millionen Euro für den Wahlkampf zur Verfügung, heißt es aus der Parteizentrale. Diesmal sind es, statt der "eigentlich geplanten" zehn Millionen Euro, über zwölf Millionen Euro. "Weil wir mehr Spenden und mehr Mitglieder haben", erläutert eine Parteisprecherin. Allerdings, so Bundesgeschäftsführer Kellner, kämen auf die Grünen auch neue Herausforderungen zu: "Es ist neu für uns im Zentrum der Auseinandersetzung des Wahlkampfes zu stehen und fordert viele Ressourcen. Ein moderner Wahlkampf wird gewonnen durch die Mobilisierung von vielen, vielen Freiwilligen."

Wechselstimmung im Land

Die Grünen wollen auch durch ihre Kandidatenauswahl bewusst die generelle Wechselstimmung im Land bedienen. Baerbock ist 20 Jahre jünger als ihre Gegner, weiblich und Mutter zweier kleiner Kinder – der Kontrast zu Scholz und Laschet ist deutlich. Um das herauszuarbeiten, warb die Kanzlerkandidatin bei ihrem Antrittstermin mit Aussage wie "ich bin tief davon überzeugt, dass dieses Land einen Neuanfang braucht." In Zwiegesprächen mit Laschet und Scholz bedient sie stets das Narrativ, die Anderen stünden für ein "Weiter so" wohingegen sie Deutschlands Zukunft im Blick habe.

OllenEin cleverer Schachzug, denn eine Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung ergab, dass sich die meisten Menschen in Deutschland derzeit tatsächlich einen politischen Wechsel und Neuanfang wünschen. 1.028 Personen wurden dafür Anfang Mai repräsentativ befragt. Mehr als sechs von zehn (61,5 Prozent) wünschen sich einen Wechsel der Bundesregierung, während nur etwa jeder achte Befragte meint, das wäre nicht gut. Gleichzeitig wollen mehr als zwei Drittel (67,2 Prozent) aller Menschen in vielen Bereichen eine andere Politik, während nur gut 14 Prozent eine Fortsetzung der jetzigen Regierungspolitik möchten. „Für den Wunsch nach Wechsel ist das der höchste gemessene Wert seit der ersten Erhebung der Frage Anfang der 1990er Jahre. Die Wechselstimmung befindet sich damit auf einem Rekordniveau“, sagt Robert Vehrkamp von der Bertelsmann-Stiftung über die Ergebnisse. Nach konkreten Politikfeldern befragt, wünschen sich die meisten Menschen (55,4 Prozent) eine neue Umwelt- und Klimaschutzpolitik – ein Gebiet, das die Grünen per se als eigene Kernkompetenz ansehen.

Eine Verdoppelung der Grünen-Abgeordneten nach der Bundestagswahl im September wäre – aus der Perspektive der grünen Höhenflüge im Frühjahr betrachtet – zu wenig. Für die ehemalige Revoluzzer-Partei wäre es jedoch das Zeichen, in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein.

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