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Die verrückteste deutsche Serie aller Zeiten?

·Lesedauer: 3 Min.
Wer bin ich - und wenn ja, wie viele? Der Titel des philosophischen Sachbuch-Bestsellers von Richard David Precht könnte Pate gestanden haben beim Konzept der Sky-Serie "Ich und die anderen". Thirtysomething Tristan (Tom Schilling) sucht über sechs Teile nach seiner wahren Identität. Gibt es sie überhaupt? (Bild: Sky Deutschland /  Superfilm)
Wer bin ich - und wenn ja, wie viele? Der Titel des philosophischen Sachbuch-Bestsellers von Richard David Precht könnte Pate gestanden haben beim Konzept der Sky-Serie "Ich und die anderen". Thirtysomething Tristan (Tom Schilling) sucht über sechs Teile nach seiner wahren Identität. Gibt es sie überhaupt? (Bild: Sky Deutschland / Superfilm)

Sie suchen nach einer Serie, die komödiantisch klug von der Social Media- und Selbstoptimierungswelt des modernen Menschen erzählt? Der österreichische Kultautor David Schalko ("Braunschlag") erschuf einen mutigen, aber auch fordernden Sechsteiler mit Tom Schilling (ab Donnerstag, 29. Juli, Sky).

Wer bin ich - und wenn ja, wie viele? Der Titel des philosophischen Sachbuchs von Richard David Precht könnte Pate gestanden haben beim Konzept der Sky-Serie "Ich und die anderen". Thirtysomething Tristan (Tom Schilling) sucht nach seiner wahren Identität. Gibt es sie überhaupt? In sechs Folgen wird die Geschichte eines Jedermanns erzählt, der in einer großen Wiener Werbeagentur arbeitet. Seine Freundin (Katharina Schüttler), die er noch nicht lange kennt, erwartet ein Kind von ihm. Man könnte denken, diesem Mann geht es gut - aber: Er hadert mit sich und der Welt. In jeder der sechs etwa 50 Minuten langen Folgen werden wie bei einer Mindfuck-Variante von "Und täglich grüßt das Murmeltier" die Karten neu gemischt. Tristan erwacht morgens im Bett, und ein Wunsch wird wahr, beziehungsweise eine schräge Idee zur Realität: Was passiert, wenn sich die anderen plötzlich so verhalten, wie wir uns das wünschen? Wie wäre es, wenn alle Menschen alles über mich wüssten, jeder meiner Gedanken für alle transparent wäre?

Oder: Was passiert, wenn mich alle Menschen lieben? Und dann ist da noch eine Folge, in der Tristan von seinem Chef einen Stöpsel ins Ohr bekommt, von dem sich später herausstellt, dass ihn bereits ziemlich viele Menschen tragen. Eine Art persönliche Super-Alexa, die dem Menschen bei jedem Schritt, jedem Dialog, den man so über den Tag abwickelt, immer die richtige und beste Lösung einflüstert. Inklusive eines beziehungstechnischen Matching-Wertes, der dem Menschen bei jeder Begegnung sagt, woran man ist. Das klug-zynische Serien-Experiment "Ich und die Anderen", sicher nichts für Freunde konventioneller Erzählungen, steht ab 29. Juli auf Sky Q komplett zum Abruf bereit. Alternativ kann man sich die Serie auch bei Sky Atlantic wöchentlich, um 20.15 Uhr, in Doppelfolgen ansehen.

Die Welt in Rosarot: Ist es ein Alptraum, wenn dich alle ganz doll lieben? Hauptfigur Tristan (Tom Schilling) macht diese Erfahrung in einer der Folgen von "Ich und die Anderen". Sogar seine anstrengende, schwangere Freundin (Katharina Schüttler) ist plötzlich nett zu ihm. (Bild: Sky Deutschland /  Superfilm)
Die Welt in Rosarot: Ist es ein Alptraum, wenn dich alle ganz doll lieben? Hauptfigur Tristan (Tom Schilling) macht diese Erfahrung in einer der Folgen von "Ich und die Anderen". Sogar seine anstrengende, schwangere Freundin (Katharina Schüttler) ist plötzlich nett zu ihm. (Bild: Sky Deutschland / Superfilm)

Fernsehen - so fordend wie Rainer Werner Fassbinder

Autor und Regisseur ist der Kult-Österreicher David Schalko ("Braunschlag", "Altes Geld", "M - Eine Stadt sucht einen Mörder"), bekannt für unkonventionelles Fernsehen und mitunter verstörende Bilder- sowie Gedankengewitter. Über seine neue Serie sagt der 48-Jährige: "Am Ende ist ein Roadmovie entstanden, dessen Straßen die Gehirnwindungen unseres Protagonisten sind. Und vielleicht etwas, das es so in der Serienlandschaft noch nicht gibt."

Die Premiere der Serie, die mit weiteren Groß-Schauspielern wie Martin Wuttke, Sophie Rois (als Tristans Eltern), Michael Maertens (als dessen Psychotherapeut) oder Mavie Hörbiger (als ewige Jugendliebe) sehr prominent besetzt ist, war auf der Online-Berlinale im März 2021. Dort erhielt die Produktion viel Kritikerzuspruch, auch wenn Kunst- und Künstlichkeit des Ganzen sicher nichts für jeden oder jede sind.

Tatsächlich ist "Ich und die Anderen" ein ziemlich traumhaftes Bilder- und Dialoggewitter: schräg, absurd komisch und thematisch zwischen Kommunikationstheorie und Tiefenpsychologie angesiedelt. Ein inhaltlich ziemlich scharfer Kommentar zum Leben jener Menschen, die sich derzeit das Luxusproblem leisten können, fernab existenzieller Nöte mit Themen wie Selbstoptimierung, Selbstverwirklichung, vor allem aber mit der perfekten Darstellung ihrer Persönlichkeit auf Social Media und in der Realität beschäftigt zu sein. "Ich und die Anderen" ist eine Serie über Schein und Sein - und über das Unglück, das dieser "Integrationskampf" über seine Protagonisten bringt.

Es könnte sein, dass sechsmal 50 Minuten Diskurs-Serie trotz aller absurder, komödienhafter Einfällen, trotz Musical- und sogar Splatter-Einlagen fürs breite Publikum einfach zu anstrengend ist. Dennoch muss man den Machern Respekt zollen: So fordernd, so kompromisslos war deutschsprachiges Fernsehen vielleicht nicht mehr seit jenen Tagen, als Rainer Werner Fassbinder 1980 die Serie "Berlin Alexanderplatz" in die ARD-Primetime hievte. Doch das waren andere Zeiten, mit anderen Geschichten.

Tristans Chef (Lars Eidinger), der eine große Werbeagentur leitet, ist sehr von sich und seinen Ideen eingenommen. (Bild: Sky Deutschland /  Superfilm)
Tristans Chef (Lars Eidinger), der eine große Werbeagentur leitet, ist sehr von sich und seinen Ideen eingenommen. (Bild: Sky Deutschland / Superfilm)
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