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Veranstaltungsbranche fordert Ausfallfonds für Business-Events

Terpitz, Katrin
·Lesedauer: 5 Min.

Künftig solle der Staat Kosten für untersagte Events erstatten, verlangt die Branche. Sonst drohe eine Pleitewelle. Auch ein Impfnachweis ist im Gespräch.

88 Prozent des Umsatzes macht die Veranstaltungsbranche mit Business-Events. Foto: dpa
88 Prozent des Umsatzes macht die Veranstaltungsbranche mit Business-Events. Foto: dpa

Karneval ist sonst eine der geschäftigsten Zeiten des Jahres für Rheinland-Akustik. Die Veranstaltungstechniker statten Auftritte von Kölner Bands, Prunksitzungen von Prinzengarde, Roten und Blauen Funken genauso aus wie Rosenmontagswagen mit Tontechnik.

Sonst gibt es in der Karnevalswoche Urlaubssperre, nun sind die meisten der rund 30 Mitarbeiter in Kurzarbeit. „Denn wir haben für das ganze Jahr 2021 noch keinen einzigen größeren Auftrag“, sagt Hendrik Brock, gemeinsam mit Philipp Suckrau geschäftsführender Gesellschafter. 2020 war der Umsatz der Troisdorfer bereits um mehr als 90 Prozent eingebrochen.

Denn auch die Hauptkunden aus der Auto-, Finanz- und Kulturbranche können in der Pandemie keine Events veranstalten. „Wir halten uns mit unseren Ersparnissen über Wasser, denn die staatlichen Hilfen, über die wir sehr dankbar sind, reichen nicht aus“, so Brock.

„Warum werden Lufthansa und Adidas mit Staatshilfe gerettet, aber nicht die vielen kleinen Firmen?“, ärgert sich der Rheinländer über die „Klüngelwirtschaft“. Immerhin arbeiten in der Veranstaltungsbranche 1,5 Millionen Menschen, sie ist der sechstgrößte Wirtschaftszweig hierzulande.

Bei vielen der rund 30.000 Unternehmen der Branche sind offenbar bisher kaum Hilfsgelder angekommen. So haben 84 Prozent der Firmen noch keinen Cent der Dezemberhilfe bekommen. Das zeigt zumindest eine aktuelle Blitzumfrage des Kommunikationsverbands Famab. „Und immerhin 40 Prozent der Unternehmen haben immer noch kein Geld aus der Novemberhilfe erhalten“, moniert Jörn Huber, Vorstandsvorsitzender der Famab.

Business-Events erwirtschaften rund 88 Prozent des Umsatzes der Veranstaltungsbranche

Vor allem aber fordert die Branche endlich Klarheit für die Zeit nach dem Lockdown. Ein staatlicher Ausfallfonds solle Veranstalter und Kunden bei Verboten wirtschaftsbezogener Events entschädigen. Nur so könne das Vertrauen in Kongresse, Tagungen oder Messen wiederhergestellt werden.

Denn rund 88 Prozent des Umsatzes der Veranstaltungsbranche von insgesamt 130 Milliarden Euro erwirtschaften Business-Events, so Zahlen des Famab. Den weitaus geringeren Teil spielen Kunst, Kultur, Live-Unterhaltung, Hochzeiten oder Volksfeste und Sportevents ein.

„Die Veranstaltungsbranche wird meist mit Unterhaltung gleichgesetzt, dabei sind wir alle hauptsächlich Dienstleister für wirtschaftsbezogene Events – von Kongressen, Messen, Hauptversammlungen bis Produktpräsentationen“, stellt Christian Eichenberger klar. Der CEO von Partyrent engagiert sich zugleich in der Brancheninitiative #AlarmstufeRot.

Gerade der exportorientierte Mittelstand sei auf solche Veranstaltungen angewiesen, um seine Innovationen einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Auch Handel und Gastgewerbe bräuchten die mehr als 425 Millionen Besucher, die sonst zu Veranstaltungen in deutsche Städte kämen.

Partyrent stattet Treffen wie den G8-Gipfel in Heiligendamm, das Weltwirtschaftsforum in Davos oder die mehr als 2000 Messestände der Frankfurter Buchmesse mit Sitzmöbeln aus. „Wir bestücken etwa 105.000 Veranstaltungen im Jahr. Seit März sind wir faktisch im Dauerlockdown“, konstatiert Eichenberger. Partyrent hat 1050 Mitarbeiter an 24 Standorten und macht sonst um die 100 Millionen Euro Umsatz. 2020 ist das Geschäft um 87 Prozent eingebrochen.

Bis auf Studiomöbel für virtuelle Events hat Partyrent derzeit so gut wie keine Aufträge. Der Standort Frankfurt, den Eichenberger als Gesellschafter leitet, hat die Fixkosten wie Mieten, Fuhrpark, Versicherungen um die Hälfte gedrückt. „Trotzdem machen wir jeden Monat Millionen-Verluste“, sagt Eichenberger. Bis Ende Dezember summierten sich diese in der Gruppe auf rund 25 Millionen Euro.

Zwar bekommt Partyrent Frankfurt diverse staatliche Hilfen. Doch diese reichten wegen der Reglementierungen bei Weitem nicht aus. „Wir verlieren unsere Lebenswerke“, konstatiert Eichenberger. Überbrückungshilfe I und II brächten im Monat jeweils 50.000 Euro ein. November- und Dezemberhilfen summierten sich auf rund 3,5 Millionen Euro, etwa 250.000 Euro Kurzarbeitergeld schon eingerechnet.

„Wir sind bis November auf 90 Prozent der Kosten sitzen geblieben – und das seit März“, so Eichenberger. Für November und Dezember seien es trotz Hilfen noch über 50 Prozent. Wirklich helfen würden Verlustrückträge bei der Steuer. „Das müsste aber für die letzten fünf Jahre möglich sein“, fordert er.

„Vertrauen lässt sich nicht impfen“

Partyrents Wettbewerber JMT musste im Juli Insolvenz in Eigenverwaltung anmelden. Eichenberger fürchtet eine Pleitewelle. „Auch fünf unserer Lieferanten, darunter ein Karosseriebauer und Personaldienstleister, sind bereits insolvent.“

Der Unternehmer sorgt sich auch um die Soloselbstständigen. Die Partyrent-Gruppe vergibt sonst im Jahr für fast zwölf Millionen Euro Aufträge an freie Monteure oder Techniker. Wenn diese nun notgedrungen in andere Branchen wechselten, fehlten nach dem Lockdown wichtige Dienstleister.

Für den ersehnten Neustart fordert die Veranstaltungsbranche klare und verlässliche Regelungen. An erster Stelle steht dabei der Wunsch nach einem staatlichen Ausfallsfonds für Business-Events, wie er etwa für Filmproduktionen angestoßen wurde. „Wirtschaftsbezogene Veranstaltungen für das zweite Halbjahr müssen spätestens im Februar und März geplant werden“, sagt Jörn Huber vom Famab. „Das Risiko eines kurzfristigen Verbots und der damit einhergehende Verlust aller bisher erbrachten Aufwendungen können weder unsere Kunden noch wir tragen.“

Auch der Verband der deutschen Messewirtschaft Auma fordert ein Absicherungsprogramm für Aussteller, die sich im zweiten Halbjahr an Messen in Deutschland beteiligen wollen. Damit soll sichergestellt werden, dass Aussteller bei Corona-bedingten Messe-Absagen bereits getätigte Ausgaben erstattet bekommen.

Das Forum Veranstaltungswirtschaft fordert zudem, die reduzierten Kapazitäten von Events anteilig zu ersetzen – etwa, wenn vorerst nur die Hälfte der Plätze belegt werden darf. Auch Mehrkosten etwa für Corona-Testungen sollten erstattet werden.

Ticketverkäufer CTS Eventim hat sogar vorgeschlagen, dass privatwirtschaftliche Veranstalter eine Impfung zur Zugangsvoraussetzung für Veranstaltungen machen können. Vorausgesetzt, es gibt genug Impfstoff. „Wir haben unsere Systeme so eingerichtet, dass sie auch Impfausweise lesen können“, sagte Vorstandschef Klaus-Peter Schulenberg der „Wirtschaftswoche“.

Denn viele Menschen werden zunächst Veranstaltungen meiden, glaubt auch Brock von Rheinland-Akustik. Vor Sommer 2022 rechnet er nicht mit Normalität. „Vertrauen lässt sich eben nicht impfen.“