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Veolia macht mit Elf-Milliarden-Offerte Druck auf Rivalen Suez

Schlautmann, Christoph
·Lesedauer: 5 Min.

Für den Kauf bietet der weltgrößte Entsorgungskonzern 18 Euro je Aktie. Auch die Auswirkungen auf den deutschen Entsorgungsmarkt dürften massiv sein.

„Dear Philippe“ überschrieb Veolia-Chef Antoine Frérot am Donnerstag seinen Brief an Philippe Varin, den Verwaltungsratsvorsitzenden des französischen Rivalen Suez. Doch das, was dann folgte, las sich alles andere als freundschaftlich.

Erstmals fixierte der Chef des weltweit größten Entsorgungs- und Wasserkonzerns sein Übernahmeangebot, mit dem er die weltweite Nummer zwei der Branche gegen Varins erklärten Willen übernehmen will.

Um den Druck auf den Suez-Chef zu erhöhen, veröffentlichte Veolia das Schreiben dann auch gleich noch im Internet – gespickt mit einladenden Argumenten an die Suez-Aktionäre. „Nun ist es an der Zeit für den Verwaltungsrat und das Management von Suez, die destruktive Verzögerungstaktik aufzugeben“, wetterte Frérot, „und die Aktionäre über unser Angebot abstimmen zu lassen.“

Kommt er mit seiner Offerte zum Zug, die einen Aktienkaufpreis von 18 Euro vorsieht und Suez mit knapp elf Milliarden Euro bewertet, brächte dies auch den deutschen Entsorgungsmarkt durcheinander.

Mit einem gemeinsamen Umsatz von 2,4 Milliarden Euro (2019) würden die Franzosen in Deutschland die bisherige Nummer zwei, den Berliner Entsorgungskonzern Alba, deutlich überflügeln. Zudem könnten sie den Abstand zu dem deutschen Marktführer Remondis aus dem westfälischen Lünen verringern. Die Rethmann-Entsorgungstochter erlöste zuletzt in ihrem Heimatland geschätzt 3,5 Milliarden Euro.

Deutscher Entsorgungsmarkt vor massiven Veränderungen

Allein schon das Übernahmegerangel wird den deutschen Abfallmarkt aller Voraussicht nach drastisch verändern. Um den Angreifer Veolia abzuwehren, vereinbarte Suez-Chef Varin im September den Verkauf der eigenen Landesgesellschaften in Deutschland, Polen, Luxemburg und den Niederlanden für 1,1 Milliarden Euro – wobei er allerdings das Geschäft mit Kunststoff-Abfällen, Sondermüll und die Tochter Belland-Vision ausklammerte.

Den angebotenen Betrieb, der in Deutschland bis 2016 unter dem Firmennamen „Sita“ firmierte, will der Wettbewerber PreZero übernehmen, eine Tochter des Lebensmittelhändlers Schwarz („Lidl“, „Kaufland“). Der Aldi-Wettbewerber erhält damit die komplette Kontrolle von der Verpackungsherstellung bis zur Entsorgung inklusive der Rezyklate – und versetzt damit die traditionellen Wettbewerber aus der Abfallbranche in helle Aufregung. Zur endgültigen Übernahme soll es im ersten Quartal 2021 kommen.

Aus Frankreich droht den deutschen Entsorgungsunternehmen ein noch größerer Druck. Bereits Ende August kündigte Veolia-Chef Frérot an, im Falle einer Suez-Übernahme insbesondere in Deutschland expandieren zu wollen. Den Auftakt dazu gab der Pariser Weltmarktführer schon vor 14 Jahren mit einem Paukenschlag. 2007 übernahm der Konzern für 1,45 Milliarden Euro den traditionsreichen Herforder Entsorgungsbetrieb Sulo.

Bislang aber verhaken sich die beiden französischen Entsorgungskonzerne gegenseitig in einer Übernahmeschlacht – und das schon seit Monaten. So gelang es Veolia erst im Oktober nach langem Hin und Her, einen Anteil von 29,9 Prozent an Suez zu erwerben, den der teilstaatliche französische Energieversorger Engie zum Verkauf gestellt hatte.

Der klamme Anteilseigner, der bis vor fünf Jahren unter dem Namen Gaz de France firmierte, erhielt dafür die Summe von 3,4 Milliarden Euro. Schon damals hatte Suez-Chef Varin über das französische Finanzministerium verzweifelt versucht, den Verkauf des Anteils an den Wettbewerber Veolia zu torpedieren.

Seit Donnerstag stellt Veolia nun pro Aktie denselben Übernahmepreis auch den restlichen Aktionären in Aussicht, was den Konzern unterm Strich weitere acht Milliarden Euro kosten würde. Dass es bislang keine verbindliche Kaufofferte gibt, hat einen juristischen Grund. Kurz nach dem Verkauf des Engie-Aktienpakets an Veolia stoppte ein Pariser Gericht die Transaktion vorläufig. Die Unternehmen hätten es rechtswidrig versäumt, die Vertretung der Suez-Mitarbeiter, das „Comité social et économique“ (CSE), anzuhören.
Solange die Beratungen mit dem CSE andauern, liegen die Übernahmeaktivitäten auf Eis. Nicht einmal die von Engie erworbenen Stimmrechte darf Veolia derzeit bei Suez ausüben.

Zeit verlieren will Veolia-Chef Frérot dennoch nicht. „Wir haben dem Suez-Verwaltungsrat nun unseren Entwurf eines Angebotsprospekts zur Prüfung vorgelegt und es zum Nutzen von Ihnen, dem Aktionär, veröffentlicht“, teilte er am Donnerstag mit. Die Fusion der beiden Unternehmen, versicherte er, werde man in neun bis 15 Monaten abschließen.

Prämie 75 Prozent über dem Aktienkurs vom Sommer

Der Unterstützung durch die Suez-Aktionäre ist sich Frérot nach eigenen Worten gewiss. Schließlich biete man eine Prämie von 75 Prozent gegenüber dem Kurs, zu dem Suez-Aktien vor der Bekanntgabe der Engie-Absichten notierten. Am Donnerstag lagen die Papiere bei 16,68 Euro – also mehr als einen Euro unterhalb des von Veolia angebotenen Kaufpreises. Der Suez-Vorstand selbst will von dem Ansinnen seines direkten Wettbewerbers dagegen nichts wissen. Dort liebäugelt man mit Alternativen, die bislang vage blieben. Zum „weißen Ritter“, so hofft man in der Zentrale, könnte etwa der französische Finanzinvestor Ardian werden.

Die Veolia-Gruppe ist weltweit führend im Bereich des sogenannten Ressourcenmanagements. Mit fast 179.000 Mitarbeitern weltweit bietet der Konzern Lösungen für das Wasser-, Abfall- und Energiemanagement, insbesondere in Zusammenarbeit mit Städten und Gemeinden. Veolia und Suez sind vor Remondis und zwei US-Unternehmen die größten Entsorgungs- und Wasserkonzerne der Welt.

2019 versorgte die Veolia-Gruppe 98 Millionen Menschen mit Trinkwasser und 67 Millionen Menschen mit Abwasser-Services, produzierte fast 45 Millionen Megawattstunden Energie und behandelte 50 Millionen Tonnen Abfall. Der Umsatz kletterte 2019 auf 27,2 Milliarden Euro. Mit 18 Milliarden Euro ist der Pariser Wettbewerber Suez nur unwesentlich kleiner. Durch die Fusion werde es einen „französischen Super-Champion“ geben, tönte Frérot schon Ende August.