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Venture-Capital-Fonds erleben Stresstest durch Coronakrise

Die Wagnisfinanzierer der Start-ups haben goldene Jahre hinter sich. Jetzt bedroht das Coronavirus den Fortbestand vieler Geschäftsmodelle.

Die Coronakrise trifft die Wirtschaft mit voller Wucht – das gilt auch für den Venture-Capital-Markt. In den kommenden Monaten werden die Geldgeber und Start-ups einem beispiellosen Stresstest unterzogen. „Es wird sich jetzt zeigen müssen, wie robust und nachhaltig die zuletzt positiven Entwicklungen im Venture-Capital-Markt wirklich sind“, meint Jörg Goschin, Co-Geschäftsführer bei der KfW Capital, dem Wagnisfinanzierer der staatlichen Förderbank KfW.

Noch im vergangenen Jahr hatten Venture Capitalists (VCs) weltweit 257 Milliarden Dollar in Start-ups gesteckt. In Deutschland lagen die Investments laut der Unternehmensberatung EY bei 6,2 Milliarden Euro.

Nun drohen den VCs nicht nur Finanzierungsengpässe für neue Projekte, sondern auch bestehende Beteiligungen dürften in Mittleidenschaft gezogen werden. Pläne für Börsengänge werden vorerst auf Eis gelegt. Besonders hart dürfte es kurzfristig jene Risikokapitalfirmen treffen, die gerade von institutionellen Geldgebern Mittel für einen neuen Fonds einwerben.

Nach Einschätzung von Goschin treffen sie auf verunsicherte und zurückhaltende Investoren, die möglicherweise sogar ihre gesamte Kapitalanlagestrategie wegen Corona überdenken würden. Für einige dieser noch offenen Fonds könnte es deshalb schwer werden, das Closing im ursprünglich angestrebten Volumen und Zeitrahmen abzuschließen.

Etwas besser sieht es zumindest auf kurze Sicht für jene Risikokapitalfonds aus, die ihre Kassen erst kürzlich gefüllt haben.

VCs müssen ihre Portfolio-Firmen stützen

Doch die VC-Fonds bekommen die Wirkung des Coronavirus auch im Portfolio ihrer Beteiligungen zu spüren: insbesondere durch rückläufige Bewertungen in Folgefinanzierungsrunden und steigenden Kapitalbedarf ihrer Unternehmen. Der Start-up-Investor und ehemalige Strabag-Chef Peter Jungen rechnet deshalb damit, dass einige Wagniskapitalgeber eher nicht in neue Start-ups investieren werden, sondern ihr Kapital lieber für die Firmen zurückhalten, in die sie bereits investiert haben und die womöglich bald Unterstützung brauchen. Goschin erwartet eine „Konzentration auf die Gewinner im Portfolio“.

„Wenn VCs auf die Bremse treten, werden auch Business Angels vorsichtiger“, sagt Jungen. Momentan scheint das noch nicht durchzuschlagen. So beobachtet etwa Carsten Rudolph, Geschäftsführer des Gründernetzwerks BayStartUP, noch kein verringertes Investitionsinteresse bei Business Angels. „Aber wenn die Aktienmärkte noch weiter nachgeben, werden diese Investoren sicher auch vorsichtiger“, sagt er. „Investitionen in Start-ups sind immer eine Wette auf den künftigen Erfolg der Unternehmen. Wenn sich die allgemeine Wirtschaftslage verschlechtert, sinken häufig auch die Chancen auf einen späteren erfolgreichen Exit.“ Wobei Angel-Investments einen sehr langen Zeithorizont von fünf und mehr Jahren haben.

Die Finanzierungsrunden, sofern sie überhaupt stattfinden, dürften nach Einschätzung von KfW-Capital-Manager Goschin kleiner werden und die zugrunde liegenden Bewertungen zurückgehen. Er erwartet, dass innovative Technologiefirmen, die erst vor Kurzem eine Finanzierungsrunde abgeschlossen haben, am wenigsten betroffen sein werden. Anders hingegen Firmen, die ohnehin kurzfristig neue Liquidität benötigt hätten und deren Situation sich durch Corona-induzierte Umsatzrückgänge weiter verschärft. „Diese Unternehmen sind schnell auf Liquiditätshilfen und die Zuführung von zusätzlichem Kapital aus ihrem Gesellschafterkreis oder durch die Aufnahme neuer Investoren angewiesen“, sagt Goschin.

Schwieriger könnte infolge der Coronakrise auch die Kontaktaufnahme zu ausländischen Investoren werden. „Für Finanzierungsrunden ab dem oberen einstelligen Millionenbereich gibt es in Deutschland immer noch zu wenige Investoren, deshalb sind Geldgeber aus dem Ausland hier sehr wichtig“, sagt Rudolph vom Gründernetzwerk BayStartUP. „Mit dem aktuell geltenden Einreiseverbot in die USA könnte deutschen Gründern die Investorensuche erschwert werden. Wenn man sich bereits getroffen hat, kann man auf Telefonate und Videochats ausweichen, aber für ein erstes Kennenlernen wird das kaum funktionieren.“

Rückläufige Bewertungen als Chance

Diese Lücken wird auch KfW Capital als Investor für VC-Fonds nicht schließen können, dennoch dürfte dem Ableger der Staatsbank in den kommenden Monaten eine Schlüsselrolle in der Stabilisierung des Marktes zukommen. Zum einen sind die bereits getätigten Kapitalzusagen eine wichtige Finanzierungsquelle für die VC-Fonds. Zum anderen kann die KfW Capital das Volumen in den nächsten Jahren hochfahren. „Hiervon wird eine positive Signalwirkung für den gesamten VC-Markt ausgehen“, sagt Co-Chef Goschin. Zudem böten rückläufige Bewertungen für VCs auch gute Chancen, Beteiligungen an interessanten Unternehmen zu deutlich günstigeren Einstandspreisen zu erwerben.

Nach Ansicht von Julian Riedlbauer, Partner und Leiter des deutschen Büros von GP Bullhound, haben die jungen Firmen auch einen großen Vorteil gegenüber etablierten Konzernen: „Die digitale Start-up-Szene kann viel flexibler auf Veränderungen oder Homeoffice-Regelungen als traditionelle Unternehmen reagieren“, sagt er. Manchen Anbietern wie etwa den Travel-Tech-Unternehmen Omio oder Get Your Guide dürfte auch das nicht helfen. Falls sie kurzfristig eine weitere Finanzierung benötigen sollten, wären ihre bestehenden Investoren gefordert, sagt Riedlbauer.

Andere Firmen sind nun dagegen gerade besonders gefragt – zum Beispiel die Fernwartungssoftware von AnyDesk. Als Gewinner der Krise sieht Patrick Beitel, Partner von Digital Plus Partners, daneben auch Anbieter von digitalen Geschäftsmodellen, die zum Beispiel das Management von Risiken in den Lieferketten ermöglichen oder aber ‚digitale Twins‘ von Fabriken erstellen.

VCs fordern Sparmaßnahmen von Start-ups

Neben neuem Eigenkapital könnten den Firmen, die von der Coronakrise besonders beeinträchtigt werden, laut Riedbauer von GP Bullhound auch Venture Debt, Factoring oder Kreditlinien helfen. Doch er sieht zugleich die Start-ups selbst in der Verantwortung. „Bei vielen Geschäftsmodellen kann das Wachstum verlangsamt werden, um den Cashflow zu verbessern“, sagt er.

Noch deutlicher wird Experte Beitel: „Portfoliounternehmen müssen jetzt handeln. Sie müssen die Auswirkungen der Coronakrise auf ihre Geschäftsentwicklung prüfen und in Abhängigkeit davon schnell und entschlossen Kosten anpassen“, sagt er. „Vergangene Krisen haben gezeigt, dass eine schnelle und entschlossene Korrektur der eigenen Kostenposition besser ist, als zu lange zu warten.“

Risikokapitalgeber Sequoia warnte seine Portfolio-Unternehmen bereits Anfang März in einem offenen Brief vor den Folgen von Corona. „Ihr solltet euch auf turbulente Zeiten einstellen und euch auf verschiedene Szenarien vorbereiten“, heißt es darin.

Sequoia ist eine der erfolgreichsten Risikokapitalfirmen der Welt. Der 1972 gegründete Investor hat in Firmen wie Google, Youtube, LinkedIn und Zoom investiert. Gründer sollten sich nach Ansicht des VCs auf schwächere Umsätze einstellen. Probleme mit den Lieferketten und weniger Meetings könnten die gut geölte Start-up-Maschinerie auf vielfältige Weise treffen. Sequoia drängt die Start-ups zu überprüfen, ob sie genügend Cash-Reserven haben. „Finanzierungsrunden abzuschließen könnte deutlich schwieriger werden, wie wir das bereits 2001 und 2009 gesehen haben.“

Der Brief hat eine Debatte in der Welt der Risikokapitalgeber angestoßen, wie sie sich in diesen Zeiten am besten verhalten: Sollen sie jetzt Chancen nutzen und zukaufen? Oder doch lieber besonders vorsichtig sein und Finanzierungsrunden einstellen? Fred Wilson von Union Square Ventures in New York lässt sich von Corona nicht abschrecken. Der Investor sei dabei, zwei Beteiligungen in den kommenden Tagen abzuschließen, sagte er am Donnerstag in einem Blog-Eintrag. Weitere sollen in den kommenden Tagen folgen. Allerdings seien ein paar Verhandlungen auch auf Eis gelegt worden.

Börsengänge werden verschoben

Bei den Exits erwarten die meisten Experten, dass Börsengänge wegen der Verwerfungen an den Märkten bis auf Weiteres nicht infrage kommen. Dan Morgan, Portfoliomanager beim Vermögensverwalter Synovus geht davon aus, dass viele Start-ups ihre geplanten Aktienplatzierungen um mehrere Monate nach hinten verschieben werden. „Unternehmen bekommen in diesem Marktumfeld schlicht nicht die Bewertungen, die sie gerne hätten“, gibt er zu bedenken.

„Die Märkte hatten schon zu guten Zeiten keine Toleranz für Börsengänge von Firmen, die keine Gewinne machen“, sagt Morgan und verweist auf die sogenannten Einhörner wie Uber, Lyft und Slack, die im vergangenen Jahr an die Börse gingen, die Anleger jedoch enttäuschten. Der Büro-Anbieter WeWork musste den Gang aufs Parkett wegen fehlenden Interesses der Investoren ganz absagen. Das werde sich auch auf absehbare Zeit nicht ändern. „Die Skepsis wird noch eine Weile anhalten“, sagt Morgan. Er rechnet damit, dass Airbnb und Doordash, die Börsengänge für dieses Jahr anvisiert hatten, ihre Pläne nach hinten verschieben könnten.