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Warum die US-Stadt Charlotte zu einem Hauptsitz der deutschen Wirtschaft wird

Ob BASF, Daimler oder die Deutsche Post: 213 deutsche Firmen haben eine Dependance in Charlotte. Was zieht sie in die kleine Stadt in Amerika?

Es ist ein Haus wie so viele in dieser gehobenen Wohngegend von Charlotte. Es ist eineinhalb Geschosse hoch, aus hellen Natursteinen gebaut, die blaue Haustür schmückt ein Kranz aus herbstlichen Blumen. Und doch weiß jeder der Gäste an diesem Montagabend, dass er hier richtig und willkommen ist. In den Blumenkübeln rechts und links der Eingangstreppe stecken eine deutsche und eine amerikanische Fahne.

Es ist das Haus von Klaus Becker und seiner Frau Concha. Er ist seines Zeichens seit sieben Jahren der Honorarkonsul von Deutschland in Charlotte. Ein Amt, das er mit Leibeskräften und Herzenswärme ausfüllt. So wie er einst sein Geld mit dem Handel von Stahl machte, so kümmert sich der 66-Jährige mit ähnlicher Energie um die transatlantischen Beziehungen. Seit 40 Jahren lebt er in Charlotte. Mit seiner „N.C. Zeitgeist Foundation“ ist Becker so etwas wie der Vater eines deutsch-amerikanischen Wirtschaftstraums in North Carolina.

An diesem Montagabend vor wenigen Wochen ist Becker wieder so richtig in seinem Element. Er hat zum Empfang in sein Eigenheim geladen, zu Ehren des Wirtschaftsministers von Rheinland-Pfalz, Volker Wissing, der mit einer Wirtschaftsdelegation zu Besuch ist. Mit breitem Lachen, geöffneten Armen und einem so locker sitzenden blauen Zweireiher mit grauen Nadelstreifen und rotem Einstecktuch begrüßt er seine Gäste: „A warm welcome to my home!“

Mehr als 50 von ihnen passieren seine deutsche und amerikanische Fahne. Sie bevölkern Ess-, Wohn- und Kaminzimmer, essen Roastbeef, Pasta und Brownies und trinken rheinland-pfälzischen Wein. Es wird Deutsch und Englisch gesprochen. Und es geht um Geschäfte, Geschäfte, Geschäfte – und natürlich auch um den deutschstämmigen US-Präsidenten Donald Trump.

Charlotte, diese 850.000-Einwohner-Stadt, deren Name viele der Anwesenden bis vor Kurzem gar nicht kannten, ist einer der am stärksten wachsenden Wirtschaftsstandorte in den USA. Die Liste der deutschen Unternehmen, die hier eine Dependance haben, ist lang, 213 ganz genau. Sie enthält das Who‘s who der deutschen Wirtschaft. So sind der halbe Dax und MDax vertreten – mit Bayer, BASF, Deutscher Post, Bahn und Lufthansa, Daimler, Hochtief, Lanxess, Siemens, Thyssen-Krupp. 90 Meilen entfernt, in Spartanburg, hat zudem der Autobauer BMW sein 11.000-Mitarbeiter-Werk für die X-Modelle. Hinzu kommen noch bedeutende, nicht börsennotierte Konzerne wie Bosch, Schaeffler und ZF sowie viele kleinere Unternehmen.

Der Wirtschaftsstandort Charlotte ist ein erfrischendes Stück gewünschte Normalität in einer insgesamt verrückten Zeit der deutsch-amerikanischen Beziehungen. Strafzölle und ein Handelskrieg beherrschen die politischen Debatten zwischen den beiden Ländern. Immer wieder sorgen die verbalen Ausfälle des US-Präsidenten auf dem Nachrichtendienst Twitter für Verstimmung nicht nur in diplomatischen Kreisen. Für Geschäfte und Investitionen sind das eigentlich keine guten Voraussetzungen.

Von dem Lärm ist in der Stadt Charlotte wenig zu spüren. Hier gilt Tradition, die auch deutsch ist. Die 1867 gegründete Stadt und die umliegende Region, das County Mecklenburg, sind nach Charlotte von Mecklenburg-Strelitz benannt, der deutschen Frau des englischen Königs Georg III. Und ihren Aufstieg verdanken Stadt und Region vor allem auch deutschen Unternehmen und Managern. Und es werden stetig mehr.

Nach Informationen des Handelsblatts stehen mehrere weitere deutsche Firmen aus der Lebensmittelindustrie, dem Maschinenbau und der Automobilbranche bereit. Sie lässt nur noch die unsichere US-Wirtschaftspolitik auf bessere Zeiten warten. Auch innerhalb der USA lockt die Stadt. So verlegt der Verpackungsspezialist Pester aus Wolfertschwenden im Allgäu seine US-Niederlassung von New Jersey nach Charlotte.

Was macht die „Queen City“ – wie sie auch genannt wird – so anziehend, gerade auch für deutsche Unternehmer und Topmanager?

Es ist das wirtschaftsfreundliche Klima. Die Unternehmensteuer liegt bei nur noch 2,5 Prozent, das ist der niedrigste Satz aller US-Bundesstaaten mit Körperschaftsteuer. Die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter ist gut ausgebildet. Fast die Hälfte hat einen Bachelor- oder höheren Abschluss.

In Stadt und Region liegen 15 Forschungsuniversitäten, unter anderem die renommierte Duke University. Mit der Lage an der Ostküste liegt Charlotte zudem relativ günstig für deutsche Firmen. Die Zeitverschiebung beträgt nur sechs statt wie an der Westküste neun Stunden. Es gibt tägliche Direktverbindungen nach Frankfurt und München.

In der Region rund um Charlotte leben rund 2,5 Millionen Menschen, und jeden Tag ziehen rein statistisch 102 neue hinzu. Laut dem Empfehlungsportal Yelp ist Charlotte die Stadt in den USA, die die größten wirtschaftlichen Chancen bietet. Seit 2001 sind 200.000 neue Arbeitsplätze entstanden. Die Lebenshaltungskosten liegen unter dem nationalen Durchschnitt. Die Einkommensteuer beträgt fünf Prozent. Im Jahr gibt es durchschnittlich 226 Sonnentage, und Charlotte ist weder Erdbeben- noch Hurrikangebiet.

Die Lage zwischen der teuren Nordostküste mit New York, Boston und Washington DC und dem feuchtheißen Südosten mit Miami ist so attraktiv, dass sie selbst strukturelle Krisen übersteht. Der Textilmaschinenhersteller Trützschler aus Mönchengladbach etwa kam vor 50 Jahren nach Charlotte.

Damals war die Region als das Zentrum der amerikanischen Textilindustrie für das Familienunternehmen gesetzt. 30 Jahre prosperierte Trützschler entsprechend mit der Branche. Nach dem Beitritt von China zur WTO im Jahr 2001 brach die Textilindustrie im Südosten der USA jedoch bis auf Ausnahmen zusammen. Auch Trützschler kriselte.

Das Familienunternehmen hielt jedoch am Standort in North Carolina fest. Neue Geschäftsfelder wurden gesucht und gefunden. Heute stellt „American Trützschler“ Garnituren und Schaltschränke her und ist stark im Service tätig. „Es wäre die einfachste Lösung gewesen, das Werk Mitte der 2000er-Jahre zu schließen. Die Familie und das Management haben sich jedoch für das Bleiben entschieden. Unsere Mitarbeiter hier sind sehr gut ausgebildet und loyal. Sie und den Zugang zum Markt wollten wir nicht aufgeben“, erklärt Stefan Engel, der Chef von American Trützschler.

Ein weiteres Beispiel für deutsches Unternehmertum vor Ort ist BASF. Der Chemiekonzern ist seit 1985 in Charlotte. Die Stadt ist inzwischen der Hauptsitz des BASF-Geschäftsbereichs „Dispersionen und Harze“. Hier entstanden Innovationen wie die reflektierende Dachbeschichtung „Instant Set“ sowie das Bindemittel Acrodur für Leichtbauteile aus Natur-, Glas- und Synthesefasern. Der Standort mit rund 300 Mitarbeitern wird deshalb weiter ausgebaut. „Charlotte zeichnet sich für unser Geschäft durch die Nähe zur Industrie und zu unseren Absatzmärkten aus“, erklärt Denise Hartmann, Mitgeschäftsführerin des Geschäftsbereichs. Auch sei Charlotte wichtig „bei der Gewinnung neuer Talente“.

Das Potenzial gut ausgebildeter Mitarbeiter ist für viele Unternehmen nach der geografisch günstigen Lage der Hauptgrund für eine Ansiedlung in Charlotte. Und im Bereich Ausbildung hat die Stadt einiges zu bieten. Es sind längst nicht mehr nur die staatlichen und privaten Universitäten, die die Region mit Absolventen versorgen.

Mit dem erst dieses Jahr neu eingerichteten Technischen Institut des Central Piedmont Community College (CPCC) sind neue Standards gesetzt. Es orientiert sich am deutschen dualen Ausbildungssystem, arbeitet sehr eng mit den niedergelassenen Unternehmen zusammen und bietet seinen rund 1000 Schülern Lehrwerkstätten mit Maschinen von Festo, Siemens und Oerlikon.

Auch in der angewandten Spitzenforschung tut sich einiges. So ist jüngst das Center for Experimental Software Engineering (CESE) der US-Sparte der Fraunhofer-Gesellschaft eine Allianz mit den Universitäten und dem Wirtschaftsministerium von South Carolina eingegangen. Gemeinsam sollen Anwendungen für die digitale Transformation entwickelt werden.

„Gerade kleinere und mittlere Unternehmen, wie wir sie in North und South Carolina und auch in vielen ländlichen Regionen in Deutschland zuhauf finden, werden davon profitieren“, erklärt Dieter Rombach, Mitinitiator der neuen Allianz und einst Gründer und langjähriger Leiter des Fraunhofer-Instituts für Experimentelles Software Entwicklung (IESE) in Kaiserslautern. Schwerpunkte seien die Cybersecurity, das Gesundheitswesen und Industrie 4.0.


Neues Selbstbewusstsein

Und es sind nicht nur die Deutschen, die Charlotte florieren lassen. Die Stadt, die einst vom Anbau und später auch von der Verarbeitung von Baumwolle und Holz geprägt war, hat heute eine breit diversifizierte Wirtschaft. Charlotte ist nach New York die zweitgrößte Finanzmetropole der USA.

Die Bank of America hat hier ihr Hauptquartier und Wells Fargo seit der Übernahme der hier einst gegründeten Bank Wachovia 2008 seinen Zweitsitz. Im vergangenen Jahr ist es den Stadtoberen zudem gelungen, den Technologiekonzern Honeywell von New Jersey nach Charlotte zu locken. Das Top-100-Unternehmen hat jetzt hier seine neue 23-geschossige Zentrale für 750 Mitarbeiter. Mit im Vorstand sitzt mit Torsten Pilz – wie sollte es anders sein – ein Deutscher.

Mit der wirtschaftlichen Entwicklung ist auch das Selbstbewusstsein der Bewohner gewachsen. Heute bezeichnet sich die Stadt als Zentrum des „Neuen Süden“ und leistet sich das „Levine Museum of the New South“. Die rasante Entwicklung der vergangenen Jahre zeigt aber auch erste negative Begleiterscheinungen.

So ist die Innenstadt von Charlotte, die aufgrund ihrer herausgehobenen Lage als „Uptown“ bezeichnet wird, von Wolkenkratzern geprägt. Parks gibt es hier kaum. Einzig ein historischer Friedhof bietet Grünfläche im größeren Stil. Ein Bürgerbegehren hat sich deshalb jetzt für Steuererhöhungen ausgesprochen, damit Geld in Parks und Kunst investiert wird.

In Charlotte gibt es keine German Town, also eine Art deutsche Enklave als Industrie- oder Wohngebiet. Die meisten Deutschen wie Klaus Becker wohnen in den gehobenen Wohngegenden rund um Charlotte. Doch es gibt eine deutsche Schule, eine deutsche Kirche, mehrere deutsche Klubs und Vereinigungen wie die Alemannia Society.

Zudem gibt es – wie sollte es anders sein – mit der „Olde Mecklenburg Brewery“ eine Brauerei, die Pils, Alt- und Weizenbier produziert. Ein Treffpunkt ist das Restaurant Waldruh, das von der deutschen Familie Maier geführt wird. Hier gibt es Schnitzel, Schwarzwälder Kirschtorte und zwölf verschiedene Fassbiere sowie 27 weitere Flaschenbiere.

Und es ist nicht nur das Privatleben, das häufig ziemlich deutsch geführt wird. Auch im Geschäft ist das möglich. Weite Teile der Infrastruktur ermöglichen ein Dasein ohne Dictionary. So ist etwa die Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Rödl & Partner aus Nürnberg seit 17 Jahren vor Ort. 28 Mitarbeiter groß ist das Büro der auf den Mittelstand fokussierten Beratung in Charlotte inzwischen.

Acht Mitarbeiter sprechen Deutsch. „Wir sind selbst ein mittelständisches Unternehmen mit weltweit 4900 Mitarbeitern, kennen uns im deutschen und amerikanischen Steuersystem aus und sprechen eben auch noch die deutsche Sprache“, sagt Oliver Hecking, Partner von Rödl & Partner in Charlotte. Und auch bei der bei Konzernen beliebten Konkurrenz KPMG ist mit Kristin Zettlemoyer eine deutsche Partnerin Ansprechpartnerin.

„In Charlotte kann man auf der Straße nicht mehr auf Deutsch schimpfen, jedenfalls nicht in der Annahme, dass keiner einen versteht“, erzählt Bernd Losskarn und lacht. „Deutsch ist hier inzwischen weit verbreitet.“ Der Logistikunternehmer und gebürtige Frankfurter, der an diesem Abend bei Klaus Becker ein Hemd aus kräftigem weißem Stoff mit braunen Hirschhornknöpfen und grüner Eichenlaub-Stickerei trägt, kam vor 25 Jahren aus Kalifornien nach Charlotte. Er schätzt den Standort wegen seiner günstigen Lage. 80 Mitarbeiter hat sein Unternehmen CVI inzwischen. Und so konstatiert er mit einem Glas rheinland-pfälzischen Wein in der Hand: „Ich lebe und arbeite wahnsinnig gerne hier.“

Und Klaus Becker? Der sorgt nicht nur dafür, dass Geschäfte gemacht werden. Mit seiner Stiftung bringt er immer wieder hochkarätige Redner nach Charlotte. 2018 kam CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer, 2017 der Vorsitzende der „Atlantik Brücke“ Friedrich Merz und 2015 der damalige Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Alle drei Jahre veranstaltet Becker zudem eine Art Kunst-Biennale. Und Becker hat, ganz wie es in „seiner“ Stadt Charlotte üblich ist, eine Schwäche für Sport.

So gelang es ihm, sowohl Bayern München als auch Borussia Dortmund schon zu Freundschaftsspielen ins Bank of America Stadium zu holen. Vor zwei Jahren kam der FC Bayern und spielte gegen Inter Mailand, die Schwarz-Gelben gewannen 2018 gegen Liverpool.

„Klaus Becker ist ein begeisterter Mensch, der andere leicht begeistern kann“, sagt Volker Wissing, der FDP-Wirtschaftsminister auf Delegationsreise. Und Dieter Rombach von der Fraunhofer-Gesellschaft, der viele Jahre in den USA gelebt und bei der Nasa geforscht hat, lobt: „Klaus Becker genießt große Achtung und großes Vertrauen – und zwar auf deutscher wie auf amerikanischer Seite.“

Kurzum: Der Mann ist ein begnadeter Netzwerker und Verkäufer, fast schon ein Überredungskünstler. Einer, der ihn lange kennt, nennt ihn gar einen „hyperaktiven Sozialunternehmer“. Einen Eindruck von seiner Art bekommt an diesem Montagabend der Manager Bernhard Deutsch. Er kam einst mit Siemens nach Charlotte. Inzwischen arbeitet er in leitender Position für den amerikanischen Technologiekonzern Corning, der in Charlotte gerade seine neue Zentrale für die Glasfasersparte gebaut hat.

Der gebürtige Trierer ist zu Gast bei dem Empfang von Becker. Die beiden lernen sich zum ersten Mal persönlich kennen. Beim Abschied hält Becker Deutsch fast fest, er möchte ihn „unbedingt“ bei seinem nächsten Unternehmer-Lunch dabeihaben. Er redet auf den Zwei-Meter-Mann, der ihn um einen Kopf überragt, vehement ein: „Sie müssen kommen!“ Deutsch zögert, weiß nicht, ob er die Zeit findet. Becker umarmt ihn daraufhin und sagt: „Ich glaube, Sie haben schon zugesagt. Ich freue mich sehr auf Sie!“