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Was sich der Unternehmer-Nachwuchs vom neuen CDU-Chef erhofft

Gründer in Deutschland ächzen unter den Vorgaben für Mitarbeiterbeteiligungen. Start-up-Verbandschef Miele setzt unter einem neuen CDU-Vorsitzenden auf Verbesserungen.

Die CDU-Führung stellt sich neu auf - die Erwartungen in der Wirtschaft sind hoch. Foto: dpa

Der Präsident des Bundesverbands Deutsche Start-ups, Christian Miele, fordert vom künftigen CDU-Vorsitzenden, sich für bessere steuerliche Rahmenbedingungen für junge Unternehmen einzusetzen. „Insbesondere in der Digitalwirtschaft hinken die Rahmenbedingungen den internationalen Standards in manchen Bereichen meilenweit hinterher“, sagte Miele dem Handelsblatt.

„Beispielsweise ist der Talentpool für unsere Startups trockengelegt durch unattraktive Regelungen für Mitarbeiterbeteiligungen“, bemängelte der Chef der wichtigsten Lobby des deutschen Unternehmer-Nachwuchses.

Konkret kritisiert Miele, dass in Deutschland Mitarbeiterbeteiligungen bei Start-ups, anders als in anderen Ländern, sofort als geldwerter Vorteil versteuert werden müssten, obwohl noch gar nicht absehbar sei, wie sich das junge Unternehmen entwickle. „Unsere Unternehmen können deswegen die so dringend benötigten internationalen Talente nicht in unser Land locken.“

Vom künftigen CDU-Chef erwartet der Start-up-Verbandschef daher, hier „schnellstmöglich Hand anzulegen damit unsere Startups ihr volles Potential entfalten können“. Miele betonte: „Wenn wir zur Start-up-Nation werden wollen, brauchen wir authentische und leidenschaftliche Anführer.“

Friedrich Merz hatte am Dienstag seine Kandidatur für den CDU-Vorsitz bekanntgegeben, wie auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet. Außerdem bewirbt sich der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen, der seine Kandidatur schon in der vergangenen Woche erklärt hat.

Das Thema Mitarbeiterbeteiligungen treibt junge Unternehmer schon länger um. Im vergangenen Jahr wiesen prominente Gründer wie Niklas Östberg (Delivery Hero), Valentin Stalf (N26), Johannes Reck (GetYourGuide), Tamaz Georgadze (Raisin) oder Dominik Richter (Hello Fresh) in einem offenen Brief der europäischen Initiative NotOptional auf die Bedeutung solcher Beteiligungen für den europäischen Wirtschaftsstandort hin.

GroKo will Steuerfreibetrag anheben

Dass hierzulande in dieser Hinsicht einiges im Argen liegt, zeigt auch eine Studie des Wagniskapitalgebers Index Ventures. Bei den steuerlichen und bürokratischen Vorgaben, um Angestellte über Aktienoptionen am Unternehmen zu beteiligen, liegt Deutschland demnach europaweit auf dem vorletzten Platz.

Die Große Koalition hat das Thema in ihrem Koalitionsvertrag zwar adressiert, allerdings nur sehr vage. „Wir werden neue Möglichkeiten der Mitarbeiterbeteiligung prüfen“, heißt es dort. Im November vergangenen Jahres wurden dann erste Neuerungen angeschoben.

Der Koalitionsausschuss habe sich mit dem Thema des Steuerfreibetrages bei Mitarbeiterkapitalbeteiligungen befasst und eine Erhöhung von 360 auf 720 Euro beschlossen. „Die Bundesregierung prüft derzeit die Umsetzung dieser Beschlüsse“, heißt es in eine kürzlich veröffentlichten Regierungsantwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion.

In der digitalen Wirtschaft wird der Vorstoß jedoch als völlig unzureichend bewertet. „Die steuerliche Attraktivität von Mitarbeiterbeteiligungsmodellen in Deutschland ist im europäischen Vergleich sehr gering und muss drastisch erhöht werden“, heißt es in einer Stellungnahme des IT-Verbands Bitkom. Das Problem ist demnach, das Mitarbeiterbeteiligungen in Start-ups aufgrund der hohen Steuerlast oft ein Verlustgeschäft für Mitarbeiter und daher keine Option seien.

Der Bitkom unterstützt daher einen Vorschlag aus Nordrhein-Westfalen. „Wir wollen den Freibetrag bei dynamisch wachsenden Unternehmen in den ersten fünf Jahren kräftig auf 5000 Euro jährlich erhöhen, um den Start-up-Standort Deutschland attraktiver zu gestalten“, hatte NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) im Dezember 2019 gesagt. Dazu werde die Landesregierung einen entsprechenden Änderungsantrag im Bundesrat einbringen.

Wie Tesla Mitarbeiterbeteiligungen für sich nutzt

Dass eine lukrative Kapitalbeteiligung ein wichtiges Argument ist, um internationale Spitzenkräfte für deutsche Technologie-Unternehmen zu gewinnen, wurde jüngst auch bei einer öffentlichen Anhörung im Finanzausschuss des Bundestages deutlich. Anlass waren Anträge der FDP- und der Grünen-Fraktion, in denen es insbesondere um Änderungen bei der Besteuerung von Mitarbeiterbeteiligungen geht. Beide Fraktionen argumentieren, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Mitbeteiligung in Deutschland sowohl im Vergleich mit den USA als auch innerhalb Europas besonders schlecht seien.

Tesla-Chef Elon Musk habe über eine Mitarbeiterbeteiligung beim Bezahlsystem PayPal sein erstes Geld gemacht, gab denn auch der Gründer des Online-Touristikunternehmens GetYourGuide Deutschland, Johannes Reck, bei der Anhörung zu bedenken. Wenn er internationale Talente anwerben wolle, sei die Beteiligung am Unternehmen das wichtigste Argument. Allerdings, fügte Reck hinzu, sei eine solche Mitarbeiterbeteiligung „für uns doppelt so teuer wie im Silicon Valley“. Es gehe bei diesem Thema letztlich „um den politischen Willen, hier Champions aufzubauen“.

Start-up-Verbandschef Miele hofft, dass das Thema Mitarbeiterbeteiligung in Deutschland künftig „kräftig belebt“ werde, wie er kürzlich im Handelsblatt-Interview sagte. „Wir brauchen ein Umdenken für Mitarbeiterbeteiligungen in Start-ups wie etwa in Schweden.“ Dort werden Mitarbeiter von Steuern auf ihr Aktienpaket befreit, wenn sie den Erlös reinvestieren und somit die schwedische Digitalwirtschaft voranbringen.