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Unternehmen in Hongkong leiden unter der Eskalation der Proteste

Die Proteste belasten die Wirtschaft immer stärker. Genau das gehört zur Taktik der Demonstranten. Eine Lösung des Konflikts ist nicht absehbar.


Erst war Carrie Lam wütend. Wütend auf die Protestierenden. Die Unternehmerin, die den gleichen Namen wie die Hongkonger Regierungschefin hat, betreibt eine Imbisskette in der chinesischen Sonderverwaltungszone mit 30 Mitarbeitern.

Seit dem Beginn der Proteste sind ihre Umsätze um 60 Prozent eingebrochen, sagt sie. Sechs Teilzeitkräfte musste die 45-Jährige entlassen. Lam hat Verständnis für die Proteste, solange sie friedlich bleiben. „Aber diese gewalttätigen Proteste sind nicht in Ordnung.“

Pragmatismus hat mittlerweile Lams Wut vertrieben. „Es muss weitergehen“, sagt sie. Jeden Morgen steht sie um 5 Uhr auf. Denn um die Zeit veröffentlicht der Betreiber des öffentlichen Nahverkehrs, welche Bahnen fahren und welche aufgrund der Proteste ausfallen. Dann telefoniert sie mit ihren Mitarbeitern in den verschiedenen Filialen, um die Logistik zu organisieren. Jeden Tag aufs Neue.

Ein Ende der Proteste sieht Lam nicht. „Es ist so traurig zu sehen“, sagt sie. Einige ihrer Kollegen mussten ihre Geschäfte schon aufgeben. Lam will sich jetzt unabhängiger von Hongkong machen und versucht außerhalb von China ein Franchisegeschäft aufzubauen. Wir wollen wieder zurück zur Normalität“, sagt sie. Doch von Normalität ist Hongkong derzeit aber weit entfernt.

Fünf Monate dauern die Proteste mittlerweile bereits. Ursprünglich haben sie sich an einem Entwurf für ein Auslieferungsgesetz entzündet. Der Gesetzentwurf wurde zurückgezogen. Jetzt geht es den Protestierenden um mehr – sie fürchten, dass die Regierung in Peking ihre Freiheiten immer weiter einschränken wird. Sie bangen um ihre wirtschaftliche Zukunft ohne gute Jobs in einer teuren Stadt.

Vor allem lokale Unternehmen wie Lams sind von den Protesten betroffen. Die Umsätze im Einzelhandel sind eingebrochen, Restaurants haben geschlossen, der Tourismussektor leidet. Messen werden abgesagt, Hochzeiten verschoben.

Im vergangenen Quartal ist die Wirtschaft Hongkongs um 3,2 Prozent geschrumpft. Internationale Unternehmen, die Hongkong als Finanzplatz und Tor zu China nutzen, zeigten sich bislang vergleichsweise unberührt von den Protesten. Doch seit vergangener Woche hat sich etwas geändert.

Die Zusammenstöße zwischen den Protestierenden und der Polizei sind deutlich gewaltsamer geworden, die Polizisten setzen massiv Tränengas ein, Demonstranten zerstören die Infrastruktur in U-Bahn-Stationen, blockieren wichtige Verkehrswege. Die Proteste finden nicht mehr nur am Wochenende statt, sondern auch unter der Woche. Und sie finden direkt im Herzen des Geschäftsviertels statt.

Auch die Beschäftigten der großen Konzerne, die ihren regionalen Hauptsitz in Hongkong haben, haben nun Schwierigkeiten, ins Büro zu kommen. „Wir hatten bislang immer gesagt, dass die Geschäfte von den Protesten kaum beeinträchtigt sind“, sagt Wolfgang Niedermark, Chef der deutschen Außenhandelskammer in Hongkong.

„Aber wenn die Leute nicht mehr in die Firma können, wirkt sich das auch auf die Operationen aus.“ So mancher macht am Nachmittag keine Termine mehr, weil es dann schwieriger wird, nach Hause zu kommen, und man bei den gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Protestierende und Polizisten geraten könnte.

Wer kann, lässt seine Mitarbeiter von Zuhause aus arbeiten. Einige Banken haben Angestellte wie Börsenhändler, die auf die Infrastruktur eines Büros angewiesen sind, vorübergehend an ihre Standorte nach Singapur versetzt. Was machen die monatelangen Proteste mit der Wirtschaft vor Ort und der Zukunft des Finanz- und Wirtschaftsstandorts Hongkong?

Nick Andrews, der von Hongkong aus für das internationale Analysehaus Gavekal Dragonomics arbeitet, hat sich bisher kaum von den Protesten betroffen gefühlt. Er wohnt in der Nähe seines Büros.

Neuerdings hat er sich allerdings ein paar Lebensmittelvorräte zugelegt. „Nur für den Notfall“, sagt er. In den vergangenen Wochen hatten Supermärkte an vereinzelten Tagen geschlossen, weil ihre Mitarbeiter aufgrund gesperrter Straßen nicht zur Arbeit kommen konnten.

Wer dieser Tage durch die Hochhausschluchten des Geschäftsviertels in Hongkong geht, sieht junge Männer in Anzügen und junge Frauen in Kleidern und hohen Schuhen in ihrer Mittagspause neben schwarz gekleideten Protestierenden marschieren. Die Polizei versucht in Kampfausrüstung mit allen Mitteln, die Blockaden im Geschäftsviertel zu verhindern, und setzte dabei Anfang vergangener Woche sogar Tränengas ein. Mitten im Herzen der Metropole.

Die Protestierenden wollen mit ihrem Vorgehen den Alltag in der Finanzmetropole beeinflussen und damit das Vertrauen der Wirtschaft in den Standort stören. Hinter den Protesten, die überraschend in allen Teilen der Stadt auftreten können, steckt eine gut organisierte Logistik.

Maverick ist einer von denen, die die Proteste im Hintergrund unterstützen. die hinter den Protesten stehen. Seit Juni hilft der 27 Jahre alte Hongkong-Chinese, der seinen vollen Namen nicht nennen mag, die jungen Leute an der Frontlinie der Proteste zu versorgen. Seinen Job hat er dafür aufgegeben, er lebt von seinem Ersparten.

Er steht in der zum Schlafraum umfunktionierten Turnhalle der Polytechnischen Universität. Die Gebäude sind zur Einsatzzentrale der Protestierenden umfunktioniert. Am Eingang zur Mensa stehen Tische mit Handy-Ladekabeln, gelben Bauhelmen und Erste-Hilfe-Produkten.

In der Cafeteria kochen Unterstützer den Protestierenden Mahlzeiten, andere stapeln gespendete Essensvorräte. „Die Protestierenden werden nicht aufgeben“, sagt Maverick und schaut auf die jungen Männer und Frauen, die auf dem Boden der Halle schlafen. „Wenn wir brennen, dann brennen sie mit uns.“ Was heißt das? „Wir werden China nicht länger Geld durch Hongkong verdienen lassen“, sagt Maverick.

Für China ist Hongkong ein wichtiger Finanzkanal. Zwei Drittel der ausländischen Direktinvestitionen werden über den Finanzplatz nach China getätigt. 73 Prozent der Börsengänge von Unternehmen aus der Volksrepublik fanden zwischen 2010 und 2018 in Hongkong statt.

Das Digitalunternehmen Tencent, die Großbank ICBC und bald auch Onlinehändler Alibaba nutzen die Freiheiten und die rechtliche Zuverlässigkeit, die der Finanzplatz im Gegensatz zu Festland-China bietet.

Der Finanzplatz Hongkong wird durch die Proteste in Mitleidenschaft gezogen. Laut Zahlen der Datenanalysefirma Refinitiv halbierten sich die Erlöse von Börsengängen in Hongkong in den ersten drei Quartalen auf 16,2 Milliarden US-Dollar. Umso wichtiger ist die Zweitnotierung von Alibaba. Einmal schon hatte der Onlinehändler die Notierung verschoben. Jetzt soll die Aktie ab dem 26. November gehandelt werden.

Derzeit spricht nichts dafür, dass die Proteste sich von selbst legen. Je länger sie sich hinziehen, desto größer aber dürften die Schäden sein. Doch für den Wirtschaftsstandort Hongkong wäre das schlimmste Szenario der Einsatz der chinesischen Volksbefreiungsarmee in Hongkong. „Das würde dem Finanzplatz den Todesstoß versetzen“, sagt Max Zenglein, Leiter des Wirtschaftsprogramms beim Berliner China-Thinktank Merics.

Der Vertrauensverlust wirke sich auch auf die Wirtschaft aus. „Wenn sich die Unternehmen nicht mehr auf ein funktionierendes Rechtssystem verlassen können, dann gibt es keinen Grund mehr für sie, in Hongkong zu bleiben.“

Anzeichen für einen zunehmenden Einfluss Pekings in Hongkong gibt es bereits. Der Chef der Hongkonger Börse, Charles Li, musste jüngst Kritik an dem Vorgehen Pekings in Hongkong zurücknehmen, Apple entfernte eine App aus seinem Onlineshop, mit der Protestierende die Bewegungen von Polizisten verfolgt hatten. Die Hongkonger Fluggesellschaft Cathay Pacific droht Mitarbeitern mit Entlassungen, wenn sie die Demonstrationen unterstützen.

Hongkong hat schon andere Krisen überstanden. Wer schon länger in der Finanzmetropole lebt, fühlt sich an das Jahr 2003 erinnert. Damals brach die hochansteckende Lungenkrankheit SARS in Asien aus.

Die Situation in Hongkong war extrem: Unternehmen wie BASF und Hewlett Packard schlossen vorübergehend ihre Büros, andere Konzerne verboten ihren Mitarbeitern Reisen in die Metropole. Als die Krise vorüber war, erholte sich die Stadt schnell wieder.

„Alle Unternehmen hoffen weiterhin auf Beruhigung, auch wenn man sich darauf einstellt, dass die Situation zunächst noch lange so bleiben wird“, sagt AHK-Chef Niedermark. Aber er räumt auch ein, dass sich viele Unternehmen inzwischen Gedanken darüber machen, was sie tun, wenn sich die Lage bis 2021 nicht verbessert.

„Es muss noch sehr viel passieren, bis internationale Banken oder Unternehmen von Hongkong dauerhaft wegziehen“, glaubt Vincent Tsui, Asien-Analyst bei Gavekal. Singapur sei zu weit weg, dort säßen zu wenige China-Experten. Schanghai wiederum hat zu starke Kapitalkontrollen. „Es gibt keine gleichwertige Alternative zu Hongkong als Tor zu China“, meint Analyst Tsui. „Die Unternehmen werden bleiben.“