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Trump ist zurück – und aggressiver denn je

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Das erste Mal seit seiner Covid-Erkrankung hat der US-Präsident in Florida wieder eine Wahlkampfbühne betreten. Trump kämpft um sein politisches Überleben.

Trump wirft verpackte Gesichtsmasken in die Menge. Foto: dpa
Trump wirft verpackte Gesichtsmasken in die Menge. Foto: dpa

Er könne ohne Probleme durchs Publikum laufen, rief der US-Präsident Hunderten seiner Anhänger entgegen. „Mir geht es so großartig, ihr glaubt es nicht“, sagte er am Montag, „ich gebe jedem von euch einen dicken, fetten Kuss, den Männern, den wunderschönen Frauen. Ich küsse alle, einfach jeden“. Beim ersten großen Wahlkampfauftritt seit seiner Corona-Infektion versuchte Donald Trump, seine Erkrankung in eine Siegerbotschaft umzuwandeln. Er scherzte, er brüllte, er tanzte zu „YMCA“.

Parallel zur Massenkundgebung im umkämpften Bundesstaat Florida veröffentlichte seine Kampagne einen neuen Slogan: „Präsident Trump hat Corona zerschmettert“. Trump ist dazu als muskulöser Superheld in einem Boxring zu sehen, der eine Viruszelle k.o. schlägt.

Der Präsident hatte Anfang Oktober drei Tage im Krankenhaus verbracht und war unter anderem mit extra Sauerstoff und einem Medikamenten-Cocktail behandelt worden. Inzwischen bescheinigt ihm sein Leibarzt, er sei negativ getestet worden und „nicht mehr ansteckend“.

Die persönliche Heldenerzählung des Präsidenten konterkariert die dramatische Realität in den USA. Mehr als 214.000 Menschen sind gestorben, nachdem bei ihnen eine Corona-Infektion festgestellt wurde. In den kommenden Tagen werden die USA die Marke von acht Millionen Infizierten überschreiten.

Die Folgen des Virus haben eine historische Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit ausgelöst, im Vergleich zum Frühjahr fehlen noch immer zehn Millionen Jobs. „Je länger Donald Trump Präsident bleibt, desto leichtsinniger wird er“, kommentierte sein demokratischer Herausforderer Joe Biden am Montag.

Trumps spektakuläres Kontrastprogramm

Trump und seine Fans erklären die Pandemie für beendet, oder zumindest für unter Kontrolle. Er habe früh Reisesperren gegen China „und gegen Lockdown-Europa“ durchgesetzt, sagte Trump weiter, härtere Maßnahmen würden nur der Wirtschaft und den Menschen schaden. „Wir wollen ein normales Leben, das ist alles, was wir wollen“, rief Trump in Florida.

„Wenn du der Präsident bist, kannst du dich nicht im Keller verstecken. Vielleicht ist es riskant, aber du musst rausgehen“, sagte er in Anspielung auf Biden. Der Demokrat hält deutlich kleinere Kundgebungen ab, oft im Autokino-Stil, mit Maskenpflicht und strengen Distanzregeln.

Trump, der in Umfragen konstant hinter Biden liegt, setzt in der heißen Wahlkampfphase auf ein spektakuläres Kontrastprogramm. Jeden Tag bis zur Wahl will er eine „Fly in, Fly out”-Kundgebung abhalten, das sind Auftritte direkt am Rollfeld, vor der Präsidentenmaschine Air Force One.

Rein logistisch hat die Trump-Kampagne solche Kundgebungen perfektioniert. In Florida landete die Maschine um 18.39 Uhr Ortszeit, 20 Minuten später stand Trump auf der Bühne. Dasselbe soll sich diese Woche in Pennsylvania, Iowa und North Carolina wiederholen.

In Florida lieferte Trump ein Best-of seiner Versprechen ab. „Ich werde immer, immer America First stellen“, sagte er. „Sleepy Joe“, wie er Joe Biden nennt, „wird eure Steuern vervierfachen. Aber wir werden das Virus mit einem Impfstoff ausrotten und die Wirtschaft gigantisch wachsen lassen“. Als Wahlaufruf gab er seinen Anhängern mit auf den Weg: „Vermasselt es nicht!“. Diese bedankten sich mit „Four more years!”-Sprechchören.

Trump sprach eine Stunde lang, wirkte äußerlich wie immer – und machte klar, dass er zum Wahlkampf-Endspurt voll auf Attacke setzen werde. Biden werde „unsere schönen Vorstädte unsicherer machen und Gott vom Marktplatz verbannen“, rief der Präsident. „Wenn er gewinnt, gibt es nichts als Chaos, aber wir lassen ihn nicht gewinnen.“ Dem „linken Mob“, so Trump, werde er „nicht den kleinsten Sieg gönnen“.

Bidens Chancen auf einen Sieg steigen

Doch ob Trumps Kernbotschaften außerhalb seiner treuen Basis ziehen, scheint wenige Wochen vor der Wahl immer unwahrscheinlicher. Bidens Vorsprung in den Umfragen hat sich in den vergangenen Tagen stetig ausgeweitet. Laut der Analyse-Website RealClearPolitics liegt der Demokrat nun im bundesweiten Schnitt knapp zehn Prozentpunkte vor Trump.

Andere Umfragen zeigen Biden in mehreren Staaten, die Trump 2016 gewann, im Aufwind: darunter North Carolina, Arizona, Georgia, Florida, Michigan, Wisconsin und Pennsylvania. Der Sieg in drei oder vier dieser Staaten würde aller Voraussicht nach genügen, um ins Weiße Haus einzuziehen. Die absolute Mehrheit der bundesweiten Stimmen, der sogenannte „popular vote“, ist für einen Wahlsieg eher zweitrangig.

Wenige Stunden vor Trumps Rede in Florida war Biden nach Ohio gereist, einer wichtigen Region für industrielle Fertigung im Mittleren Westen. Diesen Bundesstaat gewann Trump 2016 mit deutlichem Abstand gegenüber Hillary Clinton. Glaubt man den Umfragen, rückt Ohio nun in greifbare Nähe für Biden. Dieser warf Trump am Montag „rücksichtsloses Verhalten und spaltende Rhetorik“ vor. Trump habe „keinen Plan, dieses Virus unter Kontrolle zu bringen“.

Beide Kandidaten werden sich wohl so schnell nicht mehr gemeinsam auf einer Bühne gegenüberstehen. Das erste TV-Duell Ende September lief chaotisch ab und war geprägt von Attacken und Unterbrechungen. Am Donnerstag sollte eigentlich die Fortsetzung stattfinden. Doch Biden bestand nach Trumps Corona-Infektion auf einem virtuellen Format, der Präsident lehnte ab.

Beide Kandidaten werden nun getrennt bei Wahlkampfveranstaltungen auftreten, 600 Kilometer voneinander entfernt. Was aus der für den 22. Oktober geplanten dritten Debatte wird, ist noch völlig offen.