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Thyssen-Krupp: Wie eine Ikone der deutschen Wirtschaft abstürzte

Vor der Hauptversammlung von Thyssen-Krupp geraten Vorstand und Aufsichtsrat in die Kritik. Dabei hat der Niedergang des Ruhrkonzerns schon vor langer Zeit begonnen.

Am Freitag beginnt in Bochum der Tag der Abrechnung. Der Industriekonzern Thyssen-Krupp lädt seine Aktionäre zur jährlichen Hauptversammlung – und die bringen reichlich aufgestauten Ärger mit. Seit dem vergangenen Jahr ist der Kurs um fast ein Viertel abgestürzt.

Der Ruhrkonzern verbrennt laufend Geld. Aus der schlechten Performance zieht Vorstandschefin Martina Merz eine Konsequenz: Die Dividende für dieses Jahr ist gestrichen.

Nicht nur der Corporate-Governance-Experte und frühere DWS-Aufsichtsratschef Christian Strenger, auch Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz will wichtigen Führungspersonen die Entlastung verweigern. Im Fokus der Kritik steht der Aufsichtsrat, aber auch die Chefin selbst. Sie führte das Gremium im vergangenen Geschäftsjahr an, bevor sie interimsweise für zwölf Monate auf den Vorstandsvorsitz wechselte.

Doch der Niedergang von Thyssen-Krupp hat eine deutlich längere Vorgeschichte. Fehlinvestitionen in Brasilien und den USA brachten den Ruhrkonzern schon vor fast zehn Jahren an den Rand des Ruins. Mit dem Bau eines Hochofens nahe Rio de Janeiro und einem Stahlwerk in Alabama wollte die damalige Führungsriege die globale Expansion des Stahlkochers vorantreiben. Am Ende stand ein Verlust von acht Milliarden Euro – es war die wohl größte Fehlentscheidung der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Bis heute hat sich Thyssen-Krupp nicht davon erholt. Von den sechs Sparten des Konglomerats – Stahl, Aufzüge, Anlagenbau, Komponenten, Werkstoffhandel und Marineschiffbau – steht mehr als die Hälfte heute praktisch zum Verkauf. Jeder dritte Arbeitsplatz ist von dem Umbau betroffen. Als erstes ist die Aufzugsparte an der Reihe: der größte Gewinnbringer des Konzerns.

Über Jahre hatte sich das Management, zuletzt Heinrich Hiesinger, gegen diesen Schritt gewehrt. Denn die konstanten Zuflüsse aus dem Aufzugsgeschäft dienten bislang dazu, die langwierige Restrukturierung zu finanzieren. Neben den Milliardenverlusten in Amerika belastete bei dessen Amtsübernahme 2011 auch die notleidende Edelstahlsparte das Geschäft.

Kaum sichtbare Fortschritte

Erst 2017 konnte sich das Unternehmen von den Problemfällen trennen. Auch den Rest des Stahlgeschäfts, das einst den Kern des Ruhrkonzerns bildete, wollte Hiesinger in ein Joint Venture mit dem Europageschäft des indischen Konkurrenten Tata auslagern. Thyssen-Krupp sollte ein Technologiekonzern werden – mit der hochprofitablen Aufzugsparte im Zentrum.

Doch einigen Investoren ging der schrittweise Umbau zu langsam, zumal sich die Fortschritte in der Bilanz lange kaum ablesen ließen. Gleichzeitig saß Thyssen-Krupp mit seinem Elevator-Geschäft auf milliardenschweren stillen Reserven. Die Spannung entlud sich in einem großen Knall, als im Streit um die strategische Ausrichtung mit Hiesinger und Aufsichtsratschef Ulrich Lehner zwei Schlüsselakteure kurz hintereinander das Unternehmen verließen.

Der Vertrag für das Joint Venture war da gerade unterzeichnet. Doch das Vorhaben scheiterte an den Forderungen der EU-Kommission, die den Tata-Deal wegen mangelnder Zugeständnisse der Unternehmen untersagte. Nun soll der Stahl wieder Kerngeschäft des Ruhrkonzerns werden, während die Aufzugsparte für bis zu 17 Milliarden Euro verkauft werden könnte.

Mit Martina Merz ging der Vorstandsvorsitz zum zweiten Mal in Folge an eine Person, die das Amt interimsweise übernimmt. Sie hatte den Posten im September vom früheren Finanzchef Guido Kerkhoff übernommen, der nach der Flucht von Hiesinger und Lehner erst als Zwischenlösung, dann dauerhaft befördert worden war. Alternativen hatte der Aufsichtsrat damals nicht gefunden.

All das dürften die Aktionäre bei der Hauptversammlung thematisieren – ebenso wie die Abfindung von gut sechs Millionen Euro, die den Konzern die vorzeitige Auflösung von Kerkhoffs Fünfjahresvertrag kostete. Ein dauerhafter Nachfolger indes ist immer noch nicht in Sicht: Merz, die als frühere Aufsichtsratschefin nur für zwölf Monate in den Vorstand entsendet wurde, stellt sich auf der Hauptversammlung erneut für das Kontrollgremium zur Wahl.

Auch wenn Merz mittlerweile eine Schlüsselrolle bei Thyssen-Krupp übernimmt, dürfte sie die Kritik der Aktionäre nicht direkt treffen. Zum einen trägt sie für die Fehlentscheidungen, die den Ruhrkonzern schon vor vielen Jahren in die Misere stürzten, keine direkte Verantwortung. Zum anderen gilt das auch für Kerkhoffs Vertrag: Sie kam erst nach seiner Berufung ins Unternehmen – und genießt, anders als ihre Vorgänger, die Rückendeckung wichtiger Aktionäre.