Werbung
Deutsche Märkte geschlossen
  • DAX

    17.735,07
    +56,88 (+0,32%)
     
  • Euro Stoxx 50

    4.894,86
    +17,09 (+0,35%)
     
  • Dow Jones 30

    39.087,38
    +90,99 (+0,23%)
     
  • Gold

    2.091,60
    +36,90 (+1,80%)
     
  • EUR/USD

    1,0839
    +0,0032 (+0,29%)
     
  • Bitcoin EUR

    56.843,06
    -297,78 (-0,52%)
     
  • CMC Crypto 200

    885,54
    0,00 (0,00%)
     
  • Öl (Brent)

    79,81
    +1,55 (+1,98%)
     
  • MDAX

    26.120,64
    +295,99 (+1,15%)
     
  • TecDAX

    3.429,24
    +40,91 (+1,21%)
     
  • SDAX

    13.857,04
    +84,65 (+0,61%)
     
  • Nikkei 225

    39.910,82
    +744,63 (+1,90%)
     
  • FTSE 100

    7.682,50
    +52,48 (+0,69%)
     
  • CAC 40

    7.934,17
    +6,74 (+0,09%)
     
  • Nasdaq Compositive

    16.274,94
    +183,02 (+1,14%)
     

"The Wanderer": VW plant ein vollelektrisches Tiny House auf Rädern

 - Copyright: VW
- Copyright: VW

Ein futuristisch angehauchter Zylinder mit verglasten Fronten steht vor einem See inmitten der Natur. Es sieht aus, als ob das majestätische „Raumschiff Enterprise“ aus den Tiefen des Alls mitten in einem Wald gelandet ist. Im Inneren der modernen Räumlichkeiten spielt eine Mutter mir ihrem Kind und draußen spazieren Menschen direkt am Wasser. Idyllisch. Was aussieht wie ein Raumschiff, ist „The Wanderer“ – das neue High-Tech-Tiny-House auf Rädern von Deutschlands größtem Autobauer, VW.

VW-Chef Herbert Diess persönlich postete ein Rendering dieser Szenerie auf Linkedin und Twitter, womit der Konzern erstmals seine Vision für das neue Fahrzeugkonzept teilte.

Im Rahmen der aktuellen Strategie „New Auto“ soll das mobile Kompakthaus "The Wanderer" ab 2030 realisiert werden. Das Projekt entstammt der sogenannten Group Innovation der Wolfsburger, die dem Vorstand jüngst ihre spannendsten Forschungsprojekte enthüllte. „The Wanderer“ sei ein persönlicher „Favorit“ von Herbert Diess, wie Volkswagens CEO auf den sozialen Medien verkündete.

Dieses futuristisch gestaltete Fahrzeug aus der Konzernforschung sei ein „komfortables und dennoch kompaktes Haus auf Rädern, das Sie autonom, sicher, komfortabel und mit Stil an Ihre begehrtesten Orte bringt“, so Diess. „Der Wanderer“ sei „durchdacht für ein Jahr auf Rädern, statt nur Wochenenden oder Kurzurlaub“.

Schon länger sind Tiny Houses im Trend, die Vision vom Leben in kleinen Häusern, die man überall in der Welt aufstellen kann, begeistert nicht mehr nur digitale Nomaden – nun offenbar auch Deutschlands größten Autobauer.

Business Insider wollte mehr erfahren über die Zukunftsideen hinter VWs Innovationskonzept und sprach mit Klaus Zyciora, dem Chefdesigner des Konzerns. Eine Maxime des 60-jährigen Topmanagers ist, „dass neuartige Technik nicht nachhaltig als solche zu erkennen ist, wenn deren Design zu stark auf alte Sehgewohnheiten“ setzt. Heißt übersetzt: Wenn es von außen alt aussieht, denkt man nicht, dass innen etwas Neues steckt. Beispiele aus der Pkw-Welt verdeutlichen das: Der gefragte Stromer E-Up wie auch der eher glücklose E-Golf von Volkswagen fahren rein elektrisch, unterscheiden sich von ihren Verbrenner-Pendants aber äußerlich kaum.

Ganz anders bei den von Grund auf neuen E-Modellen der ID.Familie. Ob Kompaktwagen wie ID.3, sportive SUV-Coupés à la ID.5 GTX oder Vans in der Art des ID.Buzz: „Die ganz und gar andersartige Designphilosophie dieser Autos funktioniert innen wie außen als Beschleuniger jener Transformation, der wir uns bei VW verschrieben haben“, sagt Zyciora.

 - Copyright: VW
- Copyright: VW

Zylinder mit zig Überraschungseffekten

So auch beim „Wanderer“: Klar, dass das Tiny House auf Rädern später als Serienmodell von Strom angetrieben werden soll. Nach besagter VW-Design-Logik ist es nur folgerichtig, dass die Gestaltung mit der Form- und Farbensprache vieler Wohnwagen und -mobile bewusst bricht. "The Wanderer" soll deutlich moderner aussehen, „weiße Ware für Camper“ sei für VW nicht in Betracht gekommen. Das silbrig glänzende Zylinder-Wohnmobil weist etliche formale Überraschungen auf.

Da sind seine aerodynamisch verkleideten Räder, die an Volkswagens XL1 erinnern. Dieses Ein-Liter-Auto von 2011 ging zurück auf eine Vision des 2019 verstorbenen VW-Patriarchen Ferdinand Piëch, der partout beweisen wollte, dass es möglich ist, ein vollwertiges Auto mit dem Verbrauch von nur einem Liter Kraftstoff pro 100 Kilometer zu bauen. Mit der XL1-Kleinstserie schaffte er dies auch später von 2014 bis 2016 zu beweisen.

Der Wanderer wiederum soll beweisen, dass es zum Beispiel möglich ist, bei einem Wohnwagen die häufig schablonenartige Anordnung der Fenster zu beenden: Statt vergleichsweise kleiner Rechtecke für den Blick nach draußen offeriert VWs Mobile-Home-Entwurf großzügige Glaspartien mit spitzen Winkeln.

Auch was Klima, Heizung, Solarstrom und Wassermanagement angeht, soll der Wanderer möglichst autark funktionieren. Der Chefdesigner beschreibt es so: „Wie ein modernes Hausboot bewegt sich ‚The Wanderer“ an der Grenze zwischen Immobilie und Mobilie.“

Ein herkömmliches Vorzelt übrigens wäre überflüssig, wenn mal die Zeltnachbarn als spontane Besucher anklopften: Der Wanderer gibt auf Knopfdruck zusätzliche Quadratmeter Nutzfläche frei – und fährt surrend seine integrierte Terrasse aus.

Vergleich zum Design von Apple

Bei der Gestaltung habe das Design-Team vor allem auf Nachhaltigkeit und "Zeitbeständigkeit" geachtet, so Zyciora. VWs Chefdesigner ist seit jeher fest davon überzeugt, „dass schlüssiges Design hervorragend geeignet ist, um selbst komplexeste Technologie für Menschen nachvollziehbar zu machen, zu dechiffrieren“.

Apple sei da ein gutes Beispiel, der Verzicht auf dekorative Schnörkel an den Smartphones des US-Konzerns bei fortwährender Verbesserung der Bedieneroberflächen sagt Zyciora zu. Ebenso wie die vom legendären Produktgestalter Dieter Rams geprägten HiFi-Bausteine der deutschen Kultmarke Braun.

„Marken muss man prägen, sagt Zyciora. Und: „Man muss Dinge machen, an die sich die Menschen gern erinnern.“ Der Designchef des VW-Konzerns überlegt kurz, dann schiebt er plakativ nach: „Was im Gehirn nicht kleben bleibt, das hat doch schlicht nicht stattgefunden in unserer inzwischen von bunten Bildern nur so überfluteten Welt.“

Gerade vor diesem Hintergrund lauern in der Elektromobilität, die buchstäblich VWs Antrieb der Zukunft ist, enorme Chancen und hohe Risiken zugleich. Denn alternative Motorisierungen nehmen im Zuge der Abkehr von fossilen Brennstoffen für alle Autohersteller rasend schnell an Bedeutung zu. Doch zugleich werden sich E-Mobile tendenziell technisch ähnlicher als es Verbrenner je waren.

Im weltweit immer schärferen Wettbewerb suchen daher die Fahrzeughersteller händeringend nach Optionen, um ihre Produkte von jenen der Konkurrenz zuverlässig abzuheben. Hier haben unter anderem die koreanischen VW-Rivalen von Hyundai die Möglichkeiten des Designs als Stellhebel erkannt und mit Ioniq eine Submarke kreiert, dessen Produktgestaltung man nicht nur in Wolfsburg so aufmerksam wie anerkennend verfolgt. VWs US-Herausforderer Tesla wiederum gilt zwar beim Design seiner Autos nicht gerade als Benchmark, umso mehr aber bei der Konzeption cleverer Mensch-Maschine-Schnittstellen.

„In Unternehmen, die dauerhaft erfolgreich sein wollen, gewinnt das Design an Einfluss – denn sonst kann ihnen eines Tages der ‚Nokia-Moment’ drohen“, sagt Zyciora. Der finnische Telekommunikationskonzern Nokia, im Handy-Geschäft lange führend, hatte vor Jahren den Trend zu Smartphones verpasst – und verschwand von der Bildfläche.

Auch deshalb plädiert Zyciora „für holistisches Design“, also ganzheitliche Ansätze in der Gestaltung. Wieder führt VWs Chefstylist Apple als einen der Wegweiser an: „Vom Mac über iPads bis hin zur Apple Watch – all die Geräte mit dem Apfel-Logo, deren Verpackung, sogar die Tresen in den Stores erzeugen mit ihrer durchgängig einprägsamen Anmutung einen enorm starken Wiedererkennungswert.“ Zyciora weiter: „Und das zahlt dann kräftig ein auf das Konto der Marke.“

Schon der erste VW Golf brach mit Konventionen – und hatte damit Erfolg

Auf diese Weise kann selbst die kühnste Vision zu einem realen Produkt werden. Auch bei VW, wie etwa der in seinen Grundzügen bereits um die Jahrtausendwende angedachte XL1 belegt. Und wie jetzt das Beispiel „The Wanderer“ zeigt, sprühen die Gestalter des Global Players aus Wolfsburg gut zwanzig Jahre später vor Ideen, die zu gegebener Zeit eine echte Disruption bedeuten könnten.

Ein solche war der VW Golf I. Als der kantige Kompaktwagen 1974 auf den Markt kam, löste er den rundlichen und hochbetagten Käfer ab. „Mit brillantem, nachhaltig wirkendem Design“, wie Klaus Zyciora betont. Und so durchschlagende Verkaufserfolge waren dem vom italienischen Industriedesigner Giorgio Giugiaro gezeichneten Golf beschieden, dass bald eine ganze Karosseriegattung nach ihm benannt wurde: die Golf-Klasse.

Eine solche Wegmarke ist für den Wanderer noch weit entfernt. Sofern VWs Tiny House auf Rädern es überhaupt je in die Serienproduktion schaffen sollte, dürfte dies noch mindestens zehn Jahre dauern.

„Das Orderbuch füllt sich bereits“, schrieb VW-Chef Diess jedoch jüngst scherzhaft auf Linkedin. Nikolai Ardey, Executive Director VW Group Innovation, habe die Bestellkladde im Demonstrationsmodell liegen lassen.

Im Jahr 2033 wird Herbert Diess 75. An der Spitze des VW-Konzerns wird er dann nicht mehr stehen. Vielleicht aber parken, in einem Nationalpark in Colorado, in dem schmucken zylinderförmigen "Wanderer". Den Viertausender Gipfel Pikes Peak in den Rocky Mountains von Colorado jedenfalls hat der VW-Konzern schon mit so manchem Konzernfahrzeug in Angriff genommen. Beim dortigen „Race to the clouds“ jeweils möglichst in Rekordzeit. Im Wanderer hingegen könnte es Diess als Pensionär in den USA langsamer angehen lassen. Denn was schrieb der VW-Chef noch gleich über das potenzielle Wolfsburger Tiny House: „Durchdacht für ein Jahr auf Rädern“.