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„Tempo verloren“: Uniper-Chef rügt die Bundesregierung beim Thema Wasserstoff

Wann hat das Warten ein Ende? Die Wasserstoffstrategie der Bundesregierung ist noch immer nicht verabschiedet. Die Unternehmen sind sauer.

Bei Andreas Schierenbeck wächst die Ungeduld. Der Vorstandvorsitzende des Uniper-Konzerns möchte beim Thema Wasserstoff vorangehen, aber es fehlt der politische Rahmen: „Wir sind bereit, den Weg in die Wasserstoffwirtschaft zu gehen. Es bedarf dazu aber auch klarer Signale der Politik“, sagte Schierenbeck dem Handelsblatt. Doch auf diese Signale muss die Wirtschaft weiter warten. Denn die „Nationale Wasserstoffstrategie“, die die Bundesregierung nach ursprünglicher Planung bereits im vergangenen Jahr hatte verabschieden wollen, ist noch immer keine beschlossene Sache. Die Beschlussfassung durch das Bundeskabinett wurde mehrfach verschoben.

In Regierungskreisen heißt es nun, die Strategie werde „baldmöglichst“ vom Kabinett verabschiedet, ein Termin im Mai sei sehr wahrscheinlich. Inhaltliche Streitpunkte zwischen den Ministerien seien weitestgehend ausgeräumt.

Andere Länder sind weiter. So haben beispielsweise die Niederländer eine ehrgeizige Strategie entwickelt und beschlossen.

Schierenbeck betrachtet das mit Sorge. „Deutschland hat in den vergangenen Monaten an Tempo verloren. Wir diskutieren zu lange. Das Risiko, dass wir abgehängt werden, ist hoch“, sagt der Uniper-Chef. Andere Länder seien Deutschland mittlerweile voraus. „Die Gefahr, dass Deutschland am Ende zu langsam ist, war nie größer als heute“, kritisiert Schierenbeck.

Uniper ist beim Thema Wasserstoff wie andere Unternehmen in Deutschland bereits seit Jahren aktiv. Eine erste Anlage, in der mittels Elektrolyse aus erneuerbarem Strom grüner Wasserstoff hergestellt wird, hat Uniper 2013 in Falkenhagen errichtet, eine weitere Anlage 2015 in Hamburg. Viele der Gasturbinen in den Uniper-Gaskraftwerken sind bereits technisch darauf vorbereitet, auch Wasserstoff zu verarbeiten. Ziel des Unternehmens ist es, in der europäischen Stromerzeugung bis 2035 CO2-neutral zu werden. Dabei spielt Wasserstoff eine wichtige Rolle.

Strom für die Wasserstoffproduktion

Unternehmen wie Uniper brauchen Klarheit, wenn sie ihre Wasserstoff-Projekte skalieren wollen. Aus ihrer Sicht ist entscheidend, dass die Politik sich für bestimmte Instrumente entscheidet, die den Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur und die Verwendung von Wasserstoff in der Industrie, in bestimmten Bereichen des Verkehrssektors oder auch im Strom- und Wärmesektor anreizen.

Schierenbeck hat konkrete Vorstellungen von den Prioritäten. „Wenn wir grünem Wasserstoff, der im eigenen Land produziert wird, eine Chance geben wollen, müssen wir den Strom, der zu Herstellung eingesetzt wird, von Abgaben und Umlagen befreien“, fordert er. Die Stromkunden bezahlten ohnehin schon Jahr für Jahr viele hundert Millionen Euro Entschädigung an Windparkbetreiber für nicht genutzten Strom, weil die Stromnetze überlastet seien. „Die Kosten für diesen ,Geisterstrom‘ werden auf alle Stromverbraucher umgelegt. Es wäre sinnvoll, wenigstens diesen Strom für die Produktion von grünem Wasserstoff zu verwenden“, fordert Schierenbeck.

Das Bundeswirtschaftsministerium, das für die Wasserstoffstrategie federführend ist, bewertet diese Forderung, die von großen Teilen der Energiewirtschaft erhoben wird, allerdings zurückhaltend. In den bisherigen Entwürfen der Wasserstoffstrategie ist die Rede davon, die Wasserstoffherstellung zur Entlastung der Stromnetze nur in Modellprojekten zu testen. Die generelle Befreiung des für die Wasserstoffelektrolyse eingesetzten Stroms von Abgaben und Umlage ist also nicht vorgesehen.

Schierenbeck warnt davor, sich in der Debatte über Wasserstoff bereits auf bestimmte Technologiestränge festzulegen. „Wir stehen am Anfang der Diskussion und sollten uns alle technologischen Optionen offen halten, sonst vergeben wir möglicherweise große Chancen. Es ist viel zu früh, sich ausschließlich auf eine bestimmte Variante der Herstellung von Wasserstoff zu fokussieren oder bestimmte Varianten komplett auszuschließen“, sagt der Uniper-Chef. „Wir müssen schnell und ergebnisoffen vorangehen.Vorfestlegungen helfen nicht“, mahnt der Vorstandsvorsitzende.

Schierenbeck spielt damit auf den Streit an, der in der Bundesregierung darüber geführt wird, ob man sich ausschließlich auf grünen Wasserstoff fokussieren sollte oder ob auch blauer Wasserstoff eine Chance bekommen sollte.

Wasserstoff-„Farbenlehre“

Blauer Wasserstoff wird auf Erdgas-Basis durch Dampfreformierung hergestellt. Dabei wird CO2 freigesetzt. Das CO2 muss daher abgetrennt und gespeichert werden (Carbon Capture and Storage, kurz CCS). Nach Definition des Wirtschaftsministeriums ist blauer Wasserstoff CO2-neutral. Daran entzündet sich Kritik, weil in der Prozesskette von der Erdgasförderung bis zur Speicherung CO2 in die Atmosphäre gelangt. Zudem ist die CCS-Technologie umstritten.

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) und Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) klammern daher blauen Wasserstoff in ihren Überlegungen aus.

Damit ist die „Farbenlehre“ beim Wasserstoff allerdings noch nicht beendet. Jens Hanke, Gründer und Geschäftsführer des Berliner Unternehmens Graforce, pocht darauf, auch türkisem Wasserstoff eine Chance zu geben.

Türkiser Wasserstoff entsteht durch Pyrolyse. Dabei wird beispielsweise Erdgas thermisch in seine Bestandteile Wasserstoff und Kohlenstoff zerlegt. Anders als bei der Produktion von blauem Wasserstoff entsteht anstelle von CO2 mit Kohlenstoff ein fester Rohstoff, der in der Industrie beispielsweise für die Produktion von Leichtbaustoffen oder die Batteriefertigung genutzt werden kann.

Graforce hat ein Verfahren entwickelt, beim dem als Ausgangsstoff nicht Erdgas genutzt wird, sondern anorganische oder organische Verbindungen, die sich beispielsweise in Gülle oder in den Abwässern von Klär- und Biogasanlagen finden.

Die Bundesregierung habe türkisen Wasserstoff „aus dem Blick verloren“, kritisiert Hanke. „Dabei ist für die Herstellung von türkisem Wasserstoff bis zu 75 Prozent weniger Strom aus erneuerbaren Quellen erforderlich als für die Produktion von grünem Wasserstoff mittels Elektrolyse“, sagt der Graforce-Chef. Unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit seien die Potenziale daher enorm.

„Es überrascht nicht, dass auch große Unternehmen wie zum Beispiel BASF das Thema vorantreiben“, sagte Hanke. Technologisch ist die Herstellung nach den Worten Hankes keine Herausforderung: „Wir reden hier nicht über Raketentechnologie, sondern über erprobte Verfahren, die sich rasch in industriellem Maßstab skalieren lassen“, sagte Hanke.