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„Tatenlos und gefühllos" – Indische Arbeiter protestieren gegen Modis Lockdown-Politik

Der Lockdown in Indien trifft vor allem die Hunderten Millionen Geringverdiener hart. Sie wissen nicht mehr, wie sie sich ernähren sollen.

Eigentlich dürfen sie ihr Zuhause nicht verlassen, doch die Frauen in der indischen Millionenmetropole Amritsar haben eine wichtige Botschaft: Angesichts der seit einem Monat andauernden Ausgangssperre in ihrem Land geht ihnen das Essen aus. Als Zeichen des Protestes strecken sie leere Teller und Töpfe in die Luft.

Die meisten der Frauen gehören zu Wanderarbeiterfamilien, die während des Lockdowns keine Möglichkeit mehr haben, Geld zu verdienen. Um über die Runden zu kommen, sind sie vor allem auf die Unterstützung privater Wohltäter angewiesen.

Gegen die Situation regt sich in Indien landesweit zunehmend Widerstand. Er kommt vor allem von Menschen, die auch zu normalen Zeiten Schwierigkeiten haben, genug Geld für Essen und eine Unterkunft zu verdienen – und jetzt besonders unter der strengen Anti-Corona-Politik leiden. Sie fühlen sich von Regierungschef Narendra Modi im Stich gelassen und gehen auf die Barrikaden.

Der linksgerichtete Gewerkschaftsführer Tapan Sen rief für vergangenen Dienstag zum landesweiten Protest gegen Modis Politik auf. „Wir haben genug von Ihnen gehört“, sagte er in Richtung des Premierministers. „Nun hören Sie uns endlich mal zu!“, forderte er von Modi.

Fotos der Aktion, die Tapans Gewerkschaft Centre of Indian Trade Unions organisierte, zeigten, wie Menschen in mehreren Städten mit Protestplakaten vor ihre Häuser traten. „Die Regierung ist tatenlos und gefühllos, wenn es um das Leid der Arbeiter geht“, klagte die Gewerkschaft in einer Mitteilung. 

Seit dem 25. März ist das öffentliche Leben in Indien fast vollständig lahmgelegt. Die fast 1,4 Milliarden Einwohner des Landes dürfen nur noch vor die Tür, wenn sie dafür einen zulässigen Grund haben – Lebensmittel und Medikamente zu kaufen, ist beispielsweise erlaubt, auch einige Betriebe dürfen neuerdings wieder öffnen. Mehr will Modi vorerst aber nicht zulassen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen. Bis Freitag zählte das Land knapp 25.000 Fälle. 

Massive wirtschaftliche Probleme im informellen Sektor

Von Anfang an war klar, dass die Einschränkungen für die mehreren Hundert Millionen Inder, die im informellen Sektor arbeiten, zu massiven wirtschaftlichen Problemen führen würden. Die Internationale Arbeitsorganisation ILO warnte, dass wegen des Mangels an Verdienstmöglichkeiten 400 Millionen Arbeiter in Indien tiefer in die Armut rutschen könnten. 

Angesichts vieler Berichte über die Notlagen der Geringverdiener, sah sich Modi zu einer öffentlichen Entschuldigung veranlasst, in der er um Verständnis für die strikten Maßnahmen warb. Als er aber die ursprünglich auf drei Wochen angesetzte Ausgangssperre, die Mitte April auslaufen sollte, bis Anfang Mai verlängerte, verloren viele Menschen die Geduld.

An einem Bahnhof in der Finanzmetropole Mumbai kam es zu chaotischen Szenen: Tausende Arbeiter, die ursprünglich aus anderen Teilen des Landes stammen, versammelten sich und forderten Rückkehrmöglichkeiten in ihre Heimat. Bisher wurden diese nicht gewährt – Reisen zwischen den Bundesstaaten sind derzeit nicht erlaubt.

Die Regierung verspricht aber, die Arbeiter nicht allein zu lassen. „Wir wollen nicht, dass irgendjemand hungern muss“, sagte Finanzministerin Nirmala Sitharaman, als sie ein 23-Milliarden-Dollar-Hilfspaket zur Unterstützung von Geringverdienern vorstellte.

Doch viele Bedürftige sind bisher leer ausgegangen. In einer Umfrage indischer Medien unter Tausenden Wanderarbeitern gaben mehr als 90 Prozent an, keine Essensrationen erhalten zu haben – und zwei Drittel von ihnen, weniger als umgerechnet 2,50 Euro übrig zu haben.

Beobachter warnen vor dem sozialen Sprengstoff, der in der Situation steckt: „Es gibt viele Beschwerden“, kommentierte die Wirtschaftsprofessorin Indira Hirway, die in Modis Heimatstaat Gujarat lehrt. Sie glaubt: „Wenn die Regierung ihre Politik nicht ändert, dann könnte das zu Unruhen und gewaltigem Elend führen.“