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Staatsanwaltschaft ermittelt gegen weiteren Sparkassen-Mitarbeiter in Nordhessen

Bender, René
·Lesedauer: 4 Min.

Bei der Sparkasse Werra-Meißner soll ein zweiter Mitarbeiter Gelder abgezweigt haben. Und ein schon angeklagter Ex-Kundenbetreuer ist in weiteren Fällen im Visier.

Die Sparkasse Werra-Meißner hatte womöglich gleich zwei kriminelle Mitarbeiter in ihren Reihen. Die Ermittlungen werfen auch Fragen zu den Sicherungssystemen auf. Foto: dpa
Die Sparkasse Werra-Meißner hatte womöglich gleich zwei kriminelle Mitarbeiter in ihren Reihen. Die Ermittlungen werfen auch Fragen zu den Sicherungssystemen auf. Foto: dpa

Ein Unglück kommt selten allein. 175 Jahre Tradition feierte die Sparkasse Werra-Meißner 2019. Dann kam heraus, dass ein Mitarbeiter jahrelang offensichtlich die Kunden betrogen hatte, ohne dass dies irgendjemandem in der Sparkasse aufgefallen wäre. Die Staatsanwaltschaft Kassel hat den Mann wegen des Verdachts auf gewerbsmäßigen Betrug in 29 Fällen angeklagt. Nun erfuhr das Handelsblatt: Es gab bei der Sparkasse offenbar auch schweren Diebstahl. Die Polizei fand demnach Bohrlöcher in einem Geldautomaten.

Diesmal steht ein anderer Mitarbeiter unter Verdacht. 150.000 Euro verschwanden laut Handelsblatt-Informationen aus einem Geldautomaten in Witzenhausen. Ermittler tippten erst auf einen externen Täter, entschieden im Laufe der Untersuchung aber, den Blick nach innen zu richten. Im Juli 2020 durchsuchten sie das Wohnhaus eines Sparkassen-Mitarbeiters.

Nun hat auch die Sparkasse Werra-Meißner ein Problem. Laut Recherchen des Handelsblatts hatte der Verdächtige zum einen Zugriff auf den Tresor, aus dem die Gelder für den Bankautomaten genommen wurden. Zudem soll er auch selbst an der sogenannten Bestückung des Automaten beteiligt gewesen sein.

Das ist keinesfalls selbstverständlich. Bei zahlreichen Banken ist es üblich, dass externe Sicherheitsunternehmen damit beauftragt werden, die Bankautomaten zu füllen. Die Commerzbank etwa wickelt die komplette Bargeldlogistik durch externe ‎Werttransportunternehmen ab, teilt ein Sprecher auf Nachfrage mit. „Bankmitarbeiter haben generell keinen Zugriff auf die ‎Tresorwerte der Geldautomaten.“‎

Die Sparkasse Werra-Meißner ließ eine Nachfrage dazu, ob sie ihr Verfahren zur Bestückung der Geldautomaten angepasst hat, zunächst unbeantwortet. Auf nochmalige Frage erklärte ein Sprecher schließlich, die Sicherungsmechanismen würden bei der Sparkasse regelmäßig intern und extern auditiert und „auf den neuesten Stand gebracht“.

Womöglich weitere Taten im ersten Komplex

Auch zu weiteren Erkenntnissen aus dem Fall hielt er sich bedeckt. „Die Polizei hat uns im Juli 2020 verständigt, dass sie einen Verdacht gegen einen unserer Mitarbeiter hegt“, so der Sprecher. Der Sparkassen-Mitarbeiter sei inzwischen entlassen worden. Für weitere Fragen verwies er an die Staatsanwaltschaft. Diese bestätigte ein laufendes Ermittlungsverfahren wegen besonders schweren Diebstahls, machte zu dessen Stand aber keine weiteren Angaben.

Jede Ermittlung gegen einen Mitarbeiter kommt für eine Bank zur Unzeit. Die Sparkasse Werra-Meißner ist aber gleich doppelt gestraft. Schon der Fall des Mitarbeiters, der langjährige Kunden der Sparkasse betrogen haben soll, sorgte für großes Händeringen.

In 13 Fällen war demnach eine über 80-jährige Kundin Ziel des mutmaßlichen Täters. Der für die Beratung vermögender Privatkunden zuständige Kundenbetreuer bestellte offenbar mit ihrem Geld Gold bei der Hessischen Landesbank, verwendete die Summe aber dann für eigene Zwecke. Laut Anklage soll er sich allein auf diese Weise 195.000 Euro erschlichen haben. Insgesamt soll der Schaden der Kunden eine Million Euro betragen.

Die Sparkasse gab an, ihre Kunden seien bereits vollständig entschädigt worden. Der Ex-Mitarbeiter habe sich „das Vertrauen von Kunden und Mitarbeitern erschlichen“ und „mit viel krimineller Energie“ die Kontrollsysteme umwandert, erklärte Marc Semmel, der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse. Um ihn für den entstandenen Schaden zur Rechenschaft zu ziehen, habe man zivilrechtlich die notwendigen Schritte eingeleitet.

Mutmaßlicher Täter laut Gutachten nur eingeschränkt schuldfähig

Strafrechtlich sollte sich der ehemalige Mitarbeiter bereits ab Frühjahr 2020 vor Gericht verantworten, dann kam die Corona-Pandemie dazwischen. Noch immer gibt es keinen neuen Termin, dafür einen weiteren Verdacht. Der mutmaßliche Täter könnte weitere Gelder veruntreut haben.

Die Staatsanwaltschaft untersucht, ob der Berater auch „abrede- und pflichtwidrig“ hochriskante Anlagen für einen Kunden tätigte. Dabei ging es um Termingeschäfte im Wert von mehreren Hunderttausend Euro. Beratungsprotokolle sollen kaum vorliegen. Das Compliance-System der Bank schlug aber offenbar keinen Alarm.

Die Sparkasse teilte dazu mit, dass man keine Auskünfte erteilen könne, um die Ermittlungen nicht zu beeinträchtigen. Wegen unklarer Sachlage sei „eine Klärung mit dem von dieser Thematik betroffenen Kunden, die uns sehr wichtig ist, bislang noch nicht möglich“ gewesen. Die Staatsanwaltschaft gab an, dass mit einem Abschluss der Ermittlungen nicht vor Februar zu rechnen sei.

Ob der Mitarbeiter im Falle einer Verurteilung überhaupt vollständig zur Verantwortung gezogen werden kann, ist fraglich. Im Verlauf der Ermittlungen waren die Staatsanwälte auf zahlreiche Sportwetten gestoßen. Inzwischen liegt dazu ein Gutachten vor. Das Ergebnis: Der angeklagte Kundenberater sei zumindest vorübergehend spielsüchtig gewesen und deshalb nur eingeschränkt schuldfähig. Das Landgericht Kassel wollte dies mit Blick auf seine Persönlichkeitsrechte nicht kommentieren.