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Unsere Spuren im Netz: Warum digitale Nachlassverwalter für jeden wichtig werden könnten

·Lesedauer: 6 Min.

Heute leben die meisten Menschen in zwei Welten: analog und digital. Nur selten kommt der Gedanke daran auf, was eigentlich mit den ganzen Daten, die im Netz über uns stehen, geschieht, wenn wir sterben. Erwartet nahestehende Menschen dann ein undurchdringlicher behördlicher Dschungel, um unsere Accounts zu löschen? Werden wir zu unsterblichen digitalen Personen?

Die Spuren im virtuellen Raum sind vielfältig. Menschen bestellen, bezahlen, investieren online. Sie führen Accounts bei Mail-Anbietern, Providern, Händlern, Social Media, Telefonanbietern, Gaming- und Streamingdiensten. Sie lagern Bilder im Netz, handeln an Bitcoin-Börsen, betreiben Videokanäle und Podcasts oder kleine Shops. Daten in der Cloud und auf USB-Sticks sind der Regelfall – ebenso Anmeldungen bei Diensten, die wir irgendwann vorgenommen, aber längst vergessen haben. All das zählt zur digitalen Erbmasse, unserem digitalen Nachlass.

Wem die Daten gehören, wenn uns etwas zustößt, das interessiert eher wenige – auch wenn die Zahl der Menschen, die sich darum kümmern, laut Digitalverband Bitkom langsam steigt. Eine Umfrage des Bitkom ergab 2019, dass 65 Prozent der Internetnutzer für den Fall ihres Todes nicht vorgesorgt haben. 13 Prozent der Internetnutzer hatten ihren digitalen Nachlass vollständig geregelt, weitere 18 Prozent zumindest teilweise. Zwei Jahre zuvor waren es allerdings noch mehr Menschen gewesen, die sich darum nicht gekümmert hatten: 80 Prozent.

Und 2018 hatte eine Yougov- Analyse ergeben, dass kaum jede zehnte Person (8 Prozent) von rund 2.000 Befragten die eigenen Zugangsdaten zu Diensten und Konten für nahestehende Menschen hinterlegt. Weniger als der Hälfte der Befragten (45 Prozent) war das Thema bewusst.

Aber ist es tatsächlich wichtig, sich darum zu kümmern?

„Menschen sterben immer – heute hinterlassen sie Erbe und Daten“

Es könnte zumindest Wege erleichtern: für Menschen, die uns nahestehen und nach unserem Tod unsere Angelegenheiten regeln. Sie müssen sich im Zweifel nicht nur um aufwändige AGB von Betreibern, um Nachweise und die Korrespondenz dazu kümmern, um einen Zugang zu unseren Daten zu bekommen und sie zu löschen. Oft geht es auch um sensible Daten in E-Mails und sozialen Netzwerken. Oder um Kosten aus digitalen Abonnements. Laufen diese weiter, entstehen Schulden.

Trotzdem bleibt das Thema oft unangetastet. Selbst wenn in Krisenzeiten Tabus fallen: Der Tod gehört selten dazu. Der Nürnberger Soziologe und Content-Experte Dennis Schmolk betreibt zusammen mit seiner Frau Sabine Landes nebenberuflich die Infoplattform „digital danach“. Dort geht es um die Sterbevorsorge und die Frage, was mit unseren Daten im Netz passiert, wenn uns etwas zustößt.

Schmolk und Landes bauten eine Mediathek und einen Blog zum Thema auf. Pro Monat interessiert das mehrere tausend Leute. „Menschen sterben immer“, sagt Schmolk, „aber heute hinterlassen sie eben neben einem klassischen Erbe noch jede Menge Dateien, Spuren, Kommunikation."

Es gebe noch keine Routinen im Umgang mit den digitalen Spuren von Menschen, die gestorben sind. "Informationen dazu im Netz sind oft kaum auffindbar." Das Recht von Erben, auf Daten ihrer Verstorbenen zuzugreifen, ist komplex. „Angehörige haben hierzulande als Erben aber in der Regel mehr Rechte als etwa in den USA“, sagt Schmolk.

Er und seine Frau halten auch Vorträge, Workshops, Konferenzen und Beratungen zu digitalem Nachlass und Online-Trauerkultur und haben das Handbuch für Vorsorgende und Hinterbliebene verfasst. Beide arbeiten hauptberuflich im Bereich Rechtsdienstleistungen.

Digitale Nachlassverwaltung und das Tabu Tod

Ein Rundgang im Netz und ein Gespräch mit Schmolk zeigt: Der Tod ist längst in der digitalen Welt angekommen. Durch digitale Bestattungsdienstleister, durch Trauerfeiern im Live-Stream etwa in der Pandemie. Aber auch durch Geschäftsmodelle, die ihn integrieren. Eine Reihe digitalen Anbieter regelt auf Wunsch formelle Schritte rund um einen Todesfall – von der Bestattung über die Koordination der Trauergäste via App bis zum hin zum Verwalten des Nachlasses im Internet.

Um diesen kümmern sich digitale Nachlassverwalter: Das können Bestattungsdienstleister oder spezielle Versicherungen sein, aber auch Startups bieten Services zur digitalen Nachlassverwaltung. Sie heißen etwa Ninebarc, Columba, Exmedio oder lasthello.

Gerade Gründer kämpfen dabei vor allem mit einem: dem Tabu Tod und der fehlenden Bereitschaft der meisten User, den dadurch nötigen Schutz ihrer Daten anzufassen. „Im Moment ist das Thema etwas Covid-getrieben“, sagt Schmolk. „Vor allem drei Dinge machen den digitalen Nachlass herausfordernd: Menschen haben wenig Wissen dazu, sind in unterschiedlichem Maß digital aktiv. Und das Tabu ist enorm, bei älteren Menschen viel weniger als bei jungen.“

Das mache es auch Startups schwer. Viele Gründer würden motiviert mit der Idee starteb, das Problem mal schnell zu lösen, zum Beispiel durch Services, mit denen sie die digitalen Daten von Usern sicher aufbewahren. "Aber sie holen die Kunden selten dauerhaft ab – die leben meistens länger als die Startups.“

„Bedarf, sich um Daten zu kümmern, entsteht nach dem Tod einer Person“

Der Markt ist groß – und dynamisch. Die meisten Gründer bemerken durch den Tod einer ihnen nahestehenden Person eine Lücke im Serviceangebot. Dienstleister wie Exmedio oder lasthello ermutigen Personen, die eigenen Zugangsdaten für Accounts und Mitgliedschaften zusammenzustellen und bei ihnen zu hinterlegen. Sie werden dann etwa auf einer separaten Plattform offline abgelegt. Dass der Kunde noch lebt, stellt der Mailkontakt zwischen ihm und dem Unternehmen in bestimmten Zeitintervallen sicher. Nimmt jemand einen solchen Dienst in Anspruch, bestimmt er noch eine separate Kontaktperson, die das Unternehmen anspricht, wenn der Draht zum Nutzer abbricht.

„Mit den eigenen Daten, so sensibel sie auch sind, geht jeder Mensch anders um“, sagt Dennis Schmolk. „Viele geben allenfalls einem Angehörigen eine Vollmacht zu Passworten und Zugängen.“ Dienstleister haben es leichter, wenn ihr Angebot zur Regelung des digitalen Nachlasses nach dem Tod eines Menschen greife, so Schmolk. „Hinterbliebene brauchen dann akut eine Lösung. Der Bedarf ist da.“

Das nutzen Startups wie Ninebarc und Columba. Columba wickelt Formalitäten ab, zum Beispiel die Abmeldung einer verstorbenen Person bei Versicherern. Die Software regelt aber auch den digitalen Nachlass durch eine automatische Recherche von Verstorbenen-Accounts und -verträgen bei Webanbietern. Ermittelte Verträge werden so rechtzeitig gekündigt oder übertragen. Das Unternehmen ist Mitglied im Bund Deutscher Bestatter (BDB).

Ninebarc geht einen etwas anderen Weg: Es integriert seine Dienste in das Angebot von Versicherern und Finanzdienstleistern, anstatt direkt mit Endkunden zusammenzuarbeiten. Auch hier hinterlegen Kunden den Zugang zu ihrem digitalen Nachlass ebenso wie andere Vorsorgedokumente in einer Art digitalem Safe.

Den digitalen Nachlass selber regeln: So kann es gehen

Anstatt die Daten gleich an einen Service auszulagern, empfehlen Schmolk und Landes allen, die sich um ihren digitalen Nachlass kümmern wollen, einen vierstufigen Prozess.

Sich einen Überblick über die eigenen Daten zu verschaffen

„Welche Accounts habe ich? Was davon ist relevant? Die Fragen können einen anleiten, einen Check zu machen“, sagt Schmolk. Wer merkt, dass er alte Accounts hat, die er nicht mehr nutzt, sollt sie gleich löschen.

Erben für digitale Daten und Dienste festlegen

Ihr betreibt eine eigene Website? Habt Bitcoin oder anderen digitalen Besitz? Seht euch alles an und legt fest, was damit nach eurem Ableben passieren oder wer es erben soll.

Das Vorhaben rechtssicher festhalten

Wer das nicht in ein Testament schreiben will, sollte es schriftlich festhalten und dieses Dokument für eine Vertrauensperson auffindbar hinterlegen. Hier käme ein Notar ins Spiel. Er kann solche Vollmachten verwahren und auch Tipps geben, um sicherzugehen, dass sie über den Tod hinaus gültig sind.

Die technische Umsetzbarkeit prüfen

„Diese Listen mit Zugängen und Erbhinweisen können technisch hinterlegt werden, solange ein Zugriff auch in einigen Jahren wahrscheinlich noch möglich sein wird“, sagt Schmolk. Passwortdateien seien eine Hilfe. Wie sicher wollt ihr sein, dass eure Hinterbliebenen die Zugänge finden? Das Mindestmaß sei der Zugang einer Vertrauensperson zu den wichtigsten Mailaccounts.

Auch die Bundesregierung weist auf die Bedeutung des digitalen Nachlasses hin. Und auch bei den Verbraucherzentralen informieren könnt ihr euch seit einiger Zeit darüber informieren, wie jeder mit wenigen Schritten seine digitalen Aktivitäten sortiert.