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Spotify will an die Börse - das ist der wahre Profiteur

Thomas Bergmann
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Spotify will an die Börse - das ist der wahre Profiteur

Der Streaming-Dienst Spotify strebt an die Börse. Nach Einschätzung von Experten wird dies auch einen positiven Einfluss auf den Aktienkurs des Medienkonzerns Vivendi haben. Der jüngste Rücksetzer sollte zum Einstieg genutzt werden.

Spotify könnte der größte Börsengang 2018 sein, wenn auch ein ungewöhnlicher. Der weltgrößte Strea­ming-Dienst für Musik – mehr als 30 Millionen Songtitel sind dort abrufbar – will nämlich, um Kosten zu sparen, kein klassisches IPO mit Roadshows, Kapitalerhöhung, Preisbildungsverfahren et cetera. Die Aktien sollen stattdessen an einer US-Börse direkt gelistet werden, wobei die Stücke aus dem Besitz der Altaktionäre kommen. Der Wert der Gesellschaft lässt sich auch erst dann beziffern, wenn die ersten Kurse über den Ticker laufen.

Presseberichten zufolge wurden bei der im Dezember durchgeführten Überkreuzbeteiligung mit dem chinesischen Tech-Riesen Tencent etwa 20 Milliarden Dollar für Spotify angesetzt. Wenn die Börse das schwedische Unternehmen in ein paar Wochen genauso bewertet, dann sollte das einen Wert ganz besonders beflügeln: die Aktie des französischen Medienkonzerns Vivendi.

Die Welt streamt

Zu Vivendi gehört unter anderem die Universal Music Group (UMG), eine von drei großen Musikfirmen, die den weltweiten Markt dominieren und bei denen nicht zuletzt Streaming-Angebote die Kassen klingeln lassen. Musikdienste wie Spotify, Apple Music oder Amazon Music müssen nämlich in der Regel rund 70 Prozent ihrer Einnahmen an die Rechteinhaber wie UMG, Warner Music oder Sony Music weiterreichen.

Und Streaming ist die Zukunft. Weltweit bezahlen 112 Millionen Nutzer für Streaming-Abos – bis 2030 wird ihre Zahl laut Goldman Sachs auf 847 Millionen wachsen. Die Umsätze mit Musik sollen in der gleichen Zeit auf etwa 60 Milliarden Dollar steigen. "Die große Frage ist, welche Form diese Zukunft annimmt, wer davon profitiert und was das für die Hörer bedeutet", fasst die Popwebsite Pitchfork die Entwicklung zusammen, die maßgeblich zur Eindämmung der Musikpiraterie beigetragen hat.

YouTube-Dienst in den Startlöchern

Angesichts der wachsenden Beliebtheit des Streamings verwundert es nicht, dass immer mehr Anbieter in den Markt drängen – sehr zur Freude von UMG. Im Dezember berichtete der Wirtschaftsnachrichtendienst Bloomberg unter Berufung auf gut unterrichtete Kreise, YouTube plane im März dieses Jahres die Ein­führung eines neuen kostenpflichtigen Musik-Streaming-Dienstes. Intern soll das neue Angebot unter der Bezeichnung "Remix" laufen.

In der Zwischenzeit wurde bekannt, dass YouTube nach Warner Music und Sony Music auch mit UMG zu einer Vereinbarung gekommen ist. Demnach einigten sich die Google-Tochter und die Musiklabels auf die Lizenzgebühren, die YouTube zu zahlen hat. Außerdem verpflichtet sich YouTube, strenger gegen illegale Nutzer-Uploads von urheberrechtlich geschützten Videos vorzugehen.

Offen ist noch, ob auch der Tech-Gigant Facebook einen eigenen Musikdienst ins Leben ruft. Erst vor Kurzem hat die Zuckerberg-Firma mit UMG einen Deal unterzeichnet, der für mehrere Jahre gilt und es Nutzern erlauben soll, Videos auf Facebook oder Instagram hochzuladen, die mit Musik von Künstlern untermalt sind, die bei UMG unter Vertrag stehen. Zuvor haben solche Clips gegen das Copyright verstoßen und mussten wieder von der jeweiligen Plattform entfernt werden.

Doppelt profitabel

Die Entwicklung in der Musikindustrie sollte anhalten und UMG dank der neuen Deals Umsatz und Gewinn in den nächsten Jahren massiv steigern können. Für 2018 rechnet Analyst Daniel Kerven von J.P. Morgan mit Erlösen von sechs Milliarden Euro und einem operativen Ergebnis (EBITA) von 870 Millionen Euro. In zehn Jahren soll die Division bei Umsätzen von 13,4 Milliarden Euro ein EBITA von etwa 3,9 Milliarden Euro erzielen – das ist ein Faktor von 4,5.

Kerven rechnet weiter vor, dass UMG und Co im ausskalierten Zustand bei einem standardmäßigen Streaming-Abopreis von monatlich zehn Dollar etwa 50 Cent pro Monat und Kunde verdienen werden, doppelt so viel wie Spotify. Beim Musikdienst aus Schweden dürften seinen Schätzungen nach circa 25 Cent pro 10-Dollar-Abo hängen bleiben.

Wenn der schwedische Streaming-Dienst bald 20 Milliarden Dollar an der Börse wert ist, wie manche Investoren vorhersagen, dann sollte die Vivendi-Tochter auch das Doppelte, nämlich 40 Milliarden Dollar (32,8 Milliarden Euro) wert sein, argumentiert Kerven. Im Rahmen seiner Studie beziffert der Analyst den Wert von UMG sogar auf 41,5 Milliarden Euro. Das ist deutlich mehr als der aktuelle Börsenwert von Vivendi und bedeutet nichts anderes, als dass der Anleger nur für das Musiklabel bezahlt und alles andere kostenlos hinzubekommt.

Canal+, Ubisoft für lau

Alles andere: Das sind unter anderen der französische Pay-TV-Sender Canal+, die Mediaagentur Havas, der Spiele-Publisher Ubisoft (Beteiligung von 27 Prozent) oder Telecom Italia (17 Prozent). Ach ja, UMG selbst hält auch noch fünf Prozent an Spotify. Diese Teile bewertet Kerven mit 10,8 Milliarden Euro, sodass in seinem Sum-of-the-Parts-Modell unter dem Strich 52,3 Milliarden Eu­ro herauskommen. Das entspricht einem Aktienkurs von 42 Euro oder einem Aufschlag von rund 75 Prozent auf den aktuellen Preis.

Kerven hat sich auch von den vorläufigen Zahlen zum Geschäftsjahr 2017 nicht von seinem Kursziel für Vivendi abbringen lassen. Der Medienkonzern ruderte bei seiner Gui­dance für Umsatz und Gewinn etwas zurück. Die Erlöse dürften um fünf Prozent gestiegen sein – Mitte November hatte der Vorstand noch "mehr als" fünf Prozent in Aussicht gestellt. Das EBITA, nach Sonderkosten bei Canal+, wird vo­raussichtlich um 20 bis 25 Prozent höher ausfallen, teilte Vivendi am 12. Januar mit. Ursprünglich sollte das operative Ergebnis, vor der Havas-Integration, um rund 25 Prozent höher ausfallen.

Entscheidend für Vivendi ist ohnehin das Jahr 2018. Mancher Investor liebäugelt sogar mit einem Börsengang der 100-Prozent-Tochter UMG. Das Zeitfenster dafür könnte günstiger nicht sein.

Doppelter Profiteur

Das Streaming hat der Musikbranche neues Leben eingehaucht, und Vivendi profitiert über seine Tochter UMG wie kein zweiter vom neuen Boom. Sollte Spotify wie erwartet an die Börse gehen, wird der Medienkonzern direkt (über die Spotify-Beteiligung) und indirekt (Bewertungsmaßstab) profitieren.