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Wie der Sport mit dem dritten Geschlecht umgeht

Im Spitzensport geht es um viel Geld – wobei „Fair Play“ für den Leistungsvergleich beschworen wird. Doch die Kategorien „weiblich“ und „männlich“ passen nicht mehr.

Caster Semenya war ein kontroverser Fall in der Leichtathletik: 2009 bei der Weltmeisterschaft in Berlin gewann Semenya über 800 Meter. Locker lief sie der Konkurrenz davon. Die Wettbewerberinnen reagierten erbost. Auch der internationale Leichtathletik-Verband IAAF zweifelte, ob es sich bei der südafrikanischen Sportlerin um eine Frau handelte.

Anne Jakob war damals die Verantwortliche für die Dopingkontrollen. Die Rechtsanwältin und Professorin für Wirtschafts- und Sportrecht dokumentierte einen deutlich zu hohen Testosteron-Wert. „Der Sport war auf so etwas wie Intersexualität nicht vorbereitet“, erklärt Jakob. „Doch auch elf Jahre später muss ich feststellen, dass sich daran nicht wirklich etwas geändert hat.“

Dabei geht es im Spitzensport um viel Geld – wobei „Fair Play“ als Voraussetzung für den Leistungsvergleich beschworen wird. Auch im Breitensport kann das Geschlecht drastische Konsequenzen haben. Das Sportabzeichen kennt nur Regeln für weibliche und männliche Teilnehmer, ist aber zum Beispiel Zugangsvoraussetzung für die Polizei-Ausbildung.

Für die Aufnahmeprüfung für das Sportstudium, etwa an der Sporthochschule Köln, gibt es nur Leistungsvorgaben für männliche und weibliche Kandidaten. „Was machen die Diversen?“, fragt Jakob. „Das ist völlig ungeklärt.“

Mit der Frage befasst sich nun auch der Deutsche Anwaltstag, der wegen der Coronakrise in diesem Jahr virtuell stattfindet. An diesem Montag spricht Jakob hier über das „neutrale Geschlecht im Sport“.

Zunächst gibt es das „juristische“ Geschlecht, das der Staat nach dem Personenstandsgesetz definiert. Als Folge des Beschlusses des Bundesverfassungsgerichts existiert in Deutschland seit vergangenem Jahr für Personen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen wollen, der Eintrag „divers“. Daneben haben sich laut Jakob „Geschlechteridentitäten“ gebildet. Die Liste umfasst mittlerweile rund 60 von ihnen: Intersexuell, transsexuell, asexuell, Transgender-Mann, Transgender-Frau... .

Betroffene verschaffen sich Gehör

„Im Sport gab es schon immer uneindeutige Fälle“, sagt Jakob. „Gestärkt durch das Transsexuellengesetz oder das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, werden die Betroffenen jedoch selbstbewusster und verschaffen sich Gehör.“ Sie wollen sich nicht gezwungenermaßen zu einem „juristischen“ Geschlecht bekennen müssen oder als Transsexuelle im gewählten Geschlecht starten können. So landen immer mehr Fälle bei Jakob auf dem Tisch. Da geht es um die geschlechtsangleichende Behandlung einer Spielerin oder die Frage, in welchen Bereichen Diverse bei Wettkämpfen teilnehmen dürfen.

Jakob argumentiert hier mit der Relevanz. Laut einer einschlägigen Studie weisen demnach 14,2 Prozent der international startenden weiblichen Leichtathleten intersexuelle Syndrome auf. Aufgrund ihrer Leistungsfähigkeit landen sie fast zwangsläufig im Spitzensport. Der Fokus liegt bei Männern, die zu Frauen transgendern. Denn sie sind in der Startklasse der Frauen erfolgreich. Die körperliche Überstärke kommt nach derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnissen hauptsächlich vom Testosteron.

„Im Sport zählt darum bislang das biologische Geschlecht, bezogen auf die Testosteron-Normwerte“, erklärt Jakob. Das Internationale Olympische Komitee legte 2015 fest, dass sich Transgender-Frauen einer Hormonbehandlung unterziehen müssen, die sicherstellt, dass der Wert dauerhaft zehn Nanomol Testosteron pro Liter Blut nicht übersteigt. Kontrolliert wird das über die Doping-Kontrollen. Daran orientierte sich auch der IAAF.

Dann klagte die intersexuelle indische Sprinterin Dutee Chand vor dem Internationalen Sportgerichtshof. Sie wollte starten, ohne sich einer Hormonbehandlung zu unterziehen. In der Folge verringerte die IAAF den Wert auf fünf Nanomol Testosteron pro Liter Blut, begrenzte ihn aber auf bestimmte Laufdisziplinen.

„Der Sport muss sich etwas einfallen lassen“, meint Rechtsexpertin Jakob. Doch was? Eine eigene Konkurrenz für Diverse? Da würden immer nur jene gewinnen, die biologisch männlich sind. Ein neues Bewertungssystem, das nicht die absolute Leistung als Siegesmerkmal nimmt, sondern eine relative Leistung, vergleichbar dem Golf? Oder Klassen, je nach Testosteron-Wert?

„Letztlich müsste sich ein trans- oder intersexueller Sportler zu einem Wettkampf anmelden, in einem Land mit einem Gleichbehandlungsgesetz“, meint Sportrechtlerin Jakob. Würde dann keine Hormontherapie absolviert, ließe sich auf das staatliche Gesetz pochen, das solche Therapien als unzulässigen körperlichen Eingriff versteht und damit als Diskriminierung. „So könnte über ein Gerichtsverfahren Klarheit geschaffen werden.“