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Spanien schließt heute die Hälfte seiner Kohlekraftwerke

Für die Betreiber rechnen sich die Anlagen nicht mehr. 2025 wird es wohl keinen spanischen Kohlestrom mehr geben. Dafür steigt der Import aus Marokko.

Abgeschaltet: Das Endesa-Kraftwerk im spanischen Teruel stellt nach 40 Jahren den Betrieb ein, genau wie sechs weitere spanische Kohlekraftwerke. Foto: dpa

Während es in Deutschland heftigen Streit um den Kohleausstieg gegeben hat, endet die klimaschädlichste aller Energieformen in Spanien deutlich stiller – und vor allem schneller. Sieben der 15 spanischen Kohlekraftwerke werden heute vom Netz genommen.

Für die restlichen Anlagen haben die Betreiber bis auf zwei Ausnahmen bereits die Stilllegung beantragt. „Ich gehe davon aus, dass wir bis spätestens 2025 keine Kohlkraftwerke mehr in Spanien haben“, sagt Tatiana Nuño von Greenpeace in Spanien. Damit wäre Spanien deutlich schneller als Deutschland, das bis 2038 seine Kohlekraftwerke vom Netz nehmen will.

Dabei hatte die spanische Regierung den Betreibern – anders als die meisten westeuropäischen Staaten – gar kein Ultimatum für den Ausstieg gesetzt. Für die Unternehmen rechnet sich der Betrieb schlicht nicht mehr. Grund dafür ist eine Mischung aus mehr erneuerbaren Energien, dem Verfall des Gaspreises, dem Preisanstieg der Emissionsrechte sowie Grenzwerten der EU für den Abgasausstoß von Kraftwerken.

Neue Investitionen sind nicht rentabel

Um die einzuhalten hätten die Betreiber nun Filter installieren müssen, in die sie angesichts der Marktentwicklung nicht mehr investieren wollten. Die spanischen Kohlekraftwerke sind vergleichsweise alt – die meisten stammen aus den 1970er- und 1980er-Jahren – und mit entsprechend alter Technik verbaut. Für ihren Betrieb hatten die Unternehmen eine Ausnahmegenehmigung von den Emissionsgrenzwerten der EU benötigt, die am heutigen Dienstag ausläuft.

„Die Schließung der Kohlekraftwerke in Spanien ist auf die heute in Kraft getretene neue europäische Emissionsrichtlinie für Industrieanlagen zurückzuführen“, erklärt der spanische Energieversorger Endesa auf Anfrage. „Sie sorgt dafür, dass neue Investitionen in die Anlagen nicht mehr rentabel sind angesichts der Marktperspektiven bei den Brennstoffpreisen (…) sowie angesichts des Aufwärtstrends bei den Preisen für Emissionsrechte.“ Der Verfall des Gaspreises habe dafür gesorgt, dass die vergleichsweise teure Kohleproduktion am Markt außen vor bleibe.

In Europa müssen Betreiber von Industrieanlagen für die Menge an Kohlendioxid, das sie ausstoßen, Emissionsrechte erwerben. Nach einer Reform des Emissionshandels Anfang 2018 ist der Preis dieser Rechte von im Schnitt rund fünf Euro pro Tonne CO2 im Jahr 2017 auf knapp 25 Euro je Tonne im vergangenen Jahr in die Höhe geschnellt. Das ist ein Wettbewerbsnachteil für Kohlekraftwerke, die besonders viel CO2 ausstoßen. Gleichzeitig ist die Produktion von alternativen Energien wie Solarstrom heute viel günstiger als noch vor einigen Jahren.

Spanien braucht die Kohlekraftwerke nicht als Notreserve

Das hat dazu geführt, dass in Spanien schon in den vergangenen Monaten die Produktion von Kohlestrom deutlich gesunken ist. 2018 stammten 14 Prozent des in Spanien produzierten Stroms aus Kohlekraftwerken. 2019 waren es keine fünf Prozent mehr und im Mai dieses Jahres nur noch 1,4 Prozent.

Bislang nutzen viele Länder, die sich dem Kampf gegen den Klimawandel verschrieben haben, den Kohlestrom, um in Notsituationen genug Energie produzieren zu können. Spanien läuft aber keine Gefahr, nicht genug Energie erzeugen zu können.

In der Liberalisierung des Strommarktes hat das Land Ende der Neunzigerjahre in Erwartung eines gigantischen Wirtschaftswachstums deutlich mehr Anlagen gebaut, als nachher benötigt wurden. „Spanien hat auch ohne die Kohlekraftwerke kein Problem mit der Stromversorgung“, sagt Carlota Ruiz Bautista, Anwältin beim Internationalen Institut für Recht und Umwelt (Iidma) in Madrid.

Doch das Aus der Anlagen läuft auch in Spanien nicht schmerzfrei ab. Einige Regionen leben von den großen Kraftwerken, die zahlreiche Arbeitsplätze schaffen. Die spanische Regierung arbeitet deshalb mit den Betreibern an alternativen Möglichkeiten, um Jobs zu sichern.

Betrugsvorwürfe wegen Kohleenergie aus Marokko

Die sozialistisch-linkspopulistische Regierung hat sich ehrgeizige Ziele für den Klimaschutz gesetzt, und das frühe Aus der Kohlekraftwerke hilft ihr dabei, die einzuhalten. Doch die Bilanz wird indirekt belastet, kritisieren Umweltschützer. Denn statt die Kohleenergie selbst zu erzeugen, kauft Spanien sie nun in Marokko ein. Da Afrika nicht am europäischen Emissionshandelssystem hängt, kann das Land die Energie deutlich billiger produzieren und über Unterseekabel zwischen beiden Ländern nach Spanien liefern.

Früher hat Spanien seine Energie nach Marokko exportiert. Seit Rabat aber zwei neue Kohlekraftwerke ans Netz genommen hat, hat sich das Verhältnis umgekehrt: Im vergangenen Jahr importierte Spanien erstmals mehr Strom aus Marokko, als es dorthin lieferte. Der Bezug von Kohlestrom aus dem afrikanischen Küstenland hat sich 2019 fast versiebenfacht und erreichte sieben Prozent aller Importe.

Insgesamt macht er zwar weniger als ein Prozent der spanischen Energieversorgung aus. Doch die Entwicklung sorgt für jede Menge Ärger. „Der Strom, der in Spanien nicht mehr produziert wird, wird in Anlagen in Marokko erzeugt, die doppelt so viele umweltschädliche Gasemissionen erzeugen und von CO2-Zahlungen befreit sind“, schimpfte der asturianische Kongressabgeordnete Isidro Martínez Oblanca im Februar in einer Sitzung des spanischen Parlaments. Asturien gehört zu den Regionen, in denen Kraftwerke stillgelegt werden.

„Das ist Betrug, da wird eine Kohleproduktion durch die andere ersetzt“, sagt auch Marisa Castro Delgado von der spanischen Umweltschutzorganisation Ecologistas en Acción. Ihre Organisation hat zusammen mit anderen Umweltschützern die EU in der Sache angerufen.

„Offenbar laufen derzeit Gespräche zwischen Madrid und Brüssel darüber“, sagt Umwelt-Anwältin Ruiz Bautista. „Man muss bei dem Thema wachsam sein, aber noch wissen wir nicht, ob die Energie aus Marokko tatsächlich von den neuen Kohlekraftwerken oder anderen Energiequellen stammt.“ Das spanische Ministerium für den ökologischen Wandel äußerte sich auf Anfrage nicht.

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