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Slack-Manager: „Wir sind der Klebstoff, der die Menschen im Homeoffice zusammenhält“

Die Nutzerzahlen des Team-Messangers steigen wegen der Coronakrise stark. Der Deutschlandchef spricht über die Konkurrenz zu Microsoft und die Wachstumschancen im Mittelstand.

Das Tech-Unternehmen Slack ist ein großer Gewinner der Krise: Seit das Coronavirus die Büroangestellten zur Heimarbeit zwingt, sind die Nutzerzahlen um 25 Prozent gestiegen. Denn eines der größten Probleme im Homeoffice ist, sich mit den Kollegen abzustimmen. Und E-Mails an meterlange Verteilerlisten sorgen nur für Chaos. Dienste wie Slack versprechen Abhilfe.

„Wir sind im Moment der Klebstoff, der die Menschen auch an den Heimarbeitsplätzen zusammenhält“, sagt Oliver Blüher, Deutschlandchef von Slack, im Interview mit dem Handelsblatt. Er sieht in der Krise die Chance, dass sich die Arbeitswelt nachhaltig verändern wird – und auch Slack davon profitiert.

„Sicherlich werden die täglichen Nutzerzahlen nach dem Ende der Krise ein wenig zurückgehen, wenn Mitarbeiter sich wieder persönlich austauschen können. Dennoch bin ich sicher, dass wir das Momentum beibehalten können.“

Slack gilt als Erfinder des Team-Messengers. Doch Microsoft läuft dem Unternehmen aus dem Silicon Valley mit seinem Programm Teams den Rang ab, obwohl es erst zwei Jahre später auf den Markt kam. Microsoft spricht von zwölf Millionen neuen Nutzern durch die Pandemie – so viele, wie Slack insgesamt hat. Eine Handelsblatt-Umfrage unter den 30 Dax-Konzernen zeigt zudem, dass Deutschlands große Konzerne hauptsächlich auf Teams setzen.

„Teams hat den Vorteil, dass es schon in dem verbreiteten Office-Paket von Microsoft integriert ist. Slack muss man extra installieren“, gesteht Blüher ein. Er versteht Teams aber nicht als Konkurrenten, sondern als Partner. Es seien zwei unterschiedliche Tools. „Slack ist eine unternehmensübergreifende, auf Channels basierende Messaging-Plattform, Teams wird hauptsächlich für geplante Anrufe und Videocalls verwendet.“

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Blüher, eine Handelsblatt-Umfrage unter den 30 Dax-Konzernen zeigt, dass die Mitarbeiter der großen Firmen immer mehr miteinander chatten. So makaber es ist: Kommt Ihnen die Coronakrise gerade recht?
Zunächst: Die Pandemie ist eine Riesentragödie – unsere Sorge gilt in erster Linie allen Betroffenen. Wir sind froh, dass Slack es dem Einzelnen, Teams oder auch ganzen Unternehmen erleichtert, ihr Tagesgeschäft aufrechtzuerhalten. Dass wir helfen können, sehen wir etwa an einem erheblichen Nutzerzuwachs. Es ist denkbar, dass darunter auch Menschen sind, die vor der Krise nicht unbedingt die Vorteile von Slack erkannt haben.

Ihr CEO Steward Butterfield hat durch Corona ein Nutzerplus von 25 Prozent verkündet – weltweit von zehn auf 12,5 Millionen.
Das sind Nutzer, die tagtäglich gleichzeitig auf unserem System aktiv sind. Das ist eine wichtige Kennzahl. Sie zeigt, dass Slack sehr belastungsfähig ist. Es ist schön, zu sehen, dass sich unsere Investitionen in die Infrastruktur bezahlt machen. Wir bekommen sehr viel positives Feedback.

Glauben Sie, dass Deutschlands Büroangestellte auch nach der Krise miteinander chatten werden – oder doch wieder zum Nachbarn ins Büro gehen, wenn sie eine Frage haben?
Die Krise hat weitreichende Diskussionen zur Digitalisierung des Arbeitsplatzes angestoßen. Wir sind im Moment der Klebstoff, der die Menschen auch an den Heimarbeitsplätzen zusammenhält. So haben wir die Chance, die Arbeitswelt nachhaltig zu verändern.

Sicherlich werden die täglichen Nutzerzahlen nach dem Ende der Krise ein wenig zurückgehen, wenn Mitarbeiter wieder in den Büros sitzen und sich persönlich austauschen können. Dennoch bin ich sicher, dass wir das Momentum beibehalten können, denn viele wollen sich jetzt digital weiterentwickeln.

Slack gilt als Erfinder der Team-Messenger. Doch Microsoft läuft Ihnen mit dem Programm Teams den Rang ab, obwohl es erst zwei Jahre später auf den Markt kam. Microsoft spricht von zwölf Millionen neuen Nutzern durch die Pandemie. Insgesamt sind es 44 Millionen.
Wichtig ist, dass Microsoft nur Anmeldezahlen veröffentlicht. Für uns ist die viel wichtigere Maßzahl, wie viele Personen zeitgleich unser Programm nutzen. Für Slack zählen die aktiven Nutzer, nicht die Karteileichen.

Wie viele Nutzer hat Slack denn insgesamt?
Dazu können wir nichts sagen, wir sind noch jung an der Börse. So viel kann ich Ihnen aber verraten: Vom 1. Februar 2020 bis zum 25. März 2020 hat Slack 9.000 neue zahlende Kunden hinzugewonnen – 80 Prozent mehr als im Quartal davor.

Ärgert Sie, dass Ihr Konkurrent Teams viel stärker von der Krise profitiert als Sie?
Teams ist für uns keine Konkurrenz. Wir sehen Microsoft als Partner, zumal sie mit ihrem Marketing auch Wegbereiter für uns sind.

Als Partner? Bei beiden Diensten können Mitarbeiter chatten.
Slack und Teams sind zwei unterschiedliche Tools, die für verschiedene Zwecke eingesetzt werden. Sicherlich gibt es mit Teams Überschneidungen in der Chatfunktion – aber da sind wir der bessere Anbieter. Slack ist eine unternehmensübergreifende, auf Channels basierende Messaging-Plattform, die für die effiziente Zusammenarbeit von Teams entwickelt wurde und zahlreiche Integrationen bestehender Anwendungen ermöglicht – zum Beispiel von Reisekostenabrechnungen.

Unsere Kunden nutzen Slack zum schriftlichen Austausch, oder für kurze spontane Videobesprechungen und Telkos, wenn sie aneinander vorbeischreiben. Teams wird hauptsächlich für geplante Anrufe und Videocalls verwendet. Es gibt schon genug Anbieter von Videokonferenzen, wir wollen da kein weiterer sein.

Die Dax-Umfrage des Handelsblatts zeigt, dass die meisten Konzerne Teams als konzernweites Tool eingeführt haben. Nicht ein einziger hat uns geantwortet, Slack konzernweit zu nutzen. Slack, wenn überhaupt, sei in IT-Abteilungen und agilen Teams installiert. Warum ist Slack bei den Dax-Konzernen unbeliebt?
Teams hat den Vorteil, dass es schon in dem verbreiteten Office-Paket von Microsoft integriert ist. Slack muss man extra installieren. Unsere Befragungen zeigen, dass wir oft parallel mit Teams existieren, unsere Nutzer Slack aber viel intensiver nutzen als jedes andere Chatprogramm.

Neben den Dax-Konzernen zeichnet sich die deutsche Unternehmenslandschaft durch den Mittelstand aus. Wie wichtig sind diese Firmen für sie?
Deutschland ist nach Großbritannien jetzt schon der zweitgrößte Markt Europas und hat das Potenzial, der größte zu werden – gerade wegen des Mittelstands. In vielen Familienunternehmen finden bald Stabswechsel statt. Die junge Generation fragt sich, wie sie ihr Unternehmen für die moderne Arbeitswelt rüsten kann. Und unsere Technologie spielt dabei eine entscheidende Rolle. Hinzu kommt, dass sich die Wertschöpfung auch in Fertigungsunternehmen immer mehr Richtung Software verschiebt. Im Mittelstand sehen wir deshalb die allergrößten Wachstumschancen.

War das auch ein Grund, im Winter ein Büro in Deutschland zu eröffnen?
Ja, das macht es leichter, potenzielle Kunden direkt anzusprechen.

Warum sind Sie eigentlich nach München gegangen – und nicht in die Start-up-Metropole Berlin?
In Frankreich und England spielt sich alles in den Metropolen Paris beziehungsweise London ab. In Deutschland gibt es ein Luxusproblem: Die Unternehmen sind sehr verteilt. München ist dabei der wichtigste Ort für B2B-Kunden im Bereich Cloud – und damit zum Talentmagnet geworden.

Wie viele Mitarbeiter sind in München beschäftigt?
Wenn wir gerade nicht alle im Homeoffice verstreut wären, säße dort eine Mitarbeiterzahl im unteren zweistelligen Bereich.

Müssen diese die Kunden ständig überzeugen, die Bezahlvariante zu kaufen? Slack nimmt mit der kostenlosen Basisversion ja nichts ein.
Der zahlende Anteil unserer Kunden ist durchaus signifikant. Jeder Nutzer hat für uns einen Wert.

Aber Sie sind nicht die Caritas…
Wir profitieren, wenn unser Netzwerk immer größer wird. Dann dient Slack nicht nur der internen Kommunikation, sondern ganze Projekte mit Kunden können über unsere Plattform ablaufen. Und für uns ist die Basisversion ein wichtiges Marketinginstrument, über die viele Fans zu zahlenden Kunden werden.

Trotz der Chat-Tools: Die E-Mail ist in vielen Konzernen nicht wegzudenken. Schreiben Sie noch Mails?
Ich versuche, das zu vermeiden. Früher hatte ich 180 E-Mails pro Tag, ich habe extrem viel Zeit damit verbracht, sie wegzusortieren und Informationen zu suchen.

Und jetzt verbringen Sie viel Zeit damit, in Ihren Channels die Infos zu suchen?
Sie haben recht, Slack ist kein komplett selbstorganisierendes System. Aber mit der Suchfunktion finde ich alles viel schneller als im E-Mail-Programm.

Nutzen Sie eigentlich Smileys, wenn Sie mit Ihren Kollegen slacken?
Ich bin zwar Mitte 40, aber ein Fan von Emojis, weil sie die Arbeit schneller machen. Zwei Beispiele: Wenn ich unter die Nachricht eines Kollegen den Emoji mit den beiden großen Augen setze, wissen alle, dass ich mir das anschaue. Und was erledigt ist, bekommt einen grünen Haken. Früher haben wir dafür Hunderte Mails geschrieben.

Herr Blüher, vielen Dank für das Interview.