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Siemens-Chef Kaeser zu Führungsturbulenzen: „Es gab keine Meinungsverschiedenheiten“

Kurz vor der Aufspaltung hat der designierte Chef von Siemens Energy, Michael Sen, hingeworfen. Es gab wohl Streit – auch wenn Konzernchef Kaeser dementiert.

Der Siemens-Chef gibt seinen Posten spätestens zum Februar 2021 auf. Foto: dpa

Der Zeitpunkt hätte ungünstiger kaum sein können: Wenige Wochen vor der Aufspaltung von Siemens hat Michael Sen, der die neue Siemens Energy an die Börse führen sollte, hingeschmissen. Nach Informationen des Handelsblatts gab es Streit unter anderem über den Grad der Unabhängigkeit des neuen Unternehmens und über finanzielle Rahmenbedingungen.

Siemens-Chef Joe Kaeser versuchte am Morgen nach dem Paukenschlag die Wogen zu glätten. Es habe keine Meinungsverschiedenheiten zwischen Sen und ihm gegeben. „Wir bewerten die Situation gleich.“ Neuer Chef von Siemens Energy soll nun der Linde-Manager Christian Bruch werden.

Der Aufsichtsrat hatte am Donnerstagabend weitreichende Entscheidungen getroffen. Vize Roland Busch wurde zum Nachfolger Kaeser als Vorstandsvorsitzender der Siemens berufen. Dies war erwartet worden, die Entscheidung sollte aber eigentlich erst im Sommer fallen.

Busch soll die Führung schrittweise im Laufe des Jahres übernehmen. Kaeser soll Aufsichtsratschef der neuen Siemens Energy werden. Gleichzeitig verkündete der Aufsichtsrat überraschend den Abgang von Vorstand Sen, der den neuen Energiekonzern führen sollte. Auch der designierte Finanzvorstand Klaus Patzak warf hin.

Siemens-Aufsichtsratschef Jim Hagemann Snabe räumte ein, es sei „natürlich nicht ideal, zu diesem Zeitpunkt des Prozesses einen Wechsel im Management vorzunehmen“. Es sei aber notwendig gewesen, entschlossen zu handeln. An den Plänen ändere sich nichts: „Wir glauben an das Energiegeschäft und glauben, dass es eine erfolgreiche Zukunft haben wird.“

Nach Informationen des Handelsblatts gab es in den vergangenen Wochen unter anderem Streit im Siemens-Vorstand um den Grad der Unabhängigkeit der neuen Siemens Energy. Sen soll auf möglichst viel Bewegungsspielraum gepocht haben und eine Beteiligung der Siemens AG von nur etwa 30 Prozent gewollt haben. Kaeser, sein Vize Busch und Finanzvorstand Ralf Thomas favorisieren wohl eine höhere Beteiligung, aber unter 50 Prozent.

Zudem sollte Siemens Energy nach Informationen des Handelsblatts ein sehr ambitionierter Geschäftsplan verordnet werden. Auch über die Finanzausstattung soll es Auseinandersetzungen gegeben haben. Kaeser deutete an, dass es auch ein Thema war, ob Siemens Energy Services der Siemens AG nutzt – und dafür zahlt – oder noch unabhängiger agiert.

Entscheidung „ in sehr freundschaftlichem Umfeld“

Das sei wie bei einer Scheidung, bei der um das gemeinsam erarbeitete Vermögen gerungen werde, sagt einer, der im Umfeld dabei war. Sen drängte auf eine starke Siemens Energy, mit möglichst wenig Altlasten und so unabhängig wie möglich vom Mutterkonzern. „Es war klar, dass die Interessenslagen der Siemens AG und der Siemens Energy immer weiter auseinander gehen, je näher die Aufspaltung kommt“, sagte ein Aufsichtsrat dem Handelsblatt.

Auch Kaeser meinte, es sei normal, dass die Interessenslagen bei einem Spin-off unterschiedlich seien. Die Entscheidung, getrennte Wege zu gehen, sei aber „in einem sehr freundschaftlichem Umfeld“ gefallen.

Linde-Manager Bruch bringe „unheimliches Knowhow und Erfolg in dieser Branche“ mit, sagte Kaeser. So kenne er sich gut in der Wasserstoffbranche aus, die bei Siemens Energy eine wichtige Rolle spielen solle. Finanzvorstand von Siemens Energy wird Maria Ferraro, derzeit CFO der Einheit Digitale Industrien bei Siemens. „Wir sind überzeugt, dass die Kombination der bessere Weg ist“, sagte Snabe.

Angesichts der Führungsturbulenzen bei Siemens Energy ging fast etwas unter, dass nach Monaten der Spekulationen auch die endgültige Entscheidung über die Kaeser-Nachfolge fiel. Sein Vertrag läuft noch bis zum Februar 2021. Im vergangenen Sommer beförderte der Aufsichtsrat Busch zum Vize. Kaeser selbst sorgte aber für neue Spekulationen, als er im Herbst in einem Interview sagte, in der höchsten Not würde er noch einmal verlängern.

Doch nun ist Busch offiziell ernannt. Er übernimmt schrittweise die Funktionen, der offizielle Wechsel erfolgt spätestens Anfang 2021. Nun ist auch klar, was aus Kaeser wird: Als Aufsichtsratschef soll er über die Entwicklung von Siemens Energy wachen.