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Kräftemessen zwischen USA und China treibt die Dax-Entwicklung

Die Handelskonflikte und der Brexit stehen bei Anlegern weiterhin im Fokus. Zugleich setzen sie auf eine noch stärkere Unterstützung durch die Notenbanken.

Die geopolitischen Unsicherheiten geben an den Märkten weiterhin den Ton an. Foto: dpa

Die vergangenen Tage haben Aktieninvestoren ein Auf und Ab der Gefühle beschert. Noch im September hatten der deutsche Leitindex Dax und sein europäisches Pendant, der EuroStoxx 50, mehr als vier Prozent zugelegt. Auch die wichtigen US-Indizes verzeichneten im abgelaufenen Monat ein Plus. Doch Anfang Oktober drehte sich das Bild: Nach den ersten beiden Handelstagen waren für Dax-Anleger die gesamten Gewinne des Vormonats dahin.

Neben den Handelskonflikten und der Brexit-Unsicherheit trübten vor allem Sorgen um die Lage der US-Wirtschaft die Stimmung. „Die am Markt spürbaren Befürchtungen bezüglich einer drohenden Rezession in den USA sind zwar sicherlich übertrieben, die ökonomische Situation in den Vereinigten Staaten hat sich aber doch spürbar eingetrübt“, sagt NordLB-Analyst Tobias Basse. Befürchtet wird, dass die Schwäche der Industrie zunehmend auch auf den Dienstleistungssektor übergreift.

Am US-Arbeitsmarkt läuft es dennoch rund. Im September entstanden 136.000 neue Jobs, wie am Freitag bekannt wurde. Das waren zwar etwas weniger als erwartet. Doch die Zahlen für Juli und August wurden nachträglich nach oben revidiert. Zugleich sank die Arbeitslosenquote auf 3,5 Prozent – und liegt damit nahe einem 50-Jahrestief. Das gab dem Dax zum Wochenschluss wieder einen positiven Impuls.

In der neuen Woche dürften die Anleger daher vor allem die Handelskonflikte der USA weiter im Auge behalten. „Eine Teileinigung im Handelskonflikt zwischen Washington und Peking kann sicherlich für wieder steigende Kurse bei den Dividendenpapieren sorgen. Allerdings sollte auch der US-Handelsstreit mit der EU im Auge behalten werden“, fasst Analyst Basse die Lage zusammen.

Immerhin gab es zwischen den USA und China zuletzt versöhnlichere Töne. So verschob US-Präsident Donald Trump die Inkraftsetzung neuer Strafzölle auf chinesische Produkte vom 1. auf den 15. Oktober – und damit nach der 70-Jahresfeier der Volksrepublik. Zugleich kündigte China an, verstärkt amerikanische Agrarprodukte einführen zu wollen. In der neuen Handelswoche sollen die offiziellen Gespräche zwischen den beiden Ländern nun wieder aufgenommen werden.

Verschärfung im Konflikt zwischen den USA und der EU

„Wir gehen auch weiterhin davon aus, dass die neuen Gespräche zwischen Peking und Washington noch im Laufe des Jahres zu berichtbaren Erfolgen führen werden“, meint Basse. In der Tat sei eine Teileinigung bis spätestens Dezember ziemlich wahrscheinlich. „Diese sollte über einen einfachen Waffenstillstand hinausgehen. Es ist insbesondere mit umfangreichen Käufen von Agrarprodukten durch China zu rechnen. Auch Washington wird Peking zudem in einigen Punkten entgegenkommen.“

Die ökonomischen Notwendigkeiten und der politische Druck auf Trump sprächen für positive Resultate. Da vor allem bei Fragen des Umgangs mit Urheberrechten in China noch komplizierte Details zu klären seien, dürfte eine endgültige Einigung jedoch noch etwas auf sich warten lassen.

Commerzbank-Ökonom Bernd Weidensteiner erwartet dennoch nur eine kurzfristige Entspannung: „Eine nachhaltige Lösung des Konflikts bleibt allerdings unwahrscheinlich.“ Denn China werde kaum auf US-Forderungen nach einer durchgreifenden Umstrukturierung der Wirtschaft eingehen, da dies die Machtposition der Regierungspartei schwächen würde. Die Amerikaner ihrerseits würden kaum in ihren Bemühungen nachlassen, den eigenen technischen Vorsprung zu verteidigen und chinesischen High-Tech-Unternehmen den Marktzugang im „Westen“ möglichst zu erschweren.

Eine Verschärfung ist dagegen im Konflikt zwischen den USA und der Europäischen Union (EU) zu befürchten. Die US-Regierung kündigte bereits an, ab dem 18. Oktober Strafzölle in Höhe von zehn Prozent auf Flugzeuge sowie in Höhe von 25 Prozent auf bestimmte Agrargüter, Industrieprodukte und andere Importe aus der EU zu erheben.

Die USA hatten dafür grünes Licht von der Welthandelsorganisation WTO erhalten, vor der seit Jahren ein Streit über staatliche Hilfen für den europäischen Flugzeughersteller Airbus sowie für den amerikanischen Rivalen Boeing ausgetragen wird.

Die EU hat bereits entsprechende Gegenmaßnahmen gegen den US-Anbieter Boeing in Aussicht gestellt. Spätestens am 13. November muss sich Präsident Trump zudem entscheiden, wie er in der Frage von Strafzöllen auf Autoeinfuhren aus der EU verfährt. „Dem Vernehmen nach gibt es gegenwärtig kaum Kontakte zwischen den Kontrahenten, was die Europäer vor allem den Amerikanern anlasten. Hier droht eine Eskalation“, betont Weidensteiner von der Commerzbank.


Deutschland braucht eine Brexit-Lösung dringender als andere

Mit dem 31. Oktober rückt auch das Datum näher, an dem die Briten bislang aus der EU austreten wollen. Derzeit prüft Brüssel den neuen Brexit-Plan des britischen Premierministers Boris Johnson. Der Hauptstreitpunkt ist offenbar, wie die Grenze zu Nordirland künftig ausgestaltet sein wird.

Letztlich geht es zudem weiter darum, ob die Briten die EU mit oder ohne Abkommen verlassen – oder ob der Austrittstermin erneut verschoben wird. Bislang hatte Johnson immer betont, er werde auf jeden Fall Ende Oktober den Austritt umsetzen. Am Freitag hieß es dann, dass er die EU doch noch um eine Verlängerung der Brexit-Frist bitten werde, sollte bis zum 19. Oktober kein Abkommen zustande gekommen sein. Entscheidende Weichen könnten auf also dem EU-Gipfel gestellt werden, der am 17. und 18. Oktober stattfindet.

Eine konstruktive Lösung brauchen nicht nur die Briten, sondern auch vor allem auch Deutschland: „Wenn es jetzt in Sachen Brexit und Handelsstreit nicht vorangeht, dann dürfte eine längere Talfahrt, ausgehend von der Industrie, kaum zu vermeiden sein“, sagt LBBW-Chefvolkswirt Uwe Burkert.

Mit Interesse werden die Anleger in der neuen Woche daher auch auf die anstehenden Konjunkturdaten aus Deutschland schauen. Am Montag stehen die Industrieaufträge für August im Terminplan, am Dienstag folgen die Daten zur Industrieproduktion. Am Donnerstag stehen dann die Exportdaten auf der Agenda. Aus den USA kommen zudem die Verbraucherpreise im September sowie am Freitag das Verbrauchervertrauen der Uni Michigan.

Schaukelkurs an den Börsen

Wie es um die deutschen Unternehmen steht, dürften auch die Berichte für das soeben abgelaufene dritte Quartal zeigen. Bis der Softwarekonzern SAP am 21. Oktober als erster Dax-Konzern die Bücher öffnet, müssen sich Anleger noch etwas gedulden. Burkert geht jedoch davon aus, dass der hohe Auftragsbestand die Unternehmen einstweilen schützen dürfte, so dass „für 2019 und 2020 bislang zwar von einer längeren Konjunkturschwäche, aber noch nicht von einer Rezession ausgegangen werden kann“.

Zugleich setzen Anleger aber auch auf eine noch stärkere Unterstützung durch die Notenbanken. Im September haben sowohl die Europäische Zentralbank (EZB) als auch die US-Notenbank Fed die Geldpolitik gelockert. Die Fed hatte den Leitzins gesenkt.

Die EZB hatte ein Maßnahmenpaket beschlossen, das unter anderem einen noch niedrigeren Einlagenzins und die Wiederaufnahme der umstrittenen Anleihekäufe umfasst. In der neuen Handelswoche werden Investoren und Ökonomen auch die Protokolle der letzten geldpolitischen Sitzungen nach Hinweisen auf weitere mögliche Lockerungen durchforsten. Am Mittwoch werden die Protokolle der Fed publik, am Donnerstag veröffentlicht die EZB ihre.

Es sei fraglich, ob eine noch lockerere Geldpolitik alleine ausreicht, um das Blatt schnell wieder zu wenden, meint Helaba-Aktienexperte Markus Reinwand. „Anlagenotstand hin oder her: Anleger werden vermutlich nur dann bereit sein, Aktienpositionen aufzubauen, wenn zumindest die Aussicht auf eine Stabilisierung des Wachstums besteht. Bislang geben die Indikatoren dies- und jenseits des Atlantiks dies noch nicht her.“ Es sei daher zu erwarten, dass sich der Schaukelkurs an den Börsen in den kommenden Wochen fortsetzen wird.

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