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Samsung-Erbe Lee kündigt das Ende der Familienherrschaft an

Nach seiner Gefängnishaft scheute der Konzernlenker lange die Presse. Nun kündigt Lee Jae-yong an, das Management nicht an seine Kinder übertragen zu wollen.

Der faktische Chef des südkoreanischen Elektronikherstellers Samsung, Lee Jae-yong, hat einen historischen Bruch angekündigt: das Ende der Herrschaft des Lee-Clans über den Konzern. „Ich werde die Unternehmenskontrolle nicht an meine Kinder vererben“, versprach der Enkel des Unternehmensgründers am Mittwoch bei seiner ersten großen Pressekonferenz seit 2015.

Er habe schon lange über diesen Schritt nachgedacht, sagte der 51-jährige Vizevorsitzende des Verwaltungsrats von Samsungs Electronics. „Aber ich zögerte, es öffentlich zu machen.“ Denn er habe es für unverantwortlich gehalten, über das Thema zu sprechen, während er erst noch seine Führungsqualitäten in dem schwierigen geschäftlichen Umfeld beweisen muss. Was er mit den Aktienbeteiligungen seiner Familie tun will, erklärte Lee allerdings nicht.

Lee Jae-yong reagierte damit auf eine lange Serie an Skandalen, die mit seinem Erbe der Firmenherrschaft begann und 2017 mit einer Haftstrafe ihren bisherigen Höhepunkt erreichte.

Ein gerichtlich angeordneter unabhängiger Compliance-Ausschuss der Unternehmensgruppe hatte den Konzernerben im März nicht nur aufgefordert, sich öffentlich zu entschuldigen. Lee sollte auch Maßnahmen präsentieren, wie er die Unternehmensführung und Unternehmenskultur in drei Punkten verbessern will: der Nachfolgefrage, der Zulassung von Gewerkschaften und der Kommunikation mit der Öffentlichkeit.

Ursprünglich war Lees Auftritt vor dem Ausschuss für den 10. April geplant. Aber wegen der Coronavirus-Pandemie hatte Samsung gebeten, die Frist um einen Monat zu verschieben. Und Lee gab sich in allen drei Punkten reuig. „Samsung hat sich nicht strikt an die Gesetze und die Ethik gehalten und war auch in der Kommunikation mit der Gesellschaft unzulänglich“, gestand Lee ein. „All dies ist auf unsere Unzulänglichkeit zurückzuführen, und es ist meine Schuld. Ich entschuldige mich.“

Der Ausgangspunkt der Krise sind die verschachtelten Beteiligungsverhältnisse, mit denen die Gründerfamilie Lee Südkoreas größte Unternehmensgruppe kontrolliert. Samsung Electronics ist nur ein Teil der Gruppe, wenn auch der größte.

Als der offiziell noch amtierende Vorsitzende Lee Kun-hee 2014 von einer Herzattacke getroffen werde, mussten Lee Junior und seine zwei Schwestern mit komplexen Verschiebungen von Aktienanteilen und Fusionen erstens Geld für die Erbschaftssteuer frei machen und gleichzeitig Lees Kontrolle über das Familienkonglomerat sicherstellen.

Dem Samsung-Erben droht weiter Gefängnis

Diese Machtübergabe beschäftigen bis heute die Gerichte. Dabei geht es nicht nur um die Fusion von Samsung C & T und Cheil Industries zur faktischen Holding der Gruppe. Die Staatsanwaltschaft weitet auch ihre Ermittlungen wegen angeblichen Bilanzbetrugs bei Samsung Biologics aus. Der Bio-Pharmahersteller wird verdächtigt, den Wert seiner Forschungseinheit zu hoch angegeben zu haben, um die Lees Kontrolle zu gewährleisten. 

Auch der Patriarch darf sich noch nicht in Sicherheit wiegen. Der Erbe, der fließend Koreanisch, Englisch und Japanisch spricht, wurde im Rahmen eines Korruptionsskandals um die frühere südkoreanische Staatspräsidentin Park Geun-hye wegen Bestechung und Veruntreuung zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Nachdem ein Berufungsgericht seine Strafe halbiert hatte, kam er zwar bereits 2018 wieder auf Bewährung frei. Aber 2019 hob Südkoreas oberste Gerichtshof das zweite Gerichtsurteil auf und schickte es zur Überprüfung an ein untergeordnetes Gericht zurück.

Der zuständige Richter Jeong Joon-young ordnete den Untersuchungsausschuss an und forderte Lee auf, die Unternehmensführung zu verbessern. Kritiker sehen darin den Versuch, Lee einen einfachen Ausweg aus seinem gesetzliche Dilemma zu geben. Und Lee versucht offenbar, diese Chance zu nutzen.

Lee verspricht Transparenz und Regeltreue

„Ich werde dafür sorgen, dass es keine Kontroversen bezüglich meines Erbes mehr geben wird“, versprach Lee, der einen 23-jährigen Sohn und eine Tochter im Teenageralter hat. Außerdem will er keine Gesetzeslücken nutzen „oder etwas tun, was ethisch kritisiert werden kann.“

Er will daher den Compliance-Ausschuss beibehalten, um einen Kritikpunkt von seinen Gegnern und Aktionären zu entschärfen: die undurchsichtige Unternehmensführung. Er wolle dafür sorgen, dass das Einhalten von Vorschriften tief in Samsungs Unternehmenskultur verankert werde, so der Konzernchef. Auch die Zulassung von Gewerkschaften gehört zu Lees neuer Unternehmenskultur.

Am Rande ging Lee auch auf seine Strategie für Samsung Electronics ein. Mit hohen Subventionen versucht das Unternehmen, in neue Bereiche wie die Automobilindustrie, die Pharmabranche oder die Logikchipindustrie zu expandieren. Damit will Lee Samsungs Abhängigkeit von Speicherchips und Smartphones reduzieren, mit denen der Konzern selbst zu Beginn der Coronakrise gut unterwegs war.

Im ersten Quartal konnte das Unternehmen dank steigender Nachfrage und Preise für Speicherchips sowohl mehr Umsatz als auch Gewinn als vor einem Jahr buchen. Aber Analysten erwarten, dass die globale Coronakrise nun auch Samsungs Geschäfte treffen wird. Das Unternehmen versucht, ein bedeutender Akteur in der Logikchip-Industrie zu werden, um sein derzeitiges Speicherchip- und Smartphone-Geschäft um eine dritte Säule zu erweitern.