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RTL-Deutschlandchef: „Wir investieren massiv in unser Streaming-Angebot“

·Lesedauer: 6 Min.

Die Mediengruppe schließt eine Allianz mit der Telekom. RTL-Manager Bernd Reichart erklärt, wie diese ein Gegengewicht zu den Tech-Konzernen werden soll.

Die Mediengruppe RTL Deutschland und die Deutsche Telekom haben an diesem Dienstag eine neue strategische Partnerschaft verkündet: Die beiden Konzerne wollen beim Streaming und in der Werbetechnologie zusammenarbeiten. Für den TV-Konzern RTL bietet dies eine Chance, die Anzahl der zahlenden Abonnenten von aktuell einer Million beim eigenen Streamingdienst „TV Now“ auf potenziell fünf Millionen anzuheben.

RTL und die Deutsche Telekom setzen dabei auf individualisierte Werbung, Addressable TV genannt. Mit dieser Werbetechnologie wollen die Partner ein Gegengewicht zu den globalen Tech-Konzernen wie Google und Facebook schaffen, die den digitalen Werbemarkt dominieren.

„Mit einem offenen technologischen Ökosystem stellen wir sicher, gerade in der Vermarktung langfristig unabhängig von den globalen Tech-Plattformen zu bleiben“, sagte Bernd Reichart, CEO der Mediengruppe RTL, dem Handelsblatt.

Ein solcher Gegenpol ist nicht nur in der Werbetechnologie vonnöten. „Ich würde in Deutschland während der Coronakrise durchaus von einem Versagen von Social Media als verlässlichem Informationskanal sprechen“, meinte Reichart kritisch. „Die Menschen haben sich dort informiert, wo sie unabhängig und professionell bedient wurden – und das war nicht in Social Media.“

Hier lesen Sie das ganze Interview:

Herr Reichart, Sie haben heute eine neue Kooperation mit der Deutschen Telekom vorgestellt. Was steckt dahinter?
Künftig integrieren wir unseren Streamingdienst TV Now Premium in die neuen Magenta-TV-Smart-Tarife der Deutschen Telekom. Darüber hinaus haben wir den Ausbau der Zusammenarbeit in den Bereichen Technologie, Vermarktung und Content vereinbart.

Welche Vorteile ziehen Sie aus der Partnerschaft?
Wir investieren massiv in unser Streaming-Angebot. Knapp zwei Jahre nach dem Relaunch von TV Now haben wir eine Million zahlende Abonnenten. Mit der Kooperation haben wir die Möglichkeit, mit dem aktuellen Magenta-Kundenstamm von rund vier Millionen Nutzern unsere Reichweite deutlich zu vergrößern. Die Telekom ist mit ihrer Vertriebskraft, ihrer Infrastruktur und ihrem direkten Kontakt zu Endkunden ein idealer Partner.

Wie hoch werden Ihre Investitionen in Ihren Streamingdienst sein?
Wir werden unsere Schlagzahl an Inhalten im kommenden Jahr deutlich erhöhen und mindestens ein neues TV-Now-Original pro Woche ausstrahlen. Unsere Investitionen dafür liegen im dreistelligen Millionenbereich. Die Summe addiert sich zu mehr als einer Milliarde Euro, die die Mediengruppe RTL pro Jahr für zumeist eigenproduzierte Inhalte ausgibt.

Ihr wichtigster Konkurrent, der Streaming-Pionier Netflix, gibt jährlich mehr als acht Milliarden Dollar für Inhalte aus. Wie kann da ein lokaler Anbieter wie die Mediengruppe RTL gegenhalten?
Sehr gut sogar. Denn bei globalen Ausgaben in genannter Höhe bleibt den Kollegen im direkten Vergleich nur ein Bruchteil unseres Budgets für den hiesigen Markt. Auch verstehen wir als lokale Nummer eins viel besser, was die Menschen hier bewegt.

Wie werden diese neuen Inhalte aussehen?
Unsere neuen TV-Now-Inhalte bedienen viele Genres, wir bauen die Bandbreite weiter aus, von Sportrechten wie der Uefa Europa League bis hin zu Serien mit Projekten von Autoren wie Ferdinand von Schirach. Hinzu kommt die filmische Aufarbeitung des Wirecard-Skandals oder eine Doku über Kanzlerin Angela Merkel. Und gerade erst gestartet ist unsere neue Late-Night-Show von Stefan Raab.

Werden Sie auch mit der Deutschen Telekom gemeinsame Inhalte realisieren?
Zunächst bauen wir TV Now Premium als Teil des neuen Magenta-TV-Smart-Tarifs inhaltlich weiter aus. Daneben haben wir Gespräche begonnen, um die Möglichkeiten der Zusammenarbeit im Bereich Content auszuloten.

Sie wollen auch bei der Vermarktung kooperieren. Was planen Sie?
Der Zukunftsmarkt der adressierbaren Werbung, Addressable TV genannt, steht für uns im Fokus. Streaming ist der persönliche Videokonsum, Addressable TV die individualisierbare Werbung. Bislang spielen wir adressierbare Werbung nur über den Standard HBB-TV aus. Künftig können wir dafür auch das Netz der Telekom nutzen. Auf Basis unserer Werbetechnologie-Plattform Smartclip wird die Reichweitenstärke des linearen Fernsehens mit der gezielten Aussteuerbarkeit der Werbung verknüpft.

Wie viel Umsatz wollen Sie mit Addressable TV erzielen?
Schätzungen zufolge entwickelt sich der Markt für Addressable TV allein in Deutschland auf mehr als 500 Millionen Euro in 2025. Daran wollen wir maßgeblich partizipieren.

Sie wollen mit der Telekom eine neue Plattform für Werbetechnologie bauen. Ist die Plattform auch offen für andere Unternehmen?
Natürlich können und sollen auch andere Unternehmen unsere Lösungen im Bereich Werbetechnologie nutzen. Mit einem offenen technologischen Ökosystem stellen wir sicher, gerade in der Vermarktung langfristig unabhängig von den globalen Tech-Plattformen zu bleiben.

Die Tech-Konzerne Google, Facebook und Amazon haben den digitalen Werbemarkt längst besetzt. Haben deutsche Unternehmen überhaupt noch eine Chance?
Definitiv. Genau deshalb gehen wir zukunftsorientierte Partnerschaften wie die mit der Deutschen Telekom ein, die uns gemeinsam stärker machen, weil sich unsere Kompetenzen perfekt ergänzen. Und neben solchen Allianzen sollte ein wettbewerbsfördernder Rechtsrahmen gegenüber den genannten Playern dazu beitragen, unsere Wertschöpfung etwa beim Zugang zu Daten oder der Kontrolle über unsere Inhalte zu stärken.

RTL hat in der vergangenen Woche die Quartalszahlen vorgestellt. Der Rückgang der Umsätze fiel mit 2,1 Prozent im dritten Quartal vergleichsweise mild aus. Stehen die Zeichen auf Erholung?
Das Krisenjahr 2020 war ein heißer Ritt. Im Gesamtjahr wird es einen Rückgang des Umsatzes geben, gar keine Frage. Auch das nächste Jahr wird anspruchsvoll werden – auch wenn wir gegen Ende dieses Jahres positive Signale aus dem Werbemarkt wahrnehmen. Vor allem die großen Konsumgüterhersteller mobilisieren gerade ihre Werbeanstrengungen.

Wie verhalten sich die Werbekunden insgesamt im zweiten Lockdown?
Der negative Impact ist dieses Mal nicht annähernd vergleichbar mit dem des ersten Lockdowns. Es ist hilfreich für die Werbeindustrie, dass der stationäre Handel geöffnet geblieben ist. Die Schließung der Läden beim ersten Lockdown war der Hauptgrund für den massiven Einbruch der Werbeausgaben.

Wie hat sich die Mediennutzung der Zuschauer in der Coronakrise verändert?
In der ersten Lockdown-Phase hatten wir TV-Reichweiten wie lange nicht mehr. Neue Zuschauer haben zu uns gefunden, die wir bei uns behalten wollen. Hinzu kommen konstant steigende Zuwächse im Streaming. Das Bedürfnis nach individuellem Medienkonsum ist durch Corona noch mal gestiegen. Früher wenig digital affine Menschen nutzen digitale Angebote heute immer selbstverständlicher. Streaming ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Und inhaltlich?
Einerseits gibt es den Wunsch nach Eskapismus – entführ mich in eine andere Welt! Und parallel natürlich das Bedürfnis nach Information – was ist in meiner direkten Umgebung, in meiner Peer-Gruppe, in meinem Land eigentlich los? Wir haben eine hohe Wertschätzung für verlässliche Nachrichtenmarken erfahren, ob bei N-TV oder RTL, linear und digital.

Also haben die sozialen Netzwerke nicht die ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen?
Überhaupt nicht. Ich würde in Deutschland während der Coronakrise durchaus von einem Versagen von Social Media als verlässlichem Informationskanal sprechen. Die Menschen haben sich dort informiert, wo sie unabhängig und professionell bedient wurden – und das war nicht in Social Media. Vielmehr hat die Krise das Gefälle zwischen Journalismus und den weitgehend unregulierten Plattformen – Stichwörter Hate Speech und Fake News – nur noch mehr zutage gefördert.

Herr Reichart, vielen Dank für das Interview.