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Die Rottweiler-Gesellschaft

Der Ökonom Paul Collier findet: Der Kapitalismus ist moralisch bankrott. Also träumt er sich in seinem dürftigen Buch in die Fünfzigerjahre zurück und polemisiert gegen Großstadt-Singles. Zum Glück gibt es Alternativen.

An manchen Stellen, und es sind nicht die schwächsten, ist Paul Collier unfreiwillig komisch. Etwa wenn er sich als Ökonom zum Gen-Deterministen aufschwingt und dekretiert: „Der Schaden, der durch fehlende Beteiligung des Vaters an der Erziehung entsteht, ist so groß, dass er nicht ausgeglichen werden kann.“ Oder wenn er es als Hobbyhistoriker „paradox“ findet, dass das beklagte Ende der „Selbstbindung“ in der Geldpolitik in den Siebzigerjahren einherging mit der beklagten Selbstentbindung des Individuums: „So, wie politisierte Zentralbanken einen anfänglichen Zuckerrausch des Gelddruckens auslösten, so verursachte die Schwächung der Ehebande den Zuckerrausch der Befreiung.“ Oder wenn er seine eigene Zunft beschämt mit der „Erkenntnis“, „dass die Rolle von Großunternehmen in der Gesellschaft noch nie gründlich durchdacht wurde“ – eine Erkenntnis, die Collier nur dank eines gründlichen Lektüremangels (schon mal was von Joseph Schumpeter gehört?) als Bestätigung seiner Originalität und Genialität erreicht haben kann – eben als „Erkenntnis“.

Schwamm drüber. Das viel größere Problem von Paul Colliers Buch „Sozialer Kapitalismus. Mein Manifest gegen den Zerfall unserer Gesellschaft“ besteht in der entschiedenen Unschärfe seiner Gegenwartsdiagnose – und in der ahistorischen Nostalgie, mit der sich der 70-Jährige in binär-kontrastierender Absicht seinen Kindheitstagen in Sheffield zuwendet, um an die große Zeit der Sozialdemokratie von 1945 bis 1970 zu erinnern: als der Kapitalismus noch „gut funktionierte“. An diese Zeit will Collier wieder anknüpfen, um die Gesellschaft zu heilen – mit einer Marktwirtschaft, die von (sozial-)konservativen Werten geprägt ist und mit einem Staat, der sich nicht scheut, gegen Geldmaximierungsegos und (vor allem weibliche) Metropolensingles das scharfe Steuerschwert zu schwingen.

Ganz klar: Colliers Ideal ist eine Art genossenschaftlich organisierte Eigentümergesellschaft, erfüllt von geteilten Werten und reziproken Beziehungen, von Wertschätzung und Zugehörigkeitsgefühlen, von gemeinsamen Narrativen und Praktiken der wechselseitigen Verpflichtung – eine homogene Nation verantwortungsbewusster Familienbürger, die sich einem einenden Sozialverband zugehörig wissen, so wie es bis 1970 der Fall gewesen sei. Diese schöne, alte Welt sei durch den Siegeszug irregeleiteter Ökonomen und Juristen zugrunde gerichtet worden, meint Collier. Die Ökonomen hätten den Menschen als asozialen „Psychopathen“ imaginiert, als „homo oeconomicus“ von der Leine gelassen und eine „Rottweiler“-Gesellschaft konsumnormierter Ichlinge durchgesetzt. Und die Juristen eine Anspruchskultur etabliert, in der immer neue (Opfer-)Gruppen im Namen von Identität und Inklusion nicht mehr auf Gleichbehandlung, sondern auf Anerkennung ihres Sonderstatus pochen – ihre „natürlichen Rechte“ einklagen wollen. Beides zugleich, der rechte und der linke Liberalismus, argumentiert Collier, habe das ehemals dicht geknüpfte Netz sozialer Beziehungen durchlöchert und eine Kultur zerstört, in der sich die Menschen einer Nation über alle sozialen Schranken hinweg einander verpflichtet fühlten. Mit dem Ergebnis, dass die Gesellschaft heute dreifach gespalten, mithin empfänglich für Ideologen und Populisten sei: Stadt gegen Land, Reich gegen Arm, Hochqualifizierte gegen Geringqualifizierte.

Das alles behauptet Collier, ohne es zu belegen – als seien heute familiäre Bindungen und Freundschaften, das Vereinswesen und ehrenamtliche Tätigkeiten, die Sozialität und das Mitgefühl praktisch ausgestorben: Offenbar reicht es heute schon, dunkelraunend kulturpessimistisch die „durchökonomisierte Gesellschaft“ zu beklagen, um ein Argument zu simulieren. Vor allem aber sind die Grundmuster seiner Analyse der multiplen Krise (des Kapitalismus, des Liberalismus, der Sozialdemokratie...) erstens nicht neu, zweitens holzschnittartig – und drittens höchst fragwürdig fundiert. Nicht neu: Der französische Philosoph Jean-Claude Michéa hat (neben anderen, etwa der US-Politologe Mark Lilla) in „Das Reich des kleineren Übels“ bereits vor fünf Jahren auf die Parallelbewegung eines linken und rechten Liberalismus hingewiesen – und mit der Marktgläubigkeit leichtliberaler Geldegos und der Permissivitätswut linksgrüner Befindlichkeitsfundis abgerechnet. Holzschnittartig: Die Soziologin Cornelia Koppetsch hat (neben anderen, etwa der Schweizer Historiker Caspar Hirschi) in ihrer Untersuchung (und Kompilation) „Die Gesellschaft des Zorns“ schlüssig dargelegt, dass der Aufstieg des Rechtspopulismus weder auf den Hass wirtschaftlich Zukurzgekommener noch auf einen kulturellen Aufstand gegen toleranzaggressive Multikultifans zurückzuführen sei – sondern sich eher als Querfront gegen die „Transnationalisierung des Sozialraums“ verstehen lässt: als Bündnis zwischen bürgerlichen Gegnern der Globalisierung und zurückfallenden Fraktionen der traditionellen Mittelschicht gegen eine kulturell offene, aber sozial zunehmend abgeschottete (Wirtschafts-)Elite, die buchstäblich ihre Bodenhaftung verloren hat.

Vor allem aber sind drittens Colliers Ausführungen höchst fragwürdig fundiert. So führt er das „egoistische Gen“ (!), den „psychopathischen Egoismus des 'Homo oeconomicus'“ ausgerechnet auf den englischen Aufklärer Jeremy Bentham zurück, einen nicht-ideologischen Sozialingenieur, der die Gesellschaft bekanntlich nach dem Prinzip des „größten Glücks der größten Zahl“ optimieren wollte – mithin auf einen radikal-technokratischen Pragmatiker, den sich Collier lustigerweise immer dann herbeisehnt, wenn er sich mal wieder selbstgefällig über die Versäumnisse linker und rechter Politiker erhebt, die von vorgestern seien. Mindestens genauso schräg leitet Collier den Typus des pflichtvergessenen, identitätspolitischen Rechte-Durchsetzers aus dem Werk des bedauernswerten John Rawls ab: So gründlich ist dessen „Theorie der Gerechtigkeit“ seit ihrer Entstehung 1971 vielleicht noch nie missverstanden worden.

Und wie verhält es sich mit Colliers „Werten“ (Zugehörigkeit, Loyalität, Wertschätzung etc.), die zu beherzigen er uns in unzähligen Schleifen anempfiehlt, damit die liberale Gesellschaft wieder gesunde? Nun, Collier verabsolutiert Werte, obwohl sie ihrer (ökonomischen) Natur nach schwankend sind – das heißt, er hält sich keine Sekunde damit auf, dass der Wert von „Werten“ davon abhängig ist, worauf sie sich beziehen: Toleranz etwa, dem Bösen entgegengebracht, kann ein Verbrechen sein. Collier ficht das nicht an. Er kennt offenbar die Klassiker der Soziologie nicht (Ferdinand Tönnies, Georg Simmel) und auch nicht die Kritik an der Wertetheorie, also kann er der Gesellschaft ganz einfach Gemeinschaft wünschen – und darüber hinwegsehen, dass etwa der Nationalsozialismus ein besonders enges Band an Zugehörigkeit, Loyalität und Wertschätzung zwischen den (meisten) Deutschen zu knüpfen vermochte.

Natürlich: Collier meint es ganz anders, meint es gut – meint die drei „ethischen Gefühle“ Adam Smiths: die starken Emotionen, die aus persönlicher Vertrautheit entstehen; die „Sollensforderungen“, die jeder Mensch im täglichen Umgang mit anderen Menschen in sich verspürt; das Pflichtgefühl gegenüber weit entfernt lebenden Menschen in Not. Aber Bücher, in denen die Welt missverständlich und widersprüchlich bemeint wird, braucht kein Mensch. Und Bücher, in denen sich ein Ökonom dauernd für seinen wertneutralen Blick auf die Welt, seinen unideologischen Pragmatismus lobt, nur um genauso dauernd „die Nation“ und „die Familie“ als besonders bedeutsame Identitätsanker (gegenüber der Religion, der Kunst, des Naturerlebnisses etwa, die Collier mit keinem Wort erwähnt) herauszustreichen – die braucht auch kein Mensch. Es ist bezeichnend, dass Collier am Ende – im Einklang mit der SPD-Spitze, die den Unterschied zwischen dem zentralisierten Großbritannien und dem föderalen Deutschland geflissentlich ignoriert – zur Rettung des Kapitalismus vor allem „Agglomerationsgewinne“ abschöpfen will: die ökonomischen Renten von Immobilienbesitzern und hochqualifizierten Singles in London, die, so Collier, überproportional von öffentlichen Gütern (Rechtsstaatlichkeit, Infrastruktur) profitierten, die kollektiv produziert würden. Und es ist leider auch bezeichnend, dass er sich seinen Lieblingsfeind, den Metropolensingle, besonders gern als berufstätige Frau vorstellt.

Das alles ist nicht zuletzt deshalb enttäuschend, weil Collier (im Anschluss an Robert Putnam) vor ein paar Jahren überzeugend unaufgeregt gezeigt hat, dass „Zugehörigkeit“ und „kulturelle Nähe“ bedeutsam sind für Zielländer von Migrationsbewegungen: dass das Sozialkapital einer Gesellschaft aufgezehrt wird, wenn jenseits einer oberflächlichen „Willkommenskultur“ kein Gefühl des Zusammenhalts entsteht. Damals, mit „Exodus“, ist ihm ein gutes Buch gelungen. Diesmal, mit „Sozialer Kapitalismus“, nicht. Wer sich wirklich für die ethischen Grundlagen der liberalen Demokratie und der Marktwirtschaft interessiert, ist bei den Altmeistern (von Wilhelm Humboldt und John Stuart Mill bis Wilhelm Röpke und Alfred Müller-Armack) immer noch deutlich besser aufgehoben. Wie Identitätsbildung und Individualismus, Anerkennung und Wertschätzung in der „beschleunigten Moderne“ aufeinander bezogen sind, lässt sich ganz ausgezeichnet mit den Soziologen Hartmut Rosa und Andreas Reckwitz nachvollziehen. Und wer sich für die Geschichte der Demokratie, ihre Krise und den Populismus interessiert – der ist beim Politologen Jan-Werner Müller bestens aufgehoben. Alsdann: Viel Spaß beim Lesen!