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Der riskante China-Boom der Dax-Konzerne

Sommer, Ulf
·Lesedauer: 9 Min.

Kurzfristig beschert die starke Präsenz deutschen Unternehmen Gewinnsprünge. Doch nicht nur der aufflammende Handelskonflikt wird zum Problem.

Infineon hat im abgelaufenen Quartal seinen operativen Gewinn um 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesteigert. Daimler meldete Donnerstag für das Gesamtjahr einen Zuwachs von 53 Prozent. Beide Unternehmen hoben ebenso wie BASF und Covestro ihre Geschäftsprognosen in den vergangenen Wochen an. Die Gemeinsamkeit aller vier Konzerne: ein starkes Chinageschäft.

Das Land ist als einzige große Volkswirtschaft 2020 gewachsen. Auch im laufenden Jahr rechnen Ökonomen dort mit einem kräftigen BIP-Zuwachs von mindestens acht Prozent – doppelt so viel wie in Europa und den USA.

Kurzfristig winken deshalb kräftige Gewinnsprünge. Analysten haben für 2021 ihre Gewinnschätzungen für Konzerne mit einem hohen China-Anteil am Umsatz deutlich angehoben: für BASF um 16 Prozent, Daimler um 21 und Covestro um 44 Prozent. Für fünf Dax-Konzerne ist China nach Handelsblatt-Recherchen sogar der größte Einzelmarkt, nämlich für BMW, Daimler, Infineon, Adidas und vor allem VW. Die Wolfsburger verkaufen dort 41 Prozent ihrer Fahrzeuge.

Doch angesichts der erneut aufflammenden Handelskonflikte mit China wachsen die Risiken dieser Abhängigkeit. „Wenn die deutsche Politik wegen zunehmender chinesischer Wettbewerbsverzerrungen robuster gegenüber Peking auftreten muss“, warnt Jürgen Matthes, Konjunktur‧experte beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW), „dann wird das wahrscheinlich wegen chinesischer Vergeltungsmaßnahmen nicht ohne Folgen für deutsche Unternehmen bleiben.“

Ein direkter Konflikt zwischen Berlin und Peking ist nicht das einzige Bedrohungsszenario für das deutsche Chinageschäft. Auch US-Präsident Joe Biden ließ seit seinem Amtsantritt keinen Zweifel daran aufkommen, einen harten Kurs gegenüber China zu fahren. Die von Ex-Präsident Donald Trump verhängten Sonderzölle der USA auf Produkte aus China haben weiterhin Bestand.

Im Gegensatz zu seinem Amtsvorgänger setzt Biden auf ein breites internationales Bündnis, um China zu Änderungen in seinen Handelspraktiken zu bewegen. Dabei geht es nicht mehr nur um das amerikanische Handelsdefizit mit China, sondern nach Bidens Aussagen auch um den Diebstahl intellektuellen Eigentums, dem Verkauf von Waren unter Produktionskosten und illegale Subventionen für Unternehmen. Die wichtigsten Punkte.

1. US-Konflikt mit Peking birgt Risiken

Die Folgewirkungen dieser Konfrontation sind insbesondere für exportorientierte Länder wie Deutschland groß. Die Handelskammer der Europäischen Union in Peking befürchtet bei einer Einbeziehung Europas in den Konflikt eine wirtschaftliche Entkopplung Chinas von den USA und der EU. Das heißt: strenge Exportkontrollen, Auflagen für chinesische Unternehmen in den USA und Strafmaßnahmen gegen große chinesische IT-Konzerne wie Huawei oder Internetfirmen wie Tiktok.

Die vielen export- und in China umsatzstarken deutschen Unternehmen geraten dabei schnell zwischen die Fronten, wenn sie mit chinesischen Firmen zusammenarbeiten, die in den USA im Fokus stehen. Ein Bericht der Kammer, gemeinsam erstellt mit dem Berliner Thinktank Merics, listet auf, welche Folgen das für die Firmen haben könnte: störanfällige Lieferketten, Verlust von Marktanteilen in China, von Investitionen und Jobs. Im schlimmsten Fall, so warnt die Kammer, könnten europäische Unternehmen im Zuge des „Decoupling“ ganz oder teilweise aus dem chinesischen Markt gedrängt werden. Warnend heißt es: „Die Zukunft der Globalisierung mit China steht auf dem Spiel.“

2. Abhängigkeit von China ist groß

Immer mehr deutsche Unternehmen setzen auf China und überzeugen in dem Land mit hohen Wachstumszahlen. So wie Infineon. Der größte deutsche Halbleiterhersteller erwartet 10,8 Milliarden Euro Umsatz und eine operative Umsatzrendite von 17,5 Prozent im Geschäftsjahr 2020/21 (Ende September). Das entspricht einem errechneten Gewinn von 1,9 Milliarden Euro. Das wäre so viel wie noch nie.

Der deutsche Heimatmarkt trägt noch elf Prozent zum Konzernumsatz von 8,6 Milliarden Euro in 2019/20 bei. Das sind zwei Prozentpunkte weniger als im Vorjahr. Im Gegenzug stieg der „Greater China“-Anteil um zwei Prozentpunkte auf rekordhohe 39 Prozent. Das sind fünf Prozentpunkte mehr.

Wachstumstreiber ist einerseits die ungebremste Nachfrage aus der Informationstechnologie. Für Smartphones, Spielekonsolen, dem kontaktlosen Bezahlen oder fürs WLAN im Homeoffice werden Halbleiter mehr denn je gebraucht. „Apple allein hat ein Einkaufsvolumen für Halbleiter wie die Autoindustrie insgesamt“, sagte Konzernchef Reinhard Ploss.

Zugleich finden Halbleiter immer mehr ihren Einsatz in erneuerbaren Energien oder in der E-Mobilität. Und weil sich die Autobauer schneller erholen als erwartet, kommt es in der Halbleiterproduktion zu Engpässen. Infineon erhöht deshalb seine Investitionen in der Fertigung und zieht den Starttermin für eine neue Halbleiterfabrik vor.

Was für Infineon gilt, trifft für viele Unternehmen zu. 2020 war China zum fünften Mal in Folge Deutschlands größter Handelspartner. Im Dezember 2020 stiegen die deutschen Exporte nach China um 11,6 Prozent gegenüber Dezember 2019. Für über 200 Milliarden Euro exportierte Deutschland im vergangenen Jahr Waren nach China.

Nach einer Umfrage der Deutschen Handelskammer in China unter 535 Mitgliedsunternehmen erwarten mehr als drei von vier Firmen, dass sich der Markt in China deutlich positiver entwickelt als in anderen Volkswirtschaften. 96 Prozent der Befragten haben keinerlei Pläne, China zu verlassen; 72 Prozent planen weitere Investitionen. Trotz der weltweiten Umsatzeinbrüche infolge der Corona-Pandemie gelang es knapp zwei Drittel der befragten Firmen, ihren Gewinn in China zu steigern oder zu halten.

3. Pandemie bringt Schub

Auf den China-Boom zu setzen entpuppte sich als Erfolgsrezept. Seit zehn Monaten produziert die chinesische Industrie über dem Corona-Vorkrisenniveau. Wer in China präsent ist, hat deutliche Wettbewerbsvorteile.

Bei Siemens erhöhten sich 2020 die Auftragseingänge aus dem Land gegenüber dem Vorjahr um zwölf Prozent auf 7,8 Milliarden Euro. Im abgelaufenen Quartal gewann der Aufschwung an Breite mit einem Auftragsplus von elf Prozent im Gesamtgeschäft. Getrieben wird die Entwicklung durch die digitale Industrie, was auf die margenträchtige Automatisierungstechnik und das Softwaregeschäft zurückzuführen ist.

Wohl am stärksten spiegelt sich das starke Chinageschäft bei den Autobauern wider. BMW setzte im abgelaufenen Jahr weltweit 2,3 Millionen Fahrzeuge ab. Das waren gut acht Prozent weniger als im Jahr davor. In China hingegen verkauften die Münchener 777.000 Fahrzeuge – und damit gut sieben Prozent mehr.

Volkswagen lieferte in den ersten drei Quartalen des abgelaufenen Jahres 40,8 Prozent seiner Fahrzeuge in China aus. Die Finanzzahlen belegen die Bedeutung des Landes: Die chinesischen Gemeinschaftsunternehmen, deren Ergebnisanteil der Konzern im Finanzergebnis verbucht, überwiesen allein im dritten Quartal 2,6 Milliarden Euro nach Wolfsburg.

4. Nicht nur die Dax 30 setzen auf China

Kein anderer Absatzmarkt hat so stark an Bedeutung für deutsche Unternehmen gewonnen wie China. Die 30 Dax-Konzerne unterhalten knapp 700 Tochtergesellschaften in dem Land.

Überdurchschnittlich stark in China sind auch viele Unternehmen in der zweiten Reihe vertreten, etwa beim Adidas-Rivalen Puma mit einem Umsatzanteil von 16 Prozent, dem Maschinenbauer Dürr mit 20 Prozent und Chiphersteller Siltronic mit 27 Prozent.

Der Ausrüster für die Halbleiterindustrie, Aixtron, erwirtschaftet in Taiwan und China sogar knapp 60 Prozent seiner Umsätze, 2018 waren es noch weniger als 50 Prozent. Das Elektrotechnikunternehmen war 1983 als Ableger der Technischen Hochschule in Aachen entstanden und stimmte vor knapp fünf Jahren der Übernahme durch einen chinesischen Investor zu.

Der Deal scheiterte am Veto des damaligen US-Präsidenten Barack Obama, der amerikanische Sicherheitsbedenken geltend machte. Was blieb, war Aixtrons Zugang zum chinesischen Markt.

Ob der Zulieferer Knorr Bremse, der Gesundheitskonzern Siemens Healthineers oder die großen Dax-Konzerne mit starkem Chinageschäft: fast alle Firmen steigerten in den vergangenen Jahren ihre Anteile in Fernost, vor allem bedingt durch Rückgänge in den übrigen Großregionen durch pandemiebedingte Produktions-, Liefer- und Absatzschwierigkeiten.

5. Strategien im Handelskonflikt

Doch dieser Boom gerät durch den Handelskonflikt in Gefahr. Erst recht, wenn sich Chinas Wirtschaft von der des Westens entkoppeln sollte. „Unternehmen, die in China Geschäfte machen, müssen sich fragen, ob und welche Geschäfte sie dort in fünf oder zehn Jahren machen können, wenn China seine Selbstversorgung erhöht, technologisch aufgeholt hat und die ausländischen Unternehmen in wichtigen Bereichen nicht mehr braucht“, mahnt IW-Ökonom Matthes.

Daher berge die deutsche Strategie, durch Produktion und Kooperationen vor Ort vor allem auf China zu setzen, mittelfristig Gefahren. „Strategie der deutschen Unternehmen mit Chinageschäft muss es sein“, so Matthes, „auch ohne China nicht zusammenzubrechen.“ Das aber wird immer schwerer, je mehr Umsatzanteile deutsche Unternehmen in China erwirtschaften und je mehr wirtschaftliche Macht das Land gewinnt.

Für Andreas Glunz, Bereichsvorstand für internationale Geschäfte bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, werden in vielen Schlüsselindustrien in China derzeit die Weichen für die Zukunft gestellt. „Eine Präsenz vor Ort ist wichtig, um im chinesischen Markt Umsätze zu erzielen, aber auch lokale Partnerschaften einzugehen.“

Die drei großen Autobauer fahren seit vielen Jahren nach diesem Prinzip. Volkswagen kündigte jüngst an, die Provinz Anhui zu einem E-Mobilitäts-Hub in China auszubauen. Dabei hilft ein neues Forschungs- und Entwicklungszentrum sowie das Joint Venture „Volkswagen (Anhui)“, an dem der Wolfsburger Konzern 75 Prozent der Anteile hält. 2023 soll das erste Fahrzeug in Anhui vom Band laufen.

BASF will bis Mitte des Jahrzehnts im chinesischen Guangdong für zehn Milliarden Dollar einen weiteren Verbundstandort errichten, ähnlich wie in Ludwigshafen. Mit seinem Partner Sinopec plant Europas größter Chemiehersteller in Nanjing den Bau eines Crackers. Das ist eine Großanlage, mit der Öl oder Erdgas in chemische Grundbausteine wie Ethylen, Propylen und Butadien zerlegt werden. Solche Basischemikalien sind Grundlage für chemische Folgeprodukte.

Nach Ansicht von Konzernchef Martin Brudermüller geht es dabei um Anlagen, die man voraussichtlich über 40 oder 50 Jahre betreiben werde. „Wir sind daher überzeugt, dass es richtig und wichtig ist, unseren Fußabdruck in China zu verstärken“, konterte er auf der letztjährigen Hauptversammlung die Kritik von Großinvestoren wie Deka- und Union Investment, die das Engagement infrage stellten.

Der neuerliche industrielle Boom in China gibt Brudermüller zumindest vorläufig recht. Im abgelaufenen dritten Quartal steigerte BASF seinen Umsatz in der Region Asien-Pazifik um zehn Prozent auf 3,7 Milliarden Euro. Der mit Abstand größte Teil davon entfällt auf China. Das Land steuert 11,4 Prozent zum Gesamtumsatz bei.

Diese Zahl passt zur konzerneigenen Prognose, wonach der Anteil der Volksrepublik am weltweiten Chemiemarkt bis 2030 auf 50 Prozent wachsen wird. Angesichts solcher Relationen erscheint ein Rückzug aus China trotz aller Risiken im Handelskonflikt und der daraus resultierenden Folgewirkungen kaum möglich.