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Renten am Morgen: Trumps Corona-Diagnose schürt Risikoscheu

Dirk Gojny und Alexander Kell
·Lesedauer: 5 Min.

(Bloomberg) -- Die Hoffnungen der Investoren, Demokraten und Republikaner könnten sich auf ein Konjunkturprogramm einigen, sind einmal mehr enttäuscht worden. Das blieb nicht ohne Folgen für die Renditeentwicklung dies- und jenseits des Atlantiks. Bis zum Donnerstagnachmittag notierten die Kurse der Staatsanleihen aus dem Euroraum in etwa um ihren Vortagsschluss. Als sich die Mehrheitsführerin im Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi, jedoch skeptisch zeigte, ob es noch zu einer Einigung kommen werde, zogen die Bondkurse an und drehten ins Plus.

Besonders gesucht waren einmal mehr die italienischen Staatsanleihen, die ein deutliche Outperformance nicht nur gegenüber den Kernländern, sondern auch ihren Peers zeigten. Die deutliche Outperformance war über die gesamte Kurve zu verzeichnen und betrug bis zu vier Basispunkte. Italienische Staatsanleihen bleiben aufgrund ihres Renditevorsprungs gesucht. Von der vorhandenen Überschussliquidität dürften sie vor allem am kurzen Ende ebenfalls profitieren. Sofern sich Banken über die TLTRO III-Tranchen den Refinanzierungszins von -1% sichern können, ist über das Investment in kurz laufende italienische Staatsanleihen ein positiver Spreads zu erzielen, den viele durchaus als attraktiv ansehen dürften.

Drohende Verzögerungen bei der Implementierung des EU-Aufbaufonds spielen in den Überlegungen der Investoren weiterhin keine Rolle. Das dürfte sich wohl erst ändern, wenn sich eine Verzögerung weit in das kommende Jahr hinein abzeichnen würde oder die Implementierung des gesamten Konstrukts gefährdet wäre. Letzteres kann sich die Europäische Union aufgrund des damit verbundenen Glaubwürdigkeitsverlusts jedoch nicht leisten. Im Hinblick auf die Verzögerungen werden auch die Rating-Agenturen zu beachten sein. Sie lobten die Einigung auf den Aufbaufonds und bewerten das Instrument grundsätzlich als positiv für die Kreditqualität vieler Euroländer.

Sollten die Bonitätswächter ihre Einschätzung ändern, weil sich der Aufbaufonds verzögert, dürfte das durchaus Auswirkungen auf Bonitätseinschätzungen von Euroländern oder zumindest deren Ratingausblick haben. Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union haben am heutigen Freitag immer noch die Gelegenheit, die Stolpersteine für den Aufbaufonds aus dem Weg zu räumen oder zumindest die Marschrichtung für eine Kompromiss vorzugeben, obwohl der Themenkomplex EU-Haushalt/Aufbaufonds nicht auf der Agenda steht.

Der Tag mit Bloomberg: Trump Covid-positiv; Börsenfutures sinken

Am Freitagmorgen reagierte der Finanzmarkt mit einer klassischen Reflex-Reaktion in die Sicherheit auf die Nachricht der Corona-Diagnose von US-Präsident Trump. Die Aktienfutures fielen beiderseits des Atlantiks, der Dollar stieg. Gesucht waren US-Treasuries: Zehnjährige Papiere rentierten zuletzt 1,6 Basispunkte niedriger bei 0,661%.

Auf der Agenda des heutigen Freitags steht zudem der US-Arbeitsmarktbericht. Die Chancen auf ein Konjunkturprogramm, das noch vor der Wahl am 3. November auf dem Weg gebracht wird, scheinen indessen zu schwinden. Am frühen Morgen stimmte das Repräsentantenhaus dem auf 2,2 Billionen Dollar abgespeckten Vorschlag der Demokraten zu. Die Demokraten wollen auf diese Weise demonstrieren, dass sie etwas für die US-Wirtschaft tun wollen. Trotz Abstimmung bleibt laut Pelosi die Tür für weitere Gespräche mit den Republikanern offen. In Detailfragen liegen beide Seiten jedoch gemäß eigener Aussagen weit auseinander. Eine Einigung vor dem Wahltermin erscheint unwahrscheinlich. Auch dies dürfte die Treasury-Kurse weiterhin gut stützen.

Konjunkturdaten

Die vorläufigen Preisdaten aus einigen Euroländern deuten daraufhin, dass der Preisanstieg auf Eurolandebene ebenfalls schwächer ausfällt, als es die Konsensusprognose erwarten lässt. Die europäischen Notenbanker dürften mit Blick auf die Preisdaten weitere Argumente für zusätzliche geldpolitische Maßnahmen erhalten - also der Ausweitung der Anleihekäufe, die nach Aussagen zahlreicher EZB-Vertreter das präferierte Mittel zur Lockerung der Geldpolitik sind. Schwache Preisdaten dürften die Bondkurse etwas stützen.

Der Arbeitsplatzaufbau soll sich in den USA im September fortgesetzt haben. Die von Bloomberg befragten Volkswirte erwarten jedoch weniger neue Stellen als im Vormonat. Nicht nur die Zahl neuer Stellen, sondern auch die Zusammensetzung des Stellenaufbaus ist von Interesse. Die US-Notenbanker äußerten in den vergangenen Monaten immer wieder die Befürchtung, dass eine großer Teil der Jobs im Niedriglohnsektor für immer verloren sein könnte. Sollten sich dafür Zeichen finden lassen, werden die Forderungen der US-Notenbanker nach der Fiskalpolitik vermutlich noch lauter, werden aber ohne Reaktion der Politik bleiben. Von dem Vor-Krisenniveau ist der Arbeitsmarkt weit entfernt.

Arbeitsmarktdaten im Rahmen der Prognosen wären ein Signal, dass es mit der US-Wirtschaft weiterhin aufwärts geht und Arbeitskräfte nachgefragt werden, was den privaten Verbrauch stärkt. Allerdings gaben inzwischen weitere US-Unternehmen bekannt, dass sie einen Arbeitsplatzabbau vornehmen werden. Es sieht danach aus, als ob sich der künftige Zuwachs an neuen Stellen verlangsamen werde.

Im Anschluss an die Arbeitsmarktdaten werden der endgültige Wert für die Indikator der Uni Michigan sowie die Änderung der Auftragseingänge gegenüber dem Juli publiziert. Die Daten dürften von den Finanzmärkten weitestgehend ignoriert werden.

Bonitätseinschätzungen

Am Freitagabend sollen fünf aktualisierte Bonitätseinschätzungen über Länder im Euroraum veröffentlicht werden. Fitch will sich mit Belgien und Zypern beschäftigen. Moody’s plant, etwas Aktualisiertes zu Slowenien anzubieten. S&P Global will neue Einschätzungen zu Deutschland und Frankreich bekanntgeben.

Lediglich die Ausblicke der Ratings auf Belgien und Slowenien stehen nicht auf stabil. Slowenien erhielt im April 2019 einen positiven Ausblick, Belgien im April 2020 einen negativen. Gemäß des üblichen Vorgehens der Bonitätswächter könnte Moody’s die Bonitätseinschätzung von Slowenien nach rund 18 Monaten mit positiven Ausblick um eine Note erhöhen. Unter den vier großen Rating-Agenturen vergibt Moody’s dem Land derzeit die schwächste Bonitätsnote. Dass Moody’s jedoch mitten in der Pandemie mit den nach wie vor nicht absehbaren wirtschaftlichen Folgen eine Anhebung des Ratings durchführt, ist zu bezweifeln.

Bei Belgien dürfte es keine Änderung geben. Vermutlich wird Fitch der gerade gebildeten Regierung die Möglichkeit geben, ihr Regierungsprogramm inklusive Konsolidierungspfad für die im Vergleich zu vielen Euroländern hohe Verschuldung gemessen am Bruttoinlandsprodukt zu erarbeiten. Gegen eine Herabstufung des Ratings spricht zudem, dass die Senkung des Ausblicks gerade einmal sechs Monate zurückliegt. Insgesamt ist es wahrscheinlich, dass keine Änderungen von Ausblicken und Bonitätseinstufungen vorgenommen werden.

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