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Reisen wird nie wieder so sein wie früher

Die erste Dienstreise nach drei Monaten: Unser Korrespondent steigt wieder in ein Flugzeug – und merkt schnell, dass man selbst mit viel Erfahrung das Reisen verlernen kann.

Passagiere warten am Check-in-Schalter am Flughafen Istanbul auf ihre internationalen Flüge. Foto: dpa

Als ich die Hotellobby betrete, fängt ein Instrument an zu piepen. Ich habe doch nichts geklaut, denke ich mir. Ein Mitarbeiter kommt schnellen Schrittes auf mich zu und richtet etwas Pistolenähnliches auf meine Stirn. Danach piept es wieder. „37,0 Grad, das kommt sicher von der Sonne“, sagt er und lässt die Hand sinken, in der er ein Temperaturmessgerät hält.

Das letzte Mal habe ich am 15. März ein Flugzeug betreten. Dann kam Corona: drei Monate lang Home Office, an den Wochenenden durften wir in Istanbul nicht einmal das Haus verlassen. Da verrosten selbst die hartnäckigsten Routinen. Ich kenne nun viele neue Rezepte und Workouts für daheim. Aber ich fürchte, ich habe das Reisen verlernt.

Ich ärgere mich schon, noch bevor es richtig losgeht. Es ist 5:15 Uhr morgens in Istanbul, ich bin seit zehn Minuten im Taxi Richtung Flughafen. Und dann fällt mir ein, dass ich meinen Kulturbeutel nicht eingepackt habe. Ich frage mich, wie ich ein derart elementares Reiseutensil vergessen konnte. Doch das war nur der Anfang.

Ich gehöre zu den Menschen, die im Schnitt zwei- bis viermal pro Monat irgendwohin fliegen. In einem großen Land wie der Türkei mit einem schlecht ausgebauten Eisenbahnnetz, geht es oft nicht anders.

Mal geht es von Istanbul nach Ankara zum Interview mit einem Minister, oder an die syrische Grenze für eine Reportage über Flüchtlinge, mal nach Düsseldorf in die Zentrale des Handelsblatts, zum Skifahren an die armenische Grenze, auf eine Hochzeit nach Málaga, zum UEFA-Cup-Spiel meines 1. FC Köln nach Belgrad, oder in den Urlaub auf die Azoren. Drei Monate Reisepause – es klingt arrogant zu behaupten, da verlerne man das reisen. Das habe ich auch gedacht.

Beim Reisen entwickelt man Routinen

Meine erste Reise in Zeiten der Pandemie führt mich nach Antalya an der türkischen Mittelmeerküste. Ich begleite ein Wochenende lang die türkischen Minister für Tourismus und Auswärtige Angelegenheiten. Sie wollen zeigen, dass türkische Hotels und Flugzeuge sicher seien und das Infektionsrisiko minimiert sei. Ich hätte da noch einen Tipp an alle Tourismus- und Geschäftsreiseminister auf dem Planeten: Weist eure Landsleute darauf hin, dass alles anders ist!

Ich steige ins Flugzeug wie andere in die U-Bahn. Und ich habe mit der Zeit meine Routinen entwickelt. Ich frage immer nach einem Sitz am Gang und steige gerne als Letzter ein. Ich kaufe mir jedes Mal die New York Times am Flughafen, vor allem, um während des Landeanflugs das Sudoku-Rätsel zu lösen.

An der Rezeption im Hotel frage ich immer, wann das Frühstück beginnt. Im Hotelzimmer angekommen, hänge ich normalerweise zuerst meine Hemden auf, bevor ich zum ersten Termin gehe. Nennen Sie mich leicht-neurotisch, ich bevorzuge den Begriff routiniert. Man hat halt seine Marotten.

Diesmal ist alles anders. Ich irre frühmorgens durch ein völlig leeres Inlands-Terminal, bevor ich eine Kollegin treffe. Die Geschäfte sind geschlossen. Stattdessen stehen überall Spender mit Desinfektionsspray. Als ich das dritte Mal fast puren Alkohol auf meine Hände sprühe, merke ich, dass ich gar keine Zeitung in Händen halte. Ich hätte besser vor der Sicherheitskontrolle eine gekauft, jetzt ist es zu spät.

Überall Desinfektionsmittel

Beim Boarding schaue ich zum ersten Mal auf mein Ticket und sehe ein „E“ – Mittelsitz. Anfängerfehler, flüstere ich mir in meine Gesichtsmaske und verdrehe die Augen. Während des Fluges presse ich meine Ellbogen an die Rippen, damit ich bloß nicht meine Sitznachbarn berühre.

Den Laptop lasse ich gleich in der Tasche, stattdessen höre ich 40 Minuten lang Musik. Der Mann rechts von mir trägt seine Maske mehr schlecht als recht. Ist es angebracht, ihn darauf hinzuweisen? Mitten im Flug frage ich ihn auf Türkisch, ob er Atemprobleme hat. Was für eine dumme Frage.

Nachdem wir die Parkposition erreicht haben, traue ich meinen Augen kaum. Niemand steht auf und holt sein Handgepäck aus den Ablagen. Alle warten gebannt, bis die Flugbegleiterin ihr Okay gibt. In der Türkei ist das, da bin ich überzeugt, an diesem Tag zum ersten Mal so abgelaufen.

Am Flughafen wird ebenfalls überall Desinfektionsmittel bereitgestellt. Die Ankunftshalle ist fast leer, dafür sieht man überall Aufkleber auf dem Boden, Personal in weißen Polohemden und noch mehr Desinfektionsmittel. Ich frage mich, wie sehr die Regeln eingehalten werden, sobald der Reiseverkehr wieder zunimmt und hunderte Menschen durch die Passkontrolle wollen.

Nach meiner Begegnung mit der Fieber-Schrotflinte des Hotelmitarbeiters bin ich so verwirrt, dass ich direkt aufs Zimmer gehe. Am nächsten Morgen stehe ich vor einem geschlossenen Frühstücksraum, weil ich mich nicht nach den Öffnungszeiten erkundigt habe.

Immerhin habe ich die Bestätigung erhalten, dass das Interview wie geplant stattfinden wird. Normalerweise stelle ich mir 15 Minuten vor Abfahrt vom Hotel zu einem Termin einen Wecker, um mich vorzubereiten. Diesmal komme ich gerade noch rechtzeitig in der Lobby an, weil ich damit beschäftigt war, alle Kontaktflächen in meinem Zimmer noch einmal abzuwischen.

Reisen fühlt sich jetzt wie Zwang an

Erst kurz vor dem ersten Interview mit dem Tourismusminister bemerke ich, dass ich immer noch mein altes Polohemd trage. Naja, denke ich mir, der Minister ist ja auch nicht gerade eine Stilikone.

Wenn Reisen für mich früher ein Stück Freiheit bedeutet hatte, so fühlt es sich jetzt an wie ein Zwang. Maske, Hände desinfizieren und so wenig wie möglich anfassen: Ich habe mich noch nie so darauf gefreut, endlich alles hinter mir zu haben.

Beim Abendessen mit Kolleginnen und Kollegen anderer europäischer Medien will ich eine Flasche Wasser für alle bei der Kellnerin bestellen. „Olmaz“, sagt sie und hebt kurz das Kinn an, „das geht nicht!“. Getränke dürften nur aus den Händen der Angestellten dargereicht werden. Ich sage ihr, dass ich sonst verdursten würde. Entweder hat die Kellnerin den Witz nicht verstanden, oder sie hat ihn schon Dutzende Male an diesem Abend anhören müssen.

Immerhin: Beim Rückflug bin ich vorbereitet. 31J, ein Gangplatz, meine Sitznachbarin trägt ihre Maske wie eine Herzchirurgin während der OP. Diesmal bin ich es, der Aufsehen erregt. Während der Fahrt zur Startbahn fällt meine Maske vom Gesicht, weil das Halterungsband gerissen ist.

Aber ich habe dazugelernt: Im Hotel erhielt jeder Gast eine Ersatzmaske. Eine Hand die alte Maske vors Gesicht haltend, stochere ich mit der anderen Hand in meiner Arbeitstasche. Alle schauen mich an, bis ich die eingeschweißte Ersatzmaske finde.

Statt Arbeit oder Sudoku beschließe ich, während der restlichen Flugzeit diese Kolumne zu schreiben. Denn ich bin überzeugt: Reisen wird nie wieder so wie vorher werden.

In der Lobby der zertifizierten Hotels sind Wärmebildkameras aufgestellt. Liegt die Körpertemperatur über 37,8 Grad, beginnt ein Warnton. Hotelmitarbeiter kommen dann umgehend und überprüfen die Temperatur nochmal mit einem Messgerät. Wer dann immer noch erhöhte Temperatur aufweist, wird zum Hotelarzt gebracht. Für Covid-19-Patienten müssen neun der 400 Zimmer freibleiben. Foto: dpa
In der Ankunftshalle des Flughafens in Antalya stehen überall Spender mit Desinfektionsmittel für die Hände. Außerdem weisen Aufkleber auf dem Boden auf die Regeln zum Abstand sowie zum Tragen einer Maske hin. Foto: dpa
Auch in den Hotelanlagen gelten Kontaktbeschränkungen. Ob in der Lobby, im Restaurant oder am Pool: Überall stehen Schilder, die darauf hinweisen, dass Gäste mindestens 1,5 Meter Abstand voneinander halten sollen. Foto: dpa