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„Es reicht nicht, Schulen irgendwelche Tools zur Verfügung zu stellen“

Magdalena Rogl erlebt die Coronakrise als Microsoft-Managerin und als Mutter. Wie gut funktioniert in ihren Augen der digitale Unterricht?

Magdalena Rogl ist bei Microsoft für die digitalen Kanäle verantwortlich. Der Konzern hat seinen Kollaborationsdienst Teams gerade an die Schulen in Bayern vermarkten können. Bevor Rogls Kinder ihn dort nutzen durften, hat sie mit ihnen Datenschutzrisiken besprochen. „Mit meinen Kindern schaue ich mir bei jeder App an, was die sichersten Einstellungsmöglichkeiten sind“, sagt Rogl im Interview mit dem Handelsblatt.

Die Managerin erzählt außerdem, wie sie den Einzug der Technologie in die Schulen erlebt. Das Programm Teams ist beispielsweise ursprünglich nicht für Schulklassen ausgelegt; in der „Education-Version“ gab es technische Probleme. „Wir haben auch viel gelernt“, sagt Rogl.

Wenn der Unterricht bald wieder analog stattfindet, hofft sie, „dass der Digitalisierungsschwung mitgenommen und nicht wieder unterbrochen wird. Dafür sollte man die Mittel aus dem Digitalpakt einsetzen.“

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Frau Rogl, Corona hat die Digitalisierung der Schulen auf den Prüfstand gestellt. Wo muss Deutschland aus Ihrer Sicht als Digitalexpertin am dringendsten nachbessern?
Bei der Bildungsgerechtigkeit. Man muss an unterschiedlichen Bereichen ansetzen. Aber dieser ist mir besonders wichtig: Wir müssen sicherstellen, dass wir auf der Digitalisierungsreise niemanden zurücklassen. Alle Kinder müssen auf Bildungsplattformen zugreifen können. Das war in den letzten Wochen einfach nicht so. Es gab deutschlandweit sehr viele Kinder, deren Familie keinen Computer hat. Geschweige denn für jedes Kind.

Auch die Länder und einzelne Schulen waren und sind unterschiedlich gut für den digitalen Unterricht ausgerüstet. Wie sah das bei Ihnen in Bayern aus?
In den ersten Tagen war die Lage relativ unklar. Das Kultusministerium hatte schon vor der Corona-Pandemie die Lernplattform Mebis eingesetzt. Die stand für alle Schulen zur Verfügung. Dort konnten Schülerinnen und Schüler Aufgaben einsehen. Aber es gab rund um das Ausdrucken, Einscannen und Wiederhochladen viel Durcheinander. Schließlich ist die Entscheidung gefallen, zusätzlich Microsoft Teams zu nutzen, damit Lehrer und Schüler wieder direkten Kontakt über Video haben können.

Daran gab es auch Kritik. Etwa weil das Microsoft-Programm für die Arbeitswelt gebaut wurde. Andere Lernsoftware-Anbieter sind auf Schüler spezialisiert. Waren denn die Techkonzerne selbst auf die digitale Schule vorbereitet?
Es gibt eine Education-Version von Teams. Die bietet zusätzliche Funktionen wie virtuelle Pausenräume. Aber wir haben auch viel gelernt. Es gab Feedback, auf das wir mit Hochdruck reagieren mussten: In den Videokonferenzen konnte man zunächst nur vier Teilnehmer sehen. Die Lehrer und Lehrerinnen wollten aber wissen, ob alle zuhören oder was gerade bei denjenigen passiert, die nicht sprechen. Es gibt neben Teams viele großartige digitale Angebote, bei denen sich viel getan hat in den letzten Wochen.

Viele Erwachsene klagen, wie anstrengend die vielen Videokonferenzen sind. Ist die Technik wirklich kindgerecht?
Ich erlebe bei meinen Kindern immer wieder, dass sie mit sehr viel Neugier an neue digitale Tools gehen. Sie finden sich viel schneller zurecht, als ich es von mir selbst kenne. Und weil sie Lust darauf haben, kommt auch kein zusätzlicher Arbeitsdruck auf, wie oft bei Erwachsenen.

Streitpunkte bei der Einführung all der digitalen Lösungen sind weiterhin Datensicherheit und Datenschutz. Wie sehen Sie das als Mutter?
Mit meinen Kindern schaue ich mir bei jeder App an, was die sichersten Einstellungsmöglichkeiten sind. Wir sprechen intensiv darüber, was es zum Beispiel bedeutet, Bilder zu teilen. So war es auch bei Microsoft Teams für den Unterricht. Mir ging es darum zu sagen: Eure Klassenkameradinnen und Kameraden sehen, was ihr macht. Teilnehmer in Videokonferenzen können theoretisch auch Screenshots machen und die Bilder im Netz teilen.

Entscheidungen gegen den Klassentrend zu treffen ist allerdings schwierig für Kinder. Wie handhabt das die Schule?
In der Schule wurde darüber gesprochen, was Datenschutz bedeutet und dass man darauf achten sollte, was bei einer Videokonferenz im Hintergrund ist und was man vielleicht nicht zeigen möchte. Da haben Erwachsene eine Verantwortung, den Kindern zur Seite zu stehen. Seien es Eltern oder Lehrende.

Streamen Ihre Kinder aus dem Kinderzimmer?
Unsere Kinder sind zehn, 15, 17 und 18. Die Großen lasse ich das selbst machen und entscheiden. Bei dem Kleinen schaue ich mit einem Auge drauf: Er zeigt sein Kinderzimmer gern und hat für einen ausgewählten Kreis auch eine kleine Tour durch den Raum gemacht. Da hat man richtig gemerkt, wie sehr sich die Kinder auch danach sehnen, sich auszutauschen.

Wie ist es Ihnen als Mutter ergangen?
Unsere Schule hat sich von allen Seiten Rückmeldungen geholt und ist in den Dialog gegangen. Es wurde in der Lehrerschaft geschaut, wer welche Kapazitäten oder Fähigkeiten hat. Aber auch die Eltern wurden gefragt, was man machen könnte und wer etwas empfehlen kann. Ich habe es als sehr angenehm empfunden, Teil der Entwicklung zu sein und nicht von einer Welle einfach mitgespült zu werden.

Welche Empfehlungen haben Sie denn an die Schulen, wenn der Unterricht zunehmend wieder analog stattfinden kann?
Ich hoffe, dass der Digitalisierungsschwung mitgenommen und nicht wieder unterbrochen wird. Dafür sollte man die Mittel aus dem Digitalpakt einsetzen. Die Kompetenzen, die bei Kindern und Lehrkräften aufgebaut wurden, sollten weiter ausgebaut werden. Man darf von den Lehrenden aber auch nicht erwarten, dass sie sich selbst darum kümmern.

Microsoft gibt Lehrern sogar selbst Nachhilfe.
Wir bieten im Juni jeden Nachmittag eine Fortbildungsreihe an. Da geht es um unterschiedliche Themen: Wie richte ich den Dienst ein? Wie stelle ich Zusammenarbeit sicher? Wir lernen dabei selbst unheimlich viel, weil einige Lehrer und Lehrerinnen schon Digitalexperten sind. Da gibt es einen starken Austausch in der Lehrerschaft. Ein wichtiger Aspekt wird ganz deutlich: Es reicht nicht, irgendwelche Tools zur Verfügung zu stellen. Es geht auch darum, eine virtuelle Arbeitsumgebung zu schaffen und das Zwischenmenschliche einzubringen.

Frau Rogl, vielen Dank für das Interview.