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Die Rückkehr ins Büro ist nicht jedermanns Sache — könnte bei manchen aber ein Burnout verhindern

·Lesedauer: 9 Min.

Wyatt Carney braucht sich nur ein wenig zu strecken, um von seinem Bett in sein „Home Office“ zu gelangen. Sein derzeitiger Arbeitsplatz besteht aus einer kleinen Schreibtischecke, die mit dem Fußteil des Bettes abschließt, ohne, dass seine Füße den Boden berühren. So beengend sieht jedoch nicht nur für Carney der Pandemie-Alltag im Home Office aus. „Mein Laptop ist das Erste, was ich morgens sehe. Und es ist das Letzte, was ich abends sehe“, sagte Wyatt Carney. Carney ist 26 Jahre alt und arbeitet als Kundenbetreuer bei einer PR-Agentur.

Gemeinsam mit fünf Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern teilt sich er sich eine Wohnung im Süden von Boston an der Ostküste der USA. Die Enge ist nur einer der vielen Gründe, warum der 26-Jährige sich von der pandemiebedingten Home Office-Ära ausgebrannt fühlt. „Die Arbeit geht mir ständig durch den Kopf. Selbst wenn ich versuche zu schlafen, arbeitet mein Gehirn immer noch.“ Zum Glücklich für ihn zeigt sich seit einigen Wochen eine positive Tendenz. Seit Anfang Juni sind die Büros seiner Firma für zwei Tage pro Woche wieder geöffnet. Lange hat Carney darauf gewartet. Er träumt davon, wieder einen geregelten Ablauf zu haben: mit dem Bus der Linie neun zur Arbeit zu fahren, in der Mittagspause mit seinen Kolleginnen und Kollegen etwas zu essen und — das Beste — den Computer nach Feierabend herunterfahren. „Ich kann es kaum erwarten“, sagt er.

Nicht nur für Carney hat sich in der jüngsten Vergangenheit gezeigt, dass das Home Office zu Krisenzeiten nicht für jede oder jeden geeignet ist. Viele Menschen können die Freiheit und Flexibilität der Arbeit von zu Hause genießen. Andere aber wiederum fühlen sich überarbeitet, unausgeschlafen und ausgebrannt. Für diejenigen, für die das Home Office eher eine Qual darstellt, scheint die Rückkehr ins Büro eine Erlösung. Die Rückkehr zur Arbeit ist nicht nur ein Weg, um aus der Isolation auszubrechen. Sie ist genauso ein Mittel, um Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben zu ziehen und den Stress des Hin- und Herpendelns zwischen häuslichen und beruflichen Verpflichtungen zu reduzieren.

„Die Pandemie hat dazu geführt, dass sich ein Großteil der US-amerikanischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer emotional sehr erschöpft fühlen“, so die Dozentin der Stanford Graduate School of Business, Leah Weiss, in einem Gespräch mit Business Insider. „In ein Büro zu gehen, kann für viele Menschen ein Weg sein, ihr Leben zurückzubekommen.“ So könnte die Möglichkeit der Rückkehr an den Arbeitsplatz für manche als potenzielles Heilmittel gegen Burnout erscheinen. Andere aber profitieren enorm von der Flexibilität, die das Arbeiten von zu Hause ermöglicht. Sie setzen sich eher dafür ein, nicht wieder fünf Tage pro Woche in einem Büro zu arbeiten.

Das Büro versetzt Mitarbeiter in einen Arbeitsmodus

In Bezug auf die Arbeit aus dem Home Office gibt es laut einer Studie, die im "Nordic Journal of Working Life Studies" veröffentlicht wurde, zwei grundlegende Typen von Menschen. Zum einen gibt es sogenannte Integratoren. Ihnen macht es nichts aus, wenn die Grenzen zwischen ihrem Berufs- und Privatleben verwischen. Sie kommen gut damit zurecht und fühlen sich dadurch nicht belastet. Zum anderen gibt es sogenannte Segmentierer. Sie bevorzugen klare Grenzen zwischen der Arbeitswelt und dem Privatleben.

Wohlgemerkt: Die Studie stammt aus dem Jahr 2014 – die besonderen Bedingungen der Pandemie spiegeln sich hier also nicht. Allerdings haben Segmentierer grundsätzlich Schwierigkeiten damit, von zu Hause aus zu arbeiten. Für viele baut sich insbesondere dann eine Spannung auf, wenn zwischen zwei Rollen permanent hin- und hergewechselt werden muss. Das erfordere sehr viel emotionale Kraft, erklärte Weiss. Neben ihrer Arbeit als Dozentin ist sie ebenfalls die Gründerin von Skylyte, einem Unternehmen, das sich auf Neurowissenschaften und Verhaltensänderungen spezialisiert hat.

Leah Weiss glaubt aber, dass in der Zeit der Pandemie nicht nur Segmentierer mit der Anpassung an die Arbeit aus dem Home Office zu kämpfen hatten. Auch Integratoren fiel es schwer. So erinnert sich. Weiss an ihre persönlichen Erfahrungen. Während eines Vortrages über Zoom mit 150 Personen kam es einmal dazu, dass ihr fünfjähriger Sohn plötzlich in den Raum kam und ihre Aufmerksamkeit verlangte. Die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer reagierten verständnisvoll, aber die Dozentin war ab diesen Zeitpunkt sehr abgelenkt. „So gerne ich auch eine aufmerksame Mutter zu jeglichem Zeitpunkt sein würde, war es sehr schwer, in diesem Moment beides unter einen Hut zu bekommen“, erzählte sie.

Eltern litten im Lockdown stark unter Stress, Angst und Burnout

Tatsächlich ließ sich feststellen, dass Eltern von Kindern im Kleinkindalter während der Pandemie unverhältnismäßig stark unter Stress, Angst und Burnout litten. „Viele Eltern mussten in der neuen Online-Umgebung nicht nur weiterhin ihren regulären Jobs nachgehen, sondern ebenso zu Lehrerinnen und Lehrer ihrer Kinder oder IT-Expertinnen und Experten bei Computerproblemen werden. Sie mussten die Freizeit und jegliche Aktivitäten ihrer Kinder gestalten, das eigene Heim putzen und für drei Mahlzeiten täglich sorgen“, sagte Debra Kawahara gegenüber Business Insider. Kawahara ist stellvertretende Dekanin an der California School of Professional Psychology an der Alliant International University.

Diese vielen Aufgaben und die daraus resultierende Überarbeitung, vielleicht auch Überforderung, könnte erklären, warum viele Berufstätige sich danach sehnen, wieder in einem Büro oder anderen Arbeitsplatz arbeiten zu gehen. „Ungefähr 63 Prozent der Menschen mit Kindern unter zwölf Jahren wollen zurück ins Büro. 51 Prozent der Eltern mit älteren Kindern und 38 Prozent derjenigen, die keine Kinder haben, geben an, wieder ins Büro gehen zu wollen“, so das Ergebnis einer Umfrage des Lebensversicherungsmaklers Haven Life, einer Abteilung der US-amerikanischen Versicherungsgesellschaft MassMutual.

Einige berufstätige Eltern sagen, dass der Weg zum und vom Büro ihnen die nötige Zeit gibt, sich mit ihrem Job zu beschäftigen, sich mental auf den Arbeitstag vorzubereiten und sich nach der Arbeit auch wieder von ihm zu lösen. Meir Sabbagh etwa wurde zu Beginn der Pandemie Vater. Sabbagh ist stellvertretender Geschäftsführer der in New York City ansässigen Branding-Firma, Haymaker. Er erzählte in einem Gespräch mit Business Insider, dass er zu Anfang sehr dankbar darüber war, dass er nach der Geburt seiner Tochter von zu Hause aus arbeiten konnte.

„Ich konnte viel mehr Zeit mit meiner Tochter verbringen, als es mir mit meinem Vaterschaftsurlaub möglich gewesen wäre“, erzählte er. Doch die Herausforderungen und Schwierigkeiten, ein Neugeborenes und die Arbeit parallel zu erledigen, wurden schnell deutlich. „Alles unter einen Hut zu bekommen, war alles andere als einfach. Ich versuchte, mich tagsüber um Familienangelegenheiten zu kümmern, doch dann wartete abends immer noch die ganze Arbeit auf mich, die ich zu erledigen hatte“, so Sabbagh. Für ihn stellte die Möglichkeit, wieder zwei Tage die Woche in das Büro zu gehen, seine Erlösung dar. „Der Weg zur Arbeit hilft dabei, mich mental auf die Arbeit einzustellen und mich in einen Arbeitsmodus zu versetzen“, sagte er.

Von der Möglichkeit dieses Wechselns in einen mentalen Arbeitsmodus erzählte auch der Leiter der Technologieabteilung von ConvertBinary, einem Softwareunternehmen, Brian Turner. Für ihn ist das Wechseln in den Arbeitsmodus und in den „Off-Modus“ essenziell, um produktiv arbeiten zu können. In den vergangenen 15 Monaten der Pandemie neigte er dazu, sich zu überarbeiten und seine Work-Life-Balance zu verlieren. Er hofft darauf, dass die Rückkehr ins Büro ihm dabei helfen wird, die Kontrolle über diese Balance wiederzuerlangen. „Einen Ort zu haben, an den ich gehen kann, sowie fest definierte Arbeitszeiten, wird mein Zuhause wieder zu einem Ort der Erholung und Entspannung machen. Und das Büro wird der Ort der Produktivität sein und mir dabei helfen, konzentriert zu arbeiten, wenn ich dort bin“, sagte er.

Das Büro als Ort, an den Mitarbeiter gerne kommen

Allgemein lässt sich sagen, dass das erzwungene Home Office-Experiment der Pandemie für viele Menschen ein großer Erfolg war. Es zeigte neue Wege zum Leben und Arbeiten auf. Viele Mitarbeiter blühten auf. Einige von ihnen wollen nicht dahin zurück, wie es vor der Pandemie war — zumindest nicht jeden Tag. Doch während das Home Office für einige eine positive Veränderung war, können andere Menschen es kaum erwarten, wieder ins Büro zurückzukehren. Für sie stellt das Büro den Rettungsring dar, der sie davon abhalten wird, in Überarbeitung und Stress zu ertrinken. Dennoch sagen Experten, dass Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber vorsichtig dabei sein sollten, die Vorteile der Rückkehr an den Arbeitsplatz im Büro zu bewerben.

Jen Fischer etwa wies darauf hin, dass selbst Mitarbeiter, die sich nach der Rückkehr in den Bürobetrieb sehnen, enttäuscht sein könnten. Jen Fisher ist „Chief Well-being Officer“ bei dem Dienstleistungsunternehmen für Wirtschaftsangelegenheiten Deloitte sowie Autorin des Buches „Work Better Together“. Sie ist für das Wohlbefinden der Angestellten in dem Unternehmen zuständig. „Ich glaube, wir vergessen das Schlechte und erinnern uns nur an das Gute“, sagte sie. „Der Bürobetrieb war vielerorts nicht perfekt und es wird auch in Zukunft keine Lösung für Burnout sein.“ Stattdessen empfiehlt und berät Fisher Führungskräfte, wie sie den Arbeitsplatz in Zukunft zu einem beliebten Ort für Mitarbeiter machen können. Der Arbeitsplatz sollte nicht nur ein Ort sein, an dem Aufgaben erledigt werden, sondern an dem sich Menschen wohlfühlen und wo sie gerne hinkommen. „Das Büro sollte ein Ort sein, der die Menschen anzieht, weil er ihnen irgendwie nützt. Menschen sollen sich untereinander austauschen, ihre Karrieren entwickeln und mit anderen Teams zusammenarbeiten.“

Wichtig sei darüber hinaus, dass Unternehmen ihre Mitarbeiter einbinden. So können sie bessere Arbeitstechniken und Arbeitsweisen für sich finden und etablieren. „Hier müssen vor allem die Führungskräfte mit gutem Beispiel vorangehen“, sagte sie. Eine ähnliche Meinung vertritt auch der leitende Arbeitsforscher des Meinungsforschungsinstituts Gallup, Jim Harter. In seinem Buch „Wellbeing at Work“ schreibt Harter, dass Managerinnen und Manager Arbeitspläne, Orte und Zeitpläne an ihre Angestellten anpassen sollten. „Sie müssen die Bedürfnisse der Organisation mit den Stärken ihrer Angestellten abwägen, wie und wo sie am besten funktionieren und in welcher Lebensphase sie sich befinden“, sagte er. „Es sollte einen klaren Rahmen dafür geben, was innerhalb eines Unternehmens möglich ist. Aber es muss zusätzlich individuell abgestimmt werden.“

Während Experten darüber nachdenken, wie das Arbeitsleben nach der Pandemie am besten aussehen könnte, träumt Wyatt Carney bereits davon, nicht mehr in seiner winzigen Büroecke zu hocken. Nachdem die Arbeit im Home Office für ihn ein Ende hat, will Carney die Schreibtischecke durch einen schönen Lesesessel oder ein elektronisches Schlagzeug ersetzen, erzählte er. „Das wäre doch cool.“

Dieser Artikel wurde von Julia Knopf aus dem Englischen übersetzt und editiert. Das Original lest ihr hier.

Anmerkung der Redaktion: Nicht alle von euch haben während der Pandemie im Home Office gearbeitet oder tun es noch – viele aber schon. Wir wollen wissen: Wie geht es euch beim Gedanken daran, bald wieder häufiger im Büro zu arbeiten? Fühlt ihr euch gut geschützt? Seid ihr bereit für die Interaktion mit Kolleginnen und Kollegen sowie den Vorgesetzten? Oder brennt ihr darauf, endlich mal wieder woanders als am heimischen Küchentisch zu arbeiten?

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