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„Plastikflaschen werden zu Unrecht verteufelt“

„In Deutschland haben wir das weltweit beste Pfand- und Rücknahmesystem.“ Foto: dpa

Umweltministerin Svenja Schulze ermuntert dazu, auf Leitungswasser umzusteigen. Der Chef des Mineralwasser-Verbands sieht darin einen Eingriff in den Wettbewerb.

Karl Tack ist Gesellschafter der Rhodius Mineralquellen. Und er vertritt an der Spitze des Verbands Deutscher Mineralbrunnen die rund 220 mittelständischen Mineralbrunnen in Deutschland. Er erklärt, dass PET-Flaschen umweltschonender als schwere Mehrwegflaschen aus Glas sein können. Doch wer Wasser von weither kaufe, tue seinem ökologischen Fußabdruck keinen Gefallen, mahnt der Verbandschef.

Er ist empört über den Aufruf von Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD), auf Leitungswasser umzusteigen. Das sei ein unzulässiger Eingriff in den Wettbewerb und fördere Großkonzerne, die Milliarden in das Geschäft mit Wassersprudlern investieren.

Lesen Sie hier das ganze Interview mit Karl Tack:

Herr Tack, die Mehrwegquote lag einmal bei 70 Prozent. Seitdem Pfand auf Einwegflaschen erhoben wird, ist diese auf rund 42 Prozent gesunken. Warum?
Die Einführung des Zwangspfands 2003 sollte die Mehrwegquote stützen, diese Rechnung ist definitiv nicht aufgegangen. Der Verbraucher kann heute guten Gewissens sagen: Ich habe Pfand bezahlt, bringe die Einwegflasche zurück. Die landet nicht auf einer Müllhalde, sondern wird recycelt und zur Herstellung neuer Flaschen verwandt. Deshalb ist die Mehrwegquote dramatisch eingebrochen.

Trotzdem gilt Mehrweg als umweltschonender. Stimmt das heute noch?
Das kann man heute nicht mehr so eindeutig sagen. Jede Verpackungsform hinterlässt je nach Transportweg und Material einen anderen ökologischen Fußabdruck. Im regionalen Umkreis sind Mehrweg-Flaschen aus Glas oder PET sicher sehr vorteilhaft. Schwere Glasflaschen mit Wasser über mehrere hundert Kilometer hin und her zu transportieren, ist ökologischer Unsinn. Da sind leichtere Einwegflaschen aus PET, die recycelt werden, umweltschonender.

Viele Deutsche schwören auf ausländische Markenwasser wie Perrier oder San Pellegrino.
Verbraucher sollten sich klar sein: Wer Wasser von weither kauft, tut seinem ökologischen Fußabdruck keinen Gefallen. Premium-Mineralwässer gibt es in einer Vielfalt gerade in Deutschland dank der geologisch unterschiedlichen Bedingungen. Nirgendwo sonst in Europa findet sich eine solche Anzahl unterschiedlich mineralisierter Mineralwässer.

Plastik wird immer mehr verteufelt. Ist der „Greta-Effekt“ nun auch in der Wasserbranche spürbar?
Es gibt tatsächlich aktuell einen deutlichen Trend zu Glas, weg von PET-Flaschen. Das liegt daran, dass Plastikflaschen derzeit zu Unrecht verteufelt werden.

Welche Vorurteile stimmen nicht?
Was uns Kopfzerbrechen bereitet, ist neben Greta Thunberg vor allem die Kampagne von Bundesumweltministerin Svenja Schulze. Sie hat die Vermüllung der Weltmeere in einen Zusammenhang gestellt mit Plastikflaschen der Deutschen Mineralbrunnen. Das ist absoluter Unsinn und deshalb auch unzulässig. Denn deutsche Mineralbrunnen tragen nicht zur Vermüllung der Weltmeere bei.

Was halten Sie dagegen?
In Deutschland haben wir das weltweit beste Pfand- und Rücknahmesystem. Wir haben einen geschlossenen Mehrweg-Kreislauf. Auch die Rücklauf- und Recyclingquoten von PET-Einweg-Wasserflaschen liegen bei fast 100 Prozent. PET-Flaschen von uns landen nicht in den Ozeanen. Zu Unrecht werden deutsche Mineralbrunnen in einen Topf geworfen mit der Gelben Tonne, wo längst nicht alle Verpackungen recycelt werden.

Ministerin Schulze hat auch dazu ermuntert, Leitungswasser zu trinken. Das sei gesund, preiswert und verpackungsfrei.
Das ist ein unzulässiger Eingriff der Ministerin in den Wettbewerb und die unternehmerische Freiheit. Außerdem vergleicht sie Äpfel mit Birnen. Wasser ist nicht gleich Wasser. Mineralwasser ist ein Naturprodukt und deshalb von Natur aus rein, es darf nicht chemisch aufbereitet werden. Bevor ein Mineralwasser zugelassen wird, hat es mehr als 200 verschiedene Kontrollen zu überstehen. Leitungswasser hingegen ist ein industriell aufbereitetes Wasser.

Was spricht denn gegen Leitungswasser?
Leitungswasser wird in der Regel mit diversen Chemikalien aufbereitet. Nur so wird Oberflächenwasser gesundheitlich unbedenklich. In vielen Regionen muss auch Chlor beigemischt werden.

Aber die Qualität hierzulande ist streng kontrolliert.
Das mag sein, aber die Wasserwerke übernehmen die Verantwortung nur bis zur Wasseruhr. Die letzten Meter bis zum Wasserhahn können die Qualität des Wassers maßgeblich beeinträchtigen. Steht Wasser mehrere Stunden in der Leitung, können sich Keime bilden. Das Wasser aus dem Hahn unterliegt keiner Qualitätskontrolle.

Aber auch in Mineralwasser hat die Stiftung Warentest Keime gefunden.
Das ist richtig. Aber die in stillen Mineralwässern gefundenen Keime sind von ihrer Art und ihrer geringen Anzahl her gesundheitlich völlig unbedenklich und liegen unter den gesetzlich festgelegten Grenzwerten.

Manch einer sorgt sich auch, dass Mikroplastik aus PET-Flaschen ins Wasser übergeht. Zu Recht?
Das Bundesamt für Risikobewertung sagt, dass in Flaschen nachgewiesenes Mikroplastik bisher keine erkennbaren Auswirkungen auf die Gesundheit hat. Allein durch das Einatmen in unserer natürlichen Umgebung nehmen wir mehr Mikroplastik auf als möglicherweise über Mineralwasser. Man sollte die Kirche also im Dorf lassen.

Zusammen mit Leitungswasser sind Wassersprudler mit Mineralzusätzen im Kommen. Ist Ihr Geschäft gefährdet?
Das ist schwer zu bewerten. Wenn ein Konzern wie PepsiCo für 3,2 Milliarden Dollar Sodastream kauft, erwartet der Konzern einen Return on Investment. Aufgesprudeltes Kranwasser ist allerdings nicht unbedingt preiswerter als Mineralwasser in Flaschen. Man muss ja die Geräte und Kartuschen kaufen. Es ärgert uns gewaltig, dass eine Ministerin internationale Großkonzerne zulasten der 220 deutschen und nahezu ausschließlich familiengeführten Mineralbrunnen so pusht.

Wird das Geschäft der deutschen Brunnen leiden?
Wir fürchten den Wettbewerb mit Leitungswasser nicht, aber die Kampagne der Umweltministerin wird sich negativ auf unser Geschäft auswirken. Uns hilft aber der Trend zu gesunden Naturprodukten – weg von zum Teil überzuckerten Lebensmittel. Und auch der Trend zu regionalen Produkten spielt uns in die Hände. Fast alle Mineralbrunnen hierzulande verkaufen nur in ihrer Region – mit kurzen Transportwegen.

Herr Tack, vielen Dank für das Interview.