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Ohne Trinkgeld keine Wohnung: Gastro-Mitarbeitende packen aus, wie viel sie wirklich verdienen

Vier Gastro-Mitarbeitende geben uns einen Einblick in ihren Job-Alltag - Copyright: Lisa Kempke
Vier Gastro-Mitarbeitende geben uns einen Einblick in ihren Job-Alltag - Copyright: Lisa Kempke

Wer während des Studiums etwas verdienen will, greift oft auf einen Aushilfsjob als Kellnerin oder Kellner zurück. So unter anderem eine Bekannte der ARD-Moderatorin Anja Reschke. Auf Twitter schrieb die Journalistin, es sei kein Wunder, dass niemand mehr in der Gastronomie arbeiten wolle. Der Grund: Selbst bei hohen Rechnungen, sie spricht von 7000 Euro für eine Geburtstagsfeier, habe ein Gast ihrer Bekannten kein Trinkgeld gegeben.

Daraufhin entbrannte eine Diskussion auf dem sozialen Netzwerk. Unter anderem der Gesundheitsminister Karl Lauterbach schaltete sich ein und schrieb: "Schon alleine wegen der dauernden Gefahr der Ansteckung mit dem Coronavirus ist es unverständlich, dass nicht großzügiger Trinkgeld bezahlt wird. Ausgenommen sind natürlich Ärmere."

Die Nutzerin Katharina Zacharias nahm nicht die Gäste, sondern die Arbeitgeber in die Pflicht: "I‘m sorry, aber als gelernte Köchin find ich Trinkgeld ist Subventionierung durch den Gast, weil keine vernünftigen Löhne gezahlt werden."

Business Insider hat bei zwei Kellnerinnen und einer Club-Angestellten nachgefragt. Wir wollten wissen, wie viel sie verdienen und welchen Anteil Trinkgeld an ihren Einkommen hat. Auch einen Wirt aus Berlin haben wir gefragt, wie er die Situation beurteilt. Business Insider hat ihre Geschichten in der Ich-Perspektive aufgeschrieben.

Barbesitzer: "Trinkgeld ist meiner Meinung nach unheimlich wichtig"

Peter ist Barbesitzer und würde seinen Mitarbeitern gern mehr bezahlen. - Copyright: Lisa Kempke
Peter ist Barbesitzer und würde seinen Mitarbeitern gern mehr bezahlen. - Copyright: Lisa Kempke

Mein Name ist Peter und seit 2017 betreibe ich die Bar Herr Lindemann. Die stark gestiegene Inflation schlägt derzeit auf meine Betriebskosten. Fast alles ist teurer geworden. Im März hatte ich deswegen schon einmal die Preise um zehn Prozent erhöht, aber mittlerweile sind mir die Kosten schon wieder davon gerannt. Außerdem habe ich die Gehälter meiner Angestellten angehoben: Von zehn auf elf Euro pro Stunde plus 25% Nachtzuschlag. Dadurch kommen sie auf ungefähr 13€, schließlich sind auch ihre Ausgaben gestiegen. Ich finde, Kellnerinnen und Kellner sollten sogar noch mehr verdienen! Ich würde meinen Leuten gerne 18 Euro pro Stunde zahlen, weil sie es verdienen. Dann würde aber auch der Gin Tonic zwölf anstatt sieben Euro kosten. Trinkgeld ist meiner Meinung nach unheimlich wichtig, weil es Teil unserer Gastrokultur ist. Damit können Gäste die Arbeit der Kellner*innen wertschätzen – oder eben nicht. Wenn ich ausgehe und jemand einen spitzen Job macht, gebe ich auch gerne mal 20 Prozent Trinkgeld. Fühle ich mich unwohl, gibts dementsprechend weniger.

1300 Euro Trinkgeld, nur 850 Euro Gehalt

Linh arbeitet als Kellnerin und ist auf das Trinkgeld angewiesen. - Copyright: Lisa Kempke
Linh arbeitet als Kellnerin und ist auf das Trinkgeld angewiesen. - Copyright: Lisa Kempke

Ich bin Linh und arbeite seit zehn Jahren in der Gastronomie, seit drei Jahren in einem schicken Berliner Restaurant. Hier bin ich vier Tage die Woche im Service. Mein Arbeitgeber zahlt mir den Mindestlohn, rund zehn Euro pro Stunde. Am Ende des Monats kommen circa 850 Euro dabei rum. Das ist nicht besonders viel, allerdings kann ich das geringe Fixgehalt gut mit Trinkgeld auffangen – denn das fällt üppig aus. 1300 Euro verdiene ich im Monat mit Trinkgeld dazu. Vor der Corona-Pandemie waren es allerdings noch bis zu 2000 Euro. Erst vor kurzem zog ich in eine neue Wohnung, die ich mir nur mit dem Trinkgeld leisten kann. Würde es wegfallen, müsste ich mir einen zweiten Job suchen. Deswegen würde ich auch gern ein höheres Fixgehalt bekommen. Schließlich kann ich jederzeit wegen Krankheit ausfallen. Dann gäbe es weder Lohn noch Trinkgeld.

Trinkgeld als Anreiz für die Arbeit

Ariana arbeitet nebenbei in einem Club. - Copyright: Lisa Kempke
Ariana arbeitet nebenbei in einem Club. - Copyright: Lisa Kempke

Ich heiße Ariana und arbeite vier Tage die Woche als Tech-Recruiterin. Nebenbei bin ich noch einen Tag pro Woche in einem Club angestellt, wo ich an der Garderobe arbeite. Fixgehalt zahlen sie mir zwischen 350 bis 400 Euro, je nach dem, wie viele Stunden ich am Ende arbeite. 1,50 Euro kostet es, wenn Gäste eine Jacke abgeben. Da viele Menschen aufrunden, kommt einiges an Trinkgeld zusammen. Das variiert aber je nach Jahreszeit. Im Winter gehe ich an guten Tagen mit mehr als 100 Euro Trinkgeld nach Hause. Im Sommer sind es teilweise nur zehn Euro. Im Durchschnitt sind es ungefähr 50 Euro. Ich habe aber gemerkt, dass die Menschen weniger spendabel sind als vor der Corona-Pandemie. Persönlich bin ich – auch wegen meines Hauptjobs – nicht auf das Trinkgeld angewiesen. Dennoch ist es für mich ein Anreiz, überhaupt noch nebenbei zu arbeiten. Wenn ich mich anstrenge, bekomme ich mehr Geld. Wenn ich nicht so abliefere, ist es eben weniger.

An guten Tagen mit 50 Euro Trinkgeld nach Hause

Mariella hat 2021 bei ihren Eltern im Restaurant geholfen. - Copyright: Lisa Kempke
Mariella hat 2021 bei ihren Eltern im Restaurant geholfen. - Copyright: Lisa Kempke

Ich bin Mariella, 22 Jahre alt, und habe vor allem während der Corona-Pandemie gekellnert. Zu der Zeit studierte ich in Bayern, die Universität war wegen der Kontaktbeschränkungen aber remote und ich verbrachte viel Zeit in meiner Heimat. In Delmenhorst betreibt mein Vater seit 30 Jahren ein italienisches Restaurant, in dem ich an den Wochenenden im Service aushalf. Mein Vater und ich haben einmal vereinbart, dass ich 20 Euro pro Abend bekomme, weil ich noch zuhause wohne, oft habe ich aber mehr Geld erhalten.

Hinzu kam natürlich noch das Trinkgeld. Allerdings behielt ich nicht das Geld von dem Tisch, den ich bediente, sondern gab es in einen Topf. Am Ende des Abends teilte mein Vater das Geld unter den Bedienungen auf – jeder erhielt einen gleichgroßen Anteil. An guten Tagen, mit Hochzeiten oder ähnlichem, ging ich mit 50 Euro Trinkgeld nach Hause. An schlechten Tagen waren es meistens zehn. Für mich persönlich war das Trinkgeld immer ein netter Bonus, darauf angewiesen war ich nicht. Wäre ich aber ausgezogen und hätte in einer eigenen Wohnung gelebt, wäre ich ohne das Geld nicht ausgekommen. Wenn ich mich also entscheiden könnte, ob ich lieber mehr Festgehalt bekomme oder weiterhin beim Trinkgeld-System bleibe, würde ich mich für das Trinkgeld entscheiden. Auch, weil meinem Vater das Restaurant gehört und er mir unter anderem das Auto und den Mobilfunkvertag bezahlt.

60 Prozent der Betriebe suchen Fachkräfte

Die Bezahlung ist allerdings nicht das einzige Problem, das die Gastrobranche trifft. Nach mehreren Jahren, in denen Wirtinnen und Wirte von der Corona-Pandemie hart getroffen waren, geht es zwar jetzt wieder bergauf – zumindest was den Umsatz betrifft. Dafür fehlt es aber an Fachkräften. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband teilte auf unsere Anfrage mit, dass laut einer Umfrage des Verbands 60 Prozent der Betriebe Fachkräfte und Hilfskräfte in Voll- und Teilzeit suchten. Bei den Minijobbern sei der Bedarf noch höher.

Eine mögliche Lösung für die Lage in der Gastrobranche schlägt mit einem leichten Augenzwinkern dieser Nutzer vor. Und bis dahin kann es zumindest nicht schaden, ein großzügiges Trinkgeld zu geben ...