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Eine neue Einhorn-Generation – Wie Google kreativ bleibt

Demling, Alexander
·Lesedauer: 6 Min.

Der Newsletter „Zukunftslabor USA“ greift Trends, Tabubrüche, Ideen und Experimente aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten auf. Er zeigt, was diese für Deutschland und Europa bedeuten.

Ich melde mich aus San Francisco, aus dem Golden State Kalifornien, Heimat von Weltfirmen wie Apple, Google oder Facebook. Da dies mein erster Newsletter an Sie ist, stelle ich mich am besten erst mal vor: Ich bin seit Januar 2020 der Silicon-Valley-Korrespondent und berichte über die großen Tech-Konzerne und all die Zukunftsthemen, an denen Forscher hier arbeiten.

Das „Zukunftslabor USA“, in das wir Sie in diesem Newsletter mitnehmen wollen, hat natürlich viel mit autonomen Autos, Augmented Reality oder Feststoffbatterien zu tun, die Startups und Weltkonzerne hier in Kalifornien entwickeln.

Doch das Handelsblatt-US-Team behält in diesem Newsletter seinen breiten Blick auf die politischen und finanziellen Rahmenbedingungen, in denen diese Zukunft erfunden und gestaltet wird – in einer Zeit des IPO-Fiebers und wachsender Regulierung der Tech- Riesen sind die Themen ohnehin nur zusammen zu denken. Und das wollen wir hier tun.

Die Investorin Aileen Lee erfand einst den Begriff „Einhorn“ für Start-ups, die mit mindestens einer Milliarde Dollar bewertet sind und ihren Börsengang noch vor sich haben. Als Lee 2013 in einem Artikel für die Branchenseite Techcrunch erstmals von „Einhörnern“ sprach, war diese Gattung fast so selten wie das gehörnte Fabelwesen.

Das ist lange her – der Technologieboom und die lockere Geldpolitik der 2010er Jahre waren beste Bedingungen für Einhörner, um sich zu vermehren und die ganze Welt zu besiedeln. Alleine 14 Einhörner gibt es in Deutschland, bekannte Namen wie Flixbus, aber auch Insider- Tipps wie das Process-Mining-Startup Celonis. Ein Ex-Horn, das Gebrauchtwagenportal Auto1, hat gerade seine Metamorphose in einen Börsenkonzern erlebt.

Die Zeit ist vorbei, in denen Einhörner nur die Hügel und Felder zwischen San Francisco und San Jose bevölkerten. Zwar gibt es mit dem Finanzdienstleister Stripe (Investorenbewertung: 36 Milliarden Dollar), der Spiele-Plattform Roblox (29,5 Milliarden Dollar) oder der Datenanalyse-Plattform Databricks (28 Milliarden Dollar) hier noch immer die muskulöseren Exemplare in der Einhorn-Familie.

Doch etwas ist anders als in den 2010er Jahren, als Facebook heimische Netzwerke wie StudiVZ und Airbnb seine deutsche Kopie Wimdu zertrampelten.

„In einem großen Markt gibt es Raum für drei bis fünf Sieger“, sagt Nino Marakovic, Chef von Sapphire Ventures. Der gebürtige Kroate führt den Risikokapitalgeber, der vor allem in Start-ups investiert,– passend zu SAP, selbst Deutschlands größtes Ex-Horn und Sapphires Haupt-Geldgeber, von dem der Fonds ansonsten aber unabhängig agiert. Mit mehr als sechs Milliarden Dollar Anlagevolumen spielt Sapphire in der Bundesliga der Silicon-Valley- Investoren.

Marakovic sieht drei Gründe, warum deutsche Start-ups heute bessere Chancen haben, mit ihren US-Konkurrenten mitzuhalten und echte digitale Champions mit Milliardenbewertung zu bauen:

  • Mehr Nischen: Die Netzwerkeffekte und „Winner-Take-All“-Dynamik, die Facebook und Airbnb ihre Kategorie dominieren ließen, seien bei Start-ups, die sich an Unternehmenskunden richten, weniger stark ausgeprägt. „Es gibt mehr Nischen“, sagt Marakovic. Zwar dominieren die Cloud-Konzerne Amazon, Microsoft das Fundament des industriellen Internet, aber Start-ups wie Personio können mit Anwendungen für diese Cloud immer noch große Unternehmen errichten.

  • Offenere Kunden: Europäische Großunternehmen würden sich mehr und mehr für Lösungen öffnen, die in einem Start-up entwickelt wurden. Hieß es früher „Nobody gets fired for buying IBM“ darf heute ein relativer Neuling wie Celonis sensible Geschäftsprozesse in Dax-Konzernen analysieren.

  • Mehr Erfahrung: Das Start-up-Ökosystem in Europa sei in dieser Generation ausgeprägter: Früher hätten Unternehmer schneller verkauft und seien mit ihren Millionen nach Ibiza gezogen. Nun gäben sie als Angel-Investoren Geld und Erfahrung weiter. „Sie stärken Unternehmern den Rücken, traumhafte Geldsummen abzulehnen und weiter an ihrem Traum zu arbeiten“, sagt Marakovic.

Die Schlussfolgerung für Sapphire: Erst im Januar hat die Firma ein Büro in London eröffnet und will es bis Ende 2021 auf zehn Mitarbeiter ausbauen.

Die künftigen Mega-Börsengänge werden aber trotzdem weiterhin aus den USA kommen: Airbnb, der Star des vergangenen Jahres, bringt es inzwischen auf 129 Milliarden Dollar Bewertung. Das angesprochene Stripe soll laut Bloomberg mit Investoren über eine Finanzspritze verhandeln, die das Unternehmen mit 100 Milliarden Dollar bewerten würde. Davon sind selbst die größten Einhörner Deutschlands weit entfernt.

Weiter geht es mit Frederick Pferdt. Der gebürtige Ravensburger ist Googles Chief Innovation Evangelist. Sein Job ist es, in Gesprächen und Workshops bei dem Billionenkonzern Denkbarrieren aufzulösen und den Suchmaschinenriesen innovativ zu halten, auch in einer Zeit, in der Labore und die bunten, gemütlichen Google-Bueros in Mountain View geschlossen sind.

Frage der Woche

Wie bleibt Google in der Pandemie innovativ?

Die Antwort kommt von Frederick Pferdt, Googles Chief Innovation Evangelist

Pferdt schlägt vor, die Krise zur Gelegenheit zu „reframen“: „Nicht: Du musst nicht von zuhause arbeiten. Sondern: Du kannst von überall arbeiten“, sagt der Schwabe. Kreativität sei eine Frage der Denkhaltung, die trainiert werden muss. „Wenn wir uns nur auf das Problem fokussieren und in Angst erstarren, entstehen keine Lösungen“, sagt der promovierte Betriebswirt. Auch Routine, das Gehirn auf Autopilot, sei ein Feind neuer Gedanken. Die Krise zwinge uns, den Autopiloten auszuschalten: „Wenn wir uns nur auf das Problem fokussieren und in Angst erstarren, entstehen keine Lösungen.“

Damit der Arbeitstag nicht zu einer Suppe endloser Video-Konferenzen verschwimmt, strukturiert Pferdt sie mit Ritualen, die er konsequent einhält – etwa eine fünfminütige gemeinsame Atemübung zu Beginn oder ein Reflektionsgespräch zum Ende. Ein paar Minuten über eine Frage zu sprechen, die nicht direkt mit dem Meeting zu tun hat, könne helfen, Empathie für die Situation der Kollegen aufzubauen – für die Eltern, die nun nebenbei Kinder unterrichten oder einen Praktikanten, der noch nie ein anderes Teammitglied persönlich getroffen hat.

Kurz & Bündig

  • Bill Gates will zwei Milliarden Dollar in den Klimaschutz investieren – und setzt auch auf umstrittene Technologien: Der Microsoft-Gründer zieht eine ernüchternde Bilanz. Nur durch Kernkraft und mehr Innovation lasse sich der Klimawandel stoppen.

  • So will US-Präsident Biden die Trump-Ära hinter sich lassen: Nach dem gescheiterten Amtsenthebungsverfahren ist der Weg für Bidens Agenda frei. Seine zentralen Projekte: Impfungen, Aufschwung – und die Verbesserung des transatlantischen Verhältnisses.

  • Der Deutschland-Start von Elon Musks Satelliten-Internet Starlink verzögert sich: Die Tochterfirma von Elon Musks SpaceX wird wohl erst Mitte bis Ende 2021 Internet per Satellit nach Deutschland bringen – zu einem happigen Preis.

Beta-Ebene

Was folgt auf das Internet?

Wenn Sie Computerspiele immer noch für Kinderkram halten, verpassen Sie vielleicht die Evolution des Internet in etwas völlig Neues: das sogenannte Metaverse – zu deutsch wohl Metaversum – das im Silicon Valley schon zum Buzzword geworden ist.

Es beschreibt eine immersive Welt, in der Menschen sich als Avatar bewegen, Erfahrungen ähnlich der realen Welt machen und dafür bezahlen Der erste Schritt ins Metaversum sind offene Spielewelten wie Fortnite oder Roblox, in der Künstler wie Travis Scott oder Marshmello Konzerte veranstalten.

Der Investor Matthew Ball ist einer der Vordenker, was dieses neue, tiefere Internet kulturell und wirtschaftlich bedeutet. Dieser Podcast, den ich am Wochenende gehört habe, bietet einen guten Einstieg ins Thema. Auch in Balls langen, aber immer lohnende Essays kann man sich dem Thema nähern.