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Millionenschwere Übernahmen und dubiose Partner: Wirecards Geschäft mit überteuerten Zukäufen

·Lesedauer: 7 Min.

Nach der Pleite des Zahlungsdienstleisters zeigt sich: Viele Zukäufe bringen kaum Geld. Auch die Rechtsberater der Deals stehen in einem schlechten Licht da.

Nicht einmal 20 Leute arbeiteten im Mai 1999 für die kleine Spezialfirma aus dem Münchener Speckgürtel, aus der einmal ein Dax-Konzern mit Weltgeltung werden sollte – zumindest wenn es nach den Ambitionen des Vorstands ging. 6343 Mitarbeiter hatte Wirecard 2020, kurz vor dem Untergang.

Möglich machte den sagenhaften Aufstieg die überragende Technik des Zahlungsdienstleisters, so erzählte es jedenfalls Vorstandschef Markus Braun. Die Realität war eine andere: Vor allem Übernahmen und Neugründungen von Firmen befeuerten Wirecards Wachstumsstory, wie heute immer deutlicher wird. Sie führten letztlich mit zum Untergang.

Nach dem Auffliegen des Bilanzskandals ist klar: Viele Zukäufe haben keine oder nur wenig Substanz. Insolvenzverwalter Michael Jaffé hat größte Mühe, Teile des weitverzweigten Firmengeflechts zu verwerten. Dabei erfolgten einige Zukäufe oft erst vor wenigen Jahren und teils zu horrenden Preisen.

Recherchen des Handelsblatts zeigen, dass die meisten Akquisitionen Wirecards, vor allem im asiatischen Raum, den optimistischen Gewinnprognosen des Unternehmens nie gerecht wurden. Die zahlreichen Tochterunternehmen erwirtschafteten etwa 2018 Gewinne im niedrigen einstelligen Millionenbereich, wenn überhaupt. Eine der bekanntesten und fragwürdigsten Übernahmen, GI Technology als Teil eines 340 Millionen schweren Indiendeals, machte rund 600.000 Euro Verlust.

In schlechtem Licht stehen auch die Anwaltskanzleien da, die Wirecard bei seinen Deals begleiteten. Besonders auffällig ist, dass vor allem die Kanzleien Baker Tilly und Osborne Clarke immer wieder als Berater an Bord waren. Zu den vornehmsten Aufgaben der Kanzleien gehört die Due Diligence, also die Prüfung des Kaufobjekts in rechtlicher, steuerlicher und finanzieller Hinsicht.

Bekannte Probleme bei Übernahmen

Baker Tilly legte Wert auf die Feststellung, dass ein bei M & A-Transaktionen ermittelter Kaufpreis üblicherweise das Ergebnis von Verhandlungen zwischen Verkäufer und Käufer ist. „Die Höhe eines Kaufpreises ist in der Regel nicht Gegenstand einer Financial oder Tax Due Diligence“, sagte ein Kanzleisprecher. Zu den inhaltlichen Details einzelner Beratungsmandate dürfe man keine Auskunft geben. Ein Anwalt von Osborne Clarke sagte, allein für die rechtliche Prüfung der Übernahmen zuständig gewesen zu sein.

Jüngstes Beispiel für die fragwürdige Bewertung von Unternehmen, bei dem Baker Tilly involviert war, ist die Akquisition der chinesischen Allscore Payments Services im November 2019. Für den Deal soll sich sogar Kanzlerin Angela Merkel eingesetzt haben, als sie Ende 2019 in China unterwegs war. In dieser Sache lobbyierte Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg.

Das bis dahin wenig bekannte Unternehmen war laut chinesischen Medien in Gerichtsprozesse verwickelt, weil es Schulden nicht beglichen hatte. Im Mai 2020 verhängte die chinesische Zentralbank gegen Allscore Payments zudem wegen 16 Fällen „illegaler Aktivitäten“ ein Bußgeld von umgerechnet 14 Millionen Euro.

Unter anderem ging es dabei um die Nichteinhaltung von Auflagen und die Zusammenarbeit mit illegalen Online-Plattformen. Die Probleme des Unternehmens waren bereits bekannt, als Wirecard den Kaufvertrag schloss, dennoch sollten etwa 100 Millionen Euro für die Akquisition fließen.

Wie das Handelsblatt aus Konzernkreisen erfahren hat, wurde der Kauf jedoch bis auf den Erwerb eines kleinen Anteils am Pekinger Anbieter nie abgeschlossen. Bei der Unterschrift des Deals hielt Wirecard demnach knapp zehn Prozent an Allscore. Im Anschluss habe der Konzern den Rest übernehmen wollen – dazu sei es aber nicht mehr gekommen. Der Aufsichtsrat um den neuen Chefkontrolleur Thomas Eichelmann soll auf eine genauere Prüfung gedrängt haben, ob die erworbenen chinesischen Lizenzen werthaltig und langfristig gültig sind.

Seit den 2000er-Jahren hat Wirecard sich eine Vielzahl kleinerer Unternehmen und Kundenportfolios einverleibt, 14 Übernahmen zeigte der Konzern allein zwischen 2011 und 2016 offiziell an. Bis Ende 2019 gab es noch mindestens drei weitere Deals. Auf der Website des Finanznachrichtendienstes DGAP hat Wirecard insgesamt 17 Akquisitionen bekanntgegeben.

Rechnet man ein, dass der Finanzdienstleister nicht alle Kaufpreisvereinbarungen transparent machte, geht es mindestens um eine Summe von mehr als einer Milliarde Euro, die vor allem in der ersten großen Expansionsphase von 2011 bis 2015 in den Zukauf von Unternehmen floss. Wirecard hatte 2017 eine M & A-Pause angekündigt, um sich „auf organisches Wachstum zu konzentrieren“.

Die größte Diskrepanz zwischen Wirecards Bewertung und dem eigentlich zu erwartenden Preis eines Unternehmens zeigte sich bei einer Akquisition Wirecards in Indien im Jahr 2015. Es handelte sich um die Firmen Hermes i Tickets, GI Retail und Star Global. Wesentliches Geschäftsmodell: der Verkauf von Bahntickets an indischen Kiosken. Der langjährige Wirecard-Chef Markus Braun verkündete damals stolz, man habe einen der führenden Zahlungsabwickler der Region erworben.

Wirecard ließ sich den Zukauf 315 Millionen Euro kosten. Das Erstaunliche: Genau diese Firmengruppe war kurz zuvor für einen weit geringeren Preis verkauft worden, nämlich für 35 Millionen Euro. Erwerber war ein auf Mauritius ansässiger Fonds mit dem Namen „Emerging Markets Investments Fond 1A“ (EMIF1A), Verkäufer zwei indische Geschäftsleute. Der Fonds war erst am 10. Februar 2015 gegründet worden.

Die Differenz von 280 Millionen Euro kam EMIF1A zugute. Der Fonds ist heute im Fokus von Ermittlern und steht unter Verdacht, an sogenanntem Roundtripping, also Geschäften zur Umsatzaufblähung mit Wirecard beteiligt gewesen zu sein. Der Grund: EMIF1A besaß eine weitere indische Firma, die nach der Akquisition Aufträge an eine neue Wirecard-Tochter namens Hermes II Tickets vergab.

Wer hinter EMIF1A auf Mauritius steckt, ist bis heute unbekannt und interessiert unter anderem die Staatsanwaltschaft. Ex-Finanzchef Jan Marsalek hatte bei einem Treffen mit dem Handelsblatt Anfang 2020 behauptet, man habe 2015 nicht abgeklärt, wer hinter dem Fonds stecke: Das sei ein „schwerer Fehler“ gewesen. Im Raum steht der Verdacht, Wirecard-Insider könnten am Fonds beteiligt gewesen sein.

Weitere Akquisitionen der Unternehmen PT Aprisma Indonesia sowie von Trans Infotech und Systems@Work in Singapur scheinen ebenfalls in ein Muster zu passen. Alle drei Unternehmen waren vor der Übernahme in einem problematischen Zustand oder machten Verluste. Trotzdem leistete Wirecard unkonventionelle Zahlungen im Voraus und willigte ein, einen hohen Kaufpreis zu zahlen.

Nicht nur dubiose Deals

Für Aprisma leistete Wirecard eine Anzahlung von 26 Millionen Euro, lange vor Abschluss des Deals im Jahr 2013. Das Unternehmen taucht in einem Bericht der Kanzlei Rajah & Tann aus Singapur auf, die dort im Auftrag Wirecards gefälschte Konten und Transaktionen in der Asienzentrale des Konzerns aufdeckte.

2015 machte sich der auf asiatische Märkte spezialisierte amerikanische Shortseller- und Finanzrecherchedienstleister JCap auf die Suche nach den Standorten der Wirecard-Töchter in Asien. Der damals hochumstrittene Report, der in Teilen auf einer fehlerhaften Finanzanalyse aufbaut, beschreibt die nachvollziehbare Businessaktivität von Trans Infotech als minimal.

Jcap berichet, in einem für mindestens 50 Personen konzipierten Büro in Ho Chi Min City nur fünf Angestellte vorgefunden zu haben. Andere Adressen führten ins Leere. Die Adresse von Systems@Work in Malaysia war laut Bericht nicht mehr aktuell und beherbergte inzwischen ein anderes Unternehmen.

Klar ist: Es gab nicht nur dubiose Deals. So übernahm Wirecard 2017 etwa ein Portfolio an Kartenakzeptanzstellen für 20.000 ostasiatische Einzelhändler von der US-Großbank Citi. 2016 kaufte der Konzern das US-Geschäft mit Prepaidkarten namens Citi Prepaid Card Services. Bereits 2011 übernahm Wirecard das Geschäft mit 1,5 Millionen Prepaidkarten der britischen Genossenschaftsbank Newcastle Building Society, aus dem die Wirecard Card Solutions hervorging.

All diese Übernehmen gelten als werthaltig. Die britische Tochter wurde im Zuge der Insolvenz bereits an die Railsbank verkauft und macht weiterhin Geschäft. Auch die US-Tochter gilt als profitabler Übernahmekandidat, der über Jahre hinweg vergleichsweise unabhängig von der Aschheimer Zentrale geführt wurde.

Offenbar gab es bei Wirecard also zwei verschiedene Formen der Expansion. Welcher Zukauf in welche Kategorie fällt – dubios oder vielversprechend –, dürfte sich auch am Kaufinteresse möglicher Investoren zeigen. Die Insolvenzverwalter und Ermittler haben jedenfalls noch viel Arbeit vor sich.