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Milliardengewinn in der Coronakrise: Porsche ist Europas Ertragskönig

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Im ersten Halbjahr 2020 hat kein europäischer Autohersteller so viel Gewinn gemacht wie Porsche. Nur im weltweiten Vergleich muss sich der Sportwagenbauer geschlagen geben.

Montage des elektrischen Porsche-Modells Taycan: Die Stuttgarter VW-Tochter profitiert von neuen Modellen. Foto: dpa
Montage des elektrischen Porsche-Modells Taycan: Die Stuttgarter VW-Tochter profitiert von neuen Modellen. Foto: dpa

Der März hat allen europäischen Automobilherstellern einen Schockmoment beschert. Weil die Corona-Fallzahlen in die Höhe schnellten, sahen fast alle Staaten Europas den einzigen Ausweg in einem zügigen Lockdown – was zugleich auch völligen Stillstand für die Automobilindustrie bedeutete. Im März hatte niemand in der Branche Erfahrungen damit, was eine solch weitreichende Zwangspause an Konsequenzen nach sich ziehen würde.
Die finanziellen Auswirkungen der Corona-Zwangspause sind nicht so schnell wieder aufholbar. Produktions- und Verkaufsstopp haben bei den meisten Autoherstellern im zweiten Quartal für rote Zahlen gesorgt. Die gewohnten Ertrags- und Renditekennziffern lassen sich bis Jahresende nicht mehr erreichen.

Es gibt allerdings eine Ausnahme: Der Stuttgarter Sportwagenhersteller Porsche kommt trotz Corona im ersten Halbjahr auf einen Milliardengewinn. Ein operatives Ergebnis von 1,23 Milliarden Euro steht für die Monate von Januar bis Juni in den Büchern. Porsche verfehlt damit zwar das selbst gesteckte Ziel von 15 Prozent Umsatzrendite, liegt mit fast zehn Prozent allerdings noch immer vergleichsweise gut. Mit diesem Ergebnis ist Porsche der am besten verdienende europäische Autohersteller.

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Porsche hat damit die Reihenfolge unter den europäischen Autoherstellern auf den Kopf gestellt: In normalen Zeiten stehen Unternehmen wie BMW, Audi oder der französische PSA-Konzern in einem Halbjahr mit Milliardenerträgen an der Spitze in Europa. Doch in den ersten sechs Monaten des Jahres 2020 haben nur die Franzosen noch die Gewinnzone erreicht, die meisten anderen schrieben dagegen rote Zahlen.

Porsche-Chef Blume: „Wir managen die Coronakrise systematisch“

In der Stuttgarter Porsche-Zentrale wird der Spitzenplatz unter Europas Autoherstellern mit stillem Stolz betrachtet. „Das hat es noch nie gegeben“, sagt ein Porsche-Insider. „Wahrscheinlich ist das eine einmalige Momentaufnahme.“ Dass der Sportwagenhersteller profitabler ist als die Konkurrenz, sei allerdings nicht nur auf das Coronavirus zurückzuführen, heißt es ergänzend in Stuttgart-Zuffenhausen. Auch eigene Anstrengungen des Unternehmens hätten daran maßgeblichen Anteil.

„Porsche ist sehr margenstark“, erläutert Frank Schwope, Automobilanalyst bei der NordLB in Hannover. Der VW-Konzern könne froh sein, dass es diesen Ergebnisträger in der gesamten Gruppe gebe. Gut situierte Porsche-Kunden seien weniger krisenanfällig als andere Autokäufer. Auch Premiummarken wie Audi und BMW seien immer stärker ins Massengeschäft abgerutscht und hätten deshalb in Coronazeiten rote Zahlen geschrieben.

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„Wir managen die Coronakrise systematisch und verantwortungsvoll, verstehen sie gleichsam als Chance“, sagt Porsche-Vorstandschef Oliver Blume. Dem Unternehmen sei es gelungen, auch in Krisenzeiten neue Modelle rechtzeitig auf den Markt zu bringen. Dazu zählt Blume an erster Stelle den Taycan, das erste reine Elektromodell der Stuttgarter Volkswagen-Tochter.

Ohne zusätzliche Mühen in den Krisenmonaten des Corona-Lockdowns hätte Porsche im ersten Halbjahr keine fast zehnprozentige Umsatzrendite erwirtschaftet. Mit einem neuen Spar- und Ergebnisprogramm hat der Sportwagenhersteller die Kosten und damit auch die Gewinnschwelle gesenkt.

Vorstandschef Blume nennt zwar keine Zahlen, aber immerhin sagt er dazu: „Jeder Euro an möglichen Ausgaben wurde hinterfragt: Brauchen wir das wirklich?“ Damit habe Porsche seine Liquiditätsposition gestärkt. Außerdem profitiere das Unternehmen von seinen guten vorangegangenen Jahren.

Zulasten der eigenen Beschäftigten sollen die zusätzlichen Sparanstrengungen nicht gehen, verspricht Porsche. Auch in Zeiten der Coronakrise werde die Mitarbeiterzahl konstant gehalten. Abstriche bei der Modellplanung seien ebenfalls nicht angedacht, das Unternehmen halte an seinem ursprünglichen Fahrzeugprogramm fest.

Porsche gehörte zu den wenigen Autoherstellern, bei denen recht schnell wieder normal gearbeitet wurde. Bei vielen Wettbewerbern wird die Kurzarbeit erst nach den Sommerferien aufgehoben. Auch die volle Kapazitätsauslastung mit drei Schichten ist bislang selten wieder erreicht.

Verluste für Ford und GM, Toyota obenauf

Auch im weltweiten Branchenvergleich spielen die Stuttgarter in Coronazeiten plötzlich ganz weit vorn mit. Denn nicht nur in Europa haben die meisten Autohersteller während der ersten sechs Monate rote Zahlen geschrieben, weltweit leidet die Branche unter der Pandemie.

Das gilt besonders für die USA. General Motors (GM), Ford und Fiat-Chrysler haben durch die Bank im operativen Geschäft Verluste geschrieben. Durch Sondereffekte – wie etwa beim Beispiel Ford – fielen die finalen Konzernergebnisse am Ende etwas besser aus. Gerade in den Vereinigten Staaten ist das Autogeschäft schwierig geworden. Das regelmäßige Aufflackern der Corona-Pandemie sorgt dafür, dass der Autoabsatz schwankt.

Porsche schneidet also auch besser als die US-amerikanischen Autohersteller ab und wäre damit eigentlich auf gutem Wege, im ersten Halbjahr 2020 zum weltweit am besten verdienenden Automobilhersteller aufzusteigen. Doch es gibt ein Unternehmen, das der Stuttgarter Volkswagen-Tochter diesen Spitzenplatz streitig machen kann: Toyota.

Auch der größte japanische Automobilkonzern ist massiv von der Coronakrise betroffen. Weniger in Europa, wo Toyota jedes Jahr etwa eine Million Autos verkauft und wo der Konzern ein vergleichsweise kleiner Spieler ist. Toyota hat die Krise vor allem auf dem japanischen Heimatmarkt und in Nordamerika getroffen. In den USA und in Kanada ist Toyota der größte ausländische Autohersteller und produziert dort auch mit eigene Werken.

Toyota hat in den Monaten April bis Juni gerade einmal umgerechnet etwa 110 Millionen Euro im operativen Geschäft verdient, 98 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Damit steht der größte japanische Autohersteller nicht viel besser da als die meisten Konkurrenten. Da war sogar Porsche besser mit einem operativen Plus von 662 Millionen Euro.

In der Zeit von Januar bis März hat Toyota allerdings noch sehr gut verdient – in den Büchern steht ein operatives Plus von umgerechnet knapp drei Milliarden Euro. Diese große Summe reicht aus, um zur Halbzeitbilanz des aktuellen Jahres am europäischen Branchenprimus Porsche vorbeizuziehen. Die Stuttgarter tragen es mit Fassung, auch mit dem Spitzenplatz in Europa sind sie hochzufrieden.

Aus Sicht von Porsche-Vorstandschef Blume ändert sich dadurch nicht viel. Sein Unternehmen müsse einfach nur darauf achten, sich immer wieder zu hinterfragen und sich permanent zu erneuern – wie etwa mit dem Elektromodell Taycan. Dann sei die Zukunft von Porsche gesichert. Geld für die Erneuerung steht ausreichend zur Verfügung. „In den nächsten fünf Jahren investieren wir 15 Milliarden Euro allein in neue Technologien“, verspricht Blume.

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