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Mit Milliarden in die Onkologie: So will Morphosys expandieren

Die Biotechfirma Morphosys will ihr neues Krebsmittels Tafasitamab vermarkten. Ein Deal mit dem US-Biopharma-Konzern Incyte soll dabei helfen.

Über einen finanziell lukrativen Deal mit dem amerikanischen Biopharma-Unternehmen Incyte Pharmaceuticals rüstet sich die Münchner Biotechfirma Morphosys für die Vermarktung ihres selbst entwickelten Krebsmittels Tafasitamab. Im Rahmen der Vereinbarung erhält Morphosys eine Vorauszahlung von 750 Millionen Dollar. Außerdem wird sich Incyte im Rahmen einer Kapitalerhöhung mit 150 Millionen Dollar an dem Münchner Biotechunternehmen beteiligen.

Alles in allem werden Morphosys damit gut 900 Millionen Dollar (rund 809 Millionen Euro) an Finanzmitteln zufließen. Die neuen Aktien, die Incyte übernimmt, werden dabei nach Angaben von Morphosys zu einem Aufpreis gegenüber dem bisherigen Börsenkurs ausgegeben.

Darüber hinaus kann das Münchner Unternehmen weitere erfolgsabhängige Zahlungen von bis zu 1,1 Milliarden Dollar, sowie Umsatzbeteiligungen in Höhe eines mittleren Zehner- bis mittleren Zwanziger-Prozentanteils vom Umsatz erhalten. Gemessen am potenziellen Gesamtvolumen ist die Allianz damit einer der größten Deals der deutschen Biotechbranche, gemessen an den Direktzahlungen sogar die mit Abstand größte Allianz dieser Art.

Morphosys-Chef Jean-Paul Kress bezeichnete die globale Partnerschaft mit Incyte als wichtigen Schritt, „um das volle Potenzial von Tafasitamab zu erschließen und unser Ziel zu erreichen, Tafasitamab schnell zu Patienten innerhalb und außerhalb der USA zu bringen.“

In den USA wollen Morphosys und Incyte das Medikament Tafasitamab gemeinsam vertreiben, wobei Morphosys die Vermarktungsstrategie bestimmt und den kompletten Umsatz mit dem Produkt verbuchen wird. Gewinne und Verluste aus dem Geschäft mit dem Krebsmittel in den USA wollen sich beide Firmen teilen. Außerhalb der USA erhält Incyte exklusive Vermarktungsrechte, wird dafür aber Lizenzgebühren an Morphosys zahlen.

Kress hat im vergangenen September als Nachfolger von Firmengründer Simon Moroney die Führung von Morphosys übernommen. Der Deal mit Incyte ist für den gebürtigen Franzosen nun die erste große Transaktion, mit der er dem Münchner Unternehmen seinen Stempel aufdrücken will. Ziel ist es, über die Allianz mit Incyte den Weg ins operative Pharmageschäft zu beschleunigen.

Tafasitamab soll den Weg ebnen

Die Börse reagierte zunächst positiv auf die Transaktion. Die Morphosys-Aktie legte im frühen Handel um rund zehn Prozent auf knapp 150 Euro zu, gab nachfolgend aber einen großen Teil der Kursgewinne wieder ab. Mit rund 4,3 Milliarden Euro Börsenwert ist Morphosys aktuell der drittschwerste Wert der deutschen Biotechbranche, nach der Mainzer Biontech und dem Diagnostik- und DNA-Spezialisten Qiagen.

Morphosys war in den 1990er Jahren als Technologielieferant für Pharmafirmen gestartet und entwickelte für diese so genannte Antikörper, eine spezielle, sehr vielseitige Klasse von Eiweißsubstanzen die als Arzneiwirkstoffe genutzt werden. Mehr als zwei Dutzend solcher Antikörper aus der Morphosys-Forschung werden inzwischen bei Pharmafirmen klinisch getestet.

Mit dem Schuppenflechtemittel Tremfya von Johnson & Johnson ist ein erstes Produkt aus der Morphosys-Plattform bereits am Markt. Allerdings erhalten die Münchner dafür nur Lizenzgebühren in Höhe eines einstelligen Anteils am Umsatz.

Seit eineinhalb Jahrzehnten konzentriert sich das Münchner Unternehmen zusätzlich zu diesen Pharma-Partnerschaften darauf, Wirkstoffkandidaten in eigener Regie zu Medikamenten zu entwickeln. Strategisches Ziel ist es, auf diese Weise selbst zu einem eigenständigen biopharmazeutischen Unternehmen heranzuwachsen. Tafasitamab ist das erste Produkt, das den Weg in diese Richtung ebnen könnte. Für den Vertrieb des Krebsmittels in den USA hat Morphosys inzwischen bereits eine eigene Vertriebsorganisation aufgebaut.

Ein guter Deal für beide Seiten

Tafasitamab ist ein Wirkstoff gegen so genannte B-Zell-Lymphome (eine spezielle Form von Blutkrebs) und das wichtigste Forschungsprodukt, das Morphosys bisher in eigener Regie entwickelt hat. Ende des Jahres hat das Unternehmen den Wirkstoff bei der US-Arzneimittelbehörde FDA eingereicht. Eine Zulassung in den USA könnte damit im Laufe des Jahres 2020 erfolgen. In Europa will Morphosys ebenfalls im Laufe des Jahres einen Zulassungsantrag einreichen.

Das Mittel soll zunächst vor allem bei Patienten mit B-Zell-Lymphomen eingesetzt werden, für die keine Stammzell-Transplantation mehr in Frage kommt. Darüber hinaus testet Morphosys das Mittel aber auch bei anderen Blutkrebsformen, so etwa gegen bestimmte Leukämien.

Incyte gehört mit 1,5 Milliarden Dollar Umsatz in den ersten neun Monaten 2019 und rund 16 Milliarden Dollar Börsenwert zu den mittelgroßen Vertretern der US-Biotechbranche. Das US-Unternehmen startete in den 1990er Jahren als Genomforschungsfirma, konzentrierte sich später aber auf die Entwicklung eigener Medikamente.

Im Bereich Blutkrebs ist Incyte bereits mit seinem eigenen Medikament Jakavi unterwegs, das weltweit inzwischen mehr als zwei Milliarden Dollar Umsatz erzielt. Das Geschäft außerhalb der USA wird dabei vom Vertriebspartner Novartis bestritten. Darüber hinaus hat Incyte von Takeda Vertriebsrechte an einem weiteren Blutkrebsmittel, dem Wirkstoff Iclusig, für Europa erworben.

Mehrere weitere potenzielle Medikamente befinden sich in klinischer Entwicklung. Über den Deal mit Morphosys kann Incyte sein Portfolio zusätzlich erweitern.