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Mehrere Tote und Verletzte nach Anschlag in Wien

·Lesedauer: 8 Min.

Nach Angaben der Polizei starben vier Passanten. Der mutmaßliche Täter sei erschossen worden. Das Innenministerium spricht von einem islamistischen Motiv.

Bewaffnete Polizisten patrouillieren am frühen Morgen auf einer abgesperrten Straße nach einem Schusswechsel im Stadtzentrum. Die Terrorattacke von Wien geht nach den Worten von Österreichs Innenminister Nehammer auf das Konto mindestens eines islamistischen Terroristen. Foto: dpa
Bewaffnete Polizisten patrouillieren am frühen Morgen auf einer abgesperrten Straße nach einem Schusswechsel im Stadtzentrum. Die Terrorattacke von Wien geht nach den Worten von Österreichs Innenminister Nehammer auf das Konto mindestens eines islamistischen Terroristen. Foto: dpa

Bei einem mutmaßlich islamistischen Terrorangriff in der Wiener Innenstadt sind am Montagabend mehrere Menschen getötet und verletzt worden. Die österreichische Polizei sprach am Dienstagmorgen von mindestens vier toten Passanten, zwei Frauen und zwei Männern. Dazu komme der von der Polizei erschossene Täter. 15 Menschen wurden mit Verletzungen in Krankenhäuser gebracht.

Nach Angaben des Gesundheitsverbunds der Stadt sind mindestens sieben Opfer in Lebensgefahr. Sie befänden sich „in kritischem, lebensbedrohlichem Zustand“, sagte eine Sprecherin des Klinikverbandes am Dienstagmorgen der österreichischen Nachrichtenagentur APA. Ein bei dem Anschlag verletzter Polizist befinde sich in „kritisch-stabilem“ Zustand.

Die Attacke geht nach den Worten von Österreichs Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) auf das Konto mindestens eines islamistischen Terroristen. Der Attentäter sei ein Sympathisant der Extremistenmiliz „Islamischer Staat“ gewesen, sagte Nehammer am Dienstagmorgen in Wien. Er sei unter anderem mit einem Sturmgewehr bewaffnet gewesen. Ein mutmaßlicher Sprengstoffgürtel habe sich als Attrappe herausgestellt.

Der Österreicher war 20 Jahre alt, hatte nordmazedonische Wurzeln und war einschlägig wegen Mitgliedschaft in einer terroristischer Vereinigung vorbestraft. Das teilte Österreichs Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) der Nachrichtenagentur APA am Dienstag mit.

Die Polizei in St. Pölten hat zwei Menschen festgenommen. Wie die Nachrichtenagentur APA am Dienstag unter Berufung auf einen Polizeisprecher berichtete, gab es in der niederösterreichischen Landeshauptstadt zudem zwei Hausdurchsuchungen. Der „Kurier“ berichtete am Dienstag auf seiner Website, es handele sich um Kontaktadressen des mutmaßlichen Attentäters.

Bei Hausdurchsuchungen „im Umfeld des Täters“ seien zudem mehrere Menschen festgenommen worden, teilte das Innenministerium weiter mit. Die Wohnung des Verdächtigen sei auf der Suche nach belastendem Material durchsucht worden. 1000 Beamte seien in Wien im Einsatz. „Wir können derzeit nicht ausschließen, dass es noch andere Täter gibt“, sagte Nehammer. Die entsprechenden Ermittlungen liefen auf Hochtouren.

Der Angriff hatte gegen 20.00 Uhr in einem Ausgehviertel begonnen, wo kurz vor Beginn neuer Corona-Ausgangssperren viele Menschen unterwegs waren. Dort befindet sich auch eine Synagoge.

Die Polizei hatte am Abend getwittert, dass mehrere Täter mit Langwaffen an dem Angriff beteiligt seien. Österreichs Ministerpräsident Sebastian Kurz kündigte auf Twitter an, das Heer werde ab sofort den Objektschutz in Wien übernehmen. Damit solle die Polizei sich ganz auf die Terrorismusbekämpfung konzentrieren können. Er sprach von einem „widerwärtigen Terroranschlag“.

Wiens Bürgermeisters Michael Ludwig sagte im ORF erklärte, dass bei dem Angriff „wahllos auf Personen in den Lokalen“ geschossen worden sei – vor allem auf jene, die draußen saßen.

Gegen 20 Uhr seien Schüsse „ausgehend vom Bereich Seitenstettengasse“ abgegeben worden. Einer Ministeriumssprecherin zufolge wurde bei dem Schusswechsel in der Nähe des Schwedenplatzes ein Polizeibeamter angeschossen und schwer verletzt.

Unklar, ob Synagoge Ziel war

Der Täter habe eine Langwaffe, eine Pistole und eine Machete bei sich geführt, sagt Ludwig dem Sender ORF. Es habe mindestens sechs Tatorte gegeben. Ganz in der Nähe von einem der Tatorte befindet sich eine Synagoge. Auf Videos, die der Privatsender „Oe24“ am Montagabend ausstrahlte, war ein maskierter Schütze zu sehen, der auf offener Straße zumindest zwei Schüsse abfeuerte. Ein anderes Video zeigte eine große Blutlache vor einem Restaurant.

Ob die nahe gelegene Synagoge Ziel des Angriffs war, lasse sich noch nicht bestätigen, sagte die Sprecherin. Der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, Oskar Deutsch, schrieb auf Twitter, es könne derzeit nicht gesagt werden, ob der Stadttempel eines der Ziele war. „Fest steht allerdings, dass sowohl die Synagoge in der Seitenstettengasse als auch das Bürogebäude an der selben Adresse zum Zeitpunkt der ersten Schüsse nicht mehr in Betrieb und geschlossen waren.“

Der Rabbi Schlomo Hofmeister sagte der Nachrichtenagentur AP, er habe mindestens eine Person gesehen, die Schüsse auf Menschen gefeuert habe, die in der Straße unter seinem Fenster draußen vor Bars gesessen hätten. Es habe sich um mindestens 100 Schüsse gehandelt. Er verwies auf die ab dem morgigen Dienstag geltenden Corona-Beschränkungen in Österreich: Den letzten Abend vor dem Lockdown hätten wohl noch viele Menschen nutzen wollen, um rauszugehen.

Google markiert Tatort mit Warnzeichen

Die Polizei rief die Bürger dazu auf, öffentliche Plätze zu meiden. „Wir sind mit allen möglichen Kräften im Einsatz. Bitte meiden Sie alle öffentlichen Plätze im Stadtgebiet“, hieß es bei Twitter. Zudem wurde darum gebeten, keine Videos oder Fotos hochzuladen. „KEINE Videos und Fotos in sozialen Medien posten, dies gefährdet sowohl Einsatzkräfte als auch Zivilbevölkerung!“

In der Wiener Innenstadt wurden nach Angaben der Polizei derzeit keine Haltestellen mehr vom öffentlichen Nahverkehr angefahren. „Bleiben Sie in Sicherheit, verlassen Sie öffentliche Orte umgehend“, twitterte die Polizei der österreichischen Hauptstadt am Montagabend.

Google markierte einen der Tatorte mit einem Warnzeichen markiert. Auf der Seitenstettengasse am Schwedenplatz wurde im Kartendienst von Google ein rotes Ausrufezeichen mit der Beschriftung „Wien – Vorfall“ angezeigt. Die Polizei hatte zuvor getwittert, dass genau dort gegen 20 Uhr Schüsse gefallen seien.

Im Gegensatz zu anderen europäischen Metropolen blieb Wien in den letzten Jahren von Anschlägen verschont. Die Stadt erlebte allerdings 1975 und 1981 zwei große Attentate mit mehreren Toten auf die Opec und auf die Stadtsynagoge in der Seitenstettengasse.

Solidaritätsbekundungen aus Europa und den USA

Bundeskanzlerin Angela Merkel äußert sich erschüttert über die Angriffe. „Ich bin in diesen schrecklichen Stunden, in denen Wien Ziel terroristischer Gewalt geworden ist, in Gedanken bei den Menschen dort und den Sicherheitskräften, die der Gefahr entgegentreten“, erklärt die Kanzlerin auf Twitter. „Wir Deutschen stehen in Anteilnahmen und Solidarität an der Seite unserer österreichischen Freunde“, schreibt die Kanzlerin weiter. „Der islamistische Terror ist unser gemeinsamer Feind. Der Kampf gegen diese Mörder und ihre Anstifter ist unser gemeinsamer Kampf.“

Bundesfinanzminister Olaf Scholz schrieb auf Twitter von „entsetzlichen Nachrichten“, Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier erklärte: „Der Terroranschlag von Wien erschüttert uns zutiefst.“ Der SPD-Vorsitzende Norbert Walter-Borjans sprach auf Twitter von „erschütternden Nachrichten“. „Was auch immer das Motiv und wer auch immer die Täter sein könnten. Solche Taten verdienen Ächtung, null Toleranz und die ganze Härte des Gesetzes.“ FDP-Chef Christian Lindner twitterte: „Unsere Gedanken sind in #Wien“. Der Bundesgeschäftsführer der Grünen, Michael Kellner, schrieb in einem Tweet: „Das ist einfach entsetzlich – mit den Gedanken in #Wien. Gemeinsam gegen Antisemitismus“.

„Wir, Franzosen, teilen den Schock und die Trauer von der Österreicher nach einer Angriff in Wien“, hieß es wörtlich bei Präsident Emmanuel Macrons Twitter-Account auf Deutsch. Macron habe Österreichs Kanzler Sebastian Kurz volle Solidarität und Unterstützung Frankreichs zugesagt und Hilfe angeboten, falls diese notwendig sei, hieß es aus Kreisen des Präsidentenpalasts in Paris. Frankreich war jüngst selbst von mehreren Anschlägen mit islamistischem Hintergrund betroffen.

Der britische Premierminister Boris Johnson zeigte sich auf Twitter entsetzt. An die Österreicher gerichtet schreibt er: „Wir stehen geeint mit Ihnen gegen den Terror.“ Der demokratische US-Präsidentschaftskandidat Joe Biden sprach von einem „schrecklichen Terrorangriff“ in Wien. „Wir müssen alle gegen Hass und Gewalt zusammenstehen“, sagte er. Der US-Nationale Sicherheitsberater Robert O'Brian erklärte zu dem Angriff: „Es gibt keine Rechtfertigung für derartigen Hass und Gewalt“.

Italiens Regierungschef Giuseppe Conte verurteilte den mutmaßlichen Anschlag ebenfalls. „In unserem gemeinsamen europäischen Haus darf kein Platz für Hass und Gewalt sein“, schrieb Conte auf Twitter. Italien stehe dem österreichischen Volk bei. Das Land denke an die Angehörigen der Opfer und der Verletzten. Ähnlich äußerte sich Roms Außenminister Luigi Di Maio. „Europa muss reagieren“, schrieb er.

EU-Ratspräsident Charles Michel verurteilte die mutmaßliche Terrorattacke als feigen Akt gegen das Leben und die menschlichen Werte „Meine Gedanken sind bei den Opfern und den Menschen in Wien nach dem schrecklichen Anschlag von heute Abend“, teilte Michel mit. Europa stehe an der Seite Österreichs. Ähnlich äußerten sich auch EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen, EU-Parlamentspräsident David Sassoli und der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell.

US-Präsident Donald Trump spricht auf Twitter seine Anteilnahme aus. „Unsere Gebete sind bei den Wienern nach einem weiteren abscheulichen Terrorakt in Europa. Diese bösen Angriffe gegen unschuldige Menschen müssen aufhören. Die USA stehen mit Österreich, Frankreich und ganz Europa im Kampf gegen Terroristen, einschließlich radikaler islamischer Terroristen.“

Auch UN-Generalsekretär António Guterres verurteilte den Terrorangriff. Er verfolge die Situation mit „äußerster Sorge“, sagte der UN-Chef laut Mitteilung in der Nacht zum Dienstag in New York. Der Familie des Opfers drückte Guterres sein Beileid aus, den Verletzten wünschte er eine rasche Genesung. Die Vereinten Nationen stünden an der Seite des österreichischen Volkes und seiner Regierung.

„Wir erleben gerade schwere Stunden in unserer Republik. Ich möchte allen Einsatzkräften danken, die insbesondere heute für unsere Sicherheit ihr Leben riskieren“, schrieb Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz. „Das ganze Land ist in Gedanken bei den Opfern, Verletzten und ihren Angehörigen, denen ich mein tiefes Mitgefühl ausdrücke.“ Kurz dankte auch der EU-Spitze und anderen Staatschefs, die nach dem Anschlag am Montagabend bereits ihr Mitgefühl ausgedrückt hatten.

Kurz sagte dem ORF, es sei noch unklar, ob das öffentliche Leben am Morgen normal wieder aufgenommen werden könne. Dies hänge von der Entwicklung in der Nacht ab. Ein antisemitischer Hintergrund könne angesichts des Tatorts nicht ausgeschlossen werden, sagte Kurz mit Blick auf den Ort der ersten Schüsse nahe einer Synagoge. „Wir können zu dem Hintergrund noch nicht wirklich etwas sagen.“ Die Schulpflicht ist der Regierung zufolge am Dienstag ausgesetzt.

Der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen sicherte den Opfern seinen Beistand zu. „Wir alle sind tief betroffen“, teilte das Staatsoberhaupt über Twitter mit. Gedanken und Mitgefühl seien bei den Opfern, Verletzten und deren Angehörigen, twitterte er. Der Bundespräsident betonte: „Wir werden unsere Freiheit und Demokratie gemeinsam und entschlossen mit allen gebotenen Mitteln verteidigen.“ Er stehe mit der Regierung im Austausch. Zugleich bedankte sich Van der Bellen für den Beistand anderer Staats- und Regierungschefs.

Die Polizei hat den 1. Bezirk in der Hauptstadt abgesperrt. Foto: dpa
Die Polizei hat den 1. Bezirk in der Hauptstadt abgesperrt. Foto: dpa