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"Manche verdienen sich da eine goldene Nase": Das Millionengeschäft mit Corona-Schnelltests

·Lesedauer: 4 Min.
Corona-Schnelltestzentrum auf Nordeney
Corona-Schnelltestzentrum auf Nordeney

Es gibt sie in jeder deutschen Stadt, in größeren fast an jeder Straßenecke: Seit dem Frühjahr übersähen Corona-Schnelltestzentren das Land. Über 15.000 Teststellen zählte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) Mitte April. Mittlerweile dürften es weit mehr sein.

Denn getestet wird nicht mehr nur in Apotheken oder durch Hilfsorganisationen wie die Johanniter oder das Deutsche Rote-Kreuz, sondern auch in Bars, in umgebauten Bussen, in Clubs, in Fitnessstudios, Spielhallen, Kirchen, Drogerien. Dazu muss man sich bei den zuständigen Behörden als Teststelle zertifizieren lassen. Große Anforderungen daran gibt es nicht. Man muss nur sicherstellen, dass notwendige Hygiene-Vorschriften eingehalten werden.

Eine Folge: Private Anbieter fluten den Testmarkt. Denn mit Corona-Schnelltests lässt sich schnell viel Geld verdienen. Und nach Recherchen von Business Insider ohne große Kontrollen.

Kosten für Corona-Schnelltests im ersten Halbjahr 2021: Über 700 Millionen Euro

Sechs Euro zahlt der Bund Anbietern pro sogenanntem Bürgertest, weitere zwölf für die Durchführung und Dokumentation. Wenn medizinisches Personal die Tests durchführt, sind es sogar 15 Euro. Pro Test können so bis zu 21 Euro zusammenkommen.

In Berlin, wo die wöchentliche Kapazität schon im März bei deutlich über einer halben Million Schnelltests lag, lässt sich entsprechend viel Geld verdienen. Wie die Kassenärztliche Vereinigung der Hauptstadt auf Anfrage von Business Insider mitteilte, wurden in der Hauptstadt in den vergangenen beiden Monaten 1,44 Millionen Schnelltests durch gut 450 registrierte Testzentren gemeldet. Im März wurden für deren Durchführung demnach 1,3 Millionen Euro, im April bereits rund 16,7 Millionen Euro ausgezahlt. "Darüber hinaus wurden für die selbst beschafften und vorausgelegten PoC-Antigen-Tests rund 8 Millionen Euro erstattet", teilte eine Sprecherin mit. Heißt: Allein im März und April wurden in Berlin mit Corona-Schnelltests insgesamt 26 Millionen Euro umgesetzt.

In Hamburg waren es laut Angaben der dortigen Kassenärztlichen Vereinigung (KV) im gleichen Zeitraum knapp über 15,5 Millionen Euro für Bürgertests. Die KV Niedersachsen meldet für den Zeitraum vom 8. März bis zum 3. Mai knapp 17,3 Millionen Euro; die KV Sachsen-Anhalt für das erste Halbjahr 2021 etwa 5,3 Millionen Euro.

Deutschlandweit steuert der Schnelltest-Markt mittlerweile auf einen Milliardenumsatz zu. Auf Anfrage von Business Insider teilt das Bundesamt für soziale Sicherung (BAS), über das die Schnelltests abgerechnet werden, mit, dass im ersten Halbjahr 2021 insgesamt fast 733 Millionen Euro vom Bund für das Bereitstellen und Durchführen von Schnelltests in Deutschland ausgezahlt wurden. Und das, obwohl die landesweiten Bürgertests seit noch nicht einmal drei Monaten zur Verfügung stehen.

Nicht alle der bisher beim BAS abgerechneten Tests entfallen auf die sogenannten Bürgertests, auch in Betrieben oder sozialen Einrichtungen durchgeführte Tests werden dazu gerechnet. Doch die gewaltige Auszahlungssumme zeigt, wie viel Geld für private Anbieter durch die Bürgertests zu holen ist.

Geringe Stückkosten, geringe Lohnkosten, keine Kontrollen

Vor allem, weil die Kosten für das Betreiben der Testzentren sich in Grenzen halten. Während die Deutsche Post für ihre betriebsinternen Testzentren nur Medizinstudenten einstellt und diese ab Juni mit einem Stundenlohn von über 20 Euro bezahlen will, finden sich bei Jobangeboten für private Testanbieter Stundenlöhne für ungelernte Mitarbeiter zwischen neun und 15 Euro. Das ist weniger Geld als ein einziger, in wenigen Minuten durchgeführter Schnelltest einbringt.

Viele Testzentren stellen gleich nur Minijobber auf 450 Eurobasis ein, um Kosten zu sparen. Hinzu kommt, dass die Corona-Schnelltests in der Beschaffung nur 2,50 bis 4,50 Euro pro Stück kosten — also deutlich weniger als die 6 Euro, die der Bund dafür bezahlt. Die Gewinnmargen im Schnelltest-Geschäft sind also hoch.

Ebenso sind die Hürden für das Geschäft — und für möglichen Betrug — niedrig. Zwar müssen Testanbieter die Nachweise über von ihnen durchgeführte Schnelltests laut der bundesweiten Corona-Testverordnung dokumentieren und bis zum 31. Dezember 2024 aufbewahren. Die an die Kassenärztlichen Landesvereinigungen geschickten Abrechnungen werden jedoch nicht durch diese kontrolliert — aus Datenschutzgründen.

"Da die Angaben, die die registrierten Anbieter von Bürgertests an die KV zu übermitteln haben, keinen Bezug zu den getesteten Personen aufweisen dürfen, ist es der KV weder gestattet noch faktisch möglich, vertiefte inhaltliche und qualitative Prüfungen vorzunehmen", heißt es dazu von einem Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern. Weitere KVen begründen ähnlich, dass sie keine Prüfungen der eingereichten Abrechnungen durchführen. "Wir haben keinen gesetzlichen Auftrag, die Richtigkeit der gemachten Angaben zu überprüfen", heißt es aus Hamburg.

Das bedeutet: In den vergangenen Monaten wurden Hunderte Millionen Euro Steuerzahlergeld an Testzentren für das Durchführen von Corona-Schnelltests ausgezahlt — ohne, dass genau kontrolliert worden wäre, wie viele Tests tatsächlich stattgefunden haben und ob medizinisches oder ungeschultes Personal sie durchgeführt hat. Das große Wachstum der Schnelltestbranche verwundert deshalb gerade diejenigen nicht, die für die Geldflüsse an die Testanbieter zuständig sind. Ein Mitarbeiter in einer Kassenärztlichen Vereinigung sagt Business Insider: "Manche verdienen sich gerade eine goldene Nase."