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Boni, Abfindungen, Pensionen: Krise wird zum Stresstest für Systematik von Manager-Bezügen

In der Coronakrise wird Verzicht erwartet – erst recht, wenn Konzerne Staatshilfe beanspruchen. Doch andere üppige Zahlungen lindern den Verlust für die Top-Manager.

Der Adidas-Vorstand hat sich für das laufende Jahr alle Boni gestrichen. Foto: dpa

Das Coronajahr wird zur Bewährungsprobe für die Funktionsfähigkeit der Managervergütung. Aktienkurse, Gewinne, Renditen und andere Erfolgskennziffern brechen ein. Und damit auch Erfolgsprämien der Manager.

Im Mittel kassierte ein Dax-Vorstandschef zuletzt 5,7 Millionen Euro, rund 700.000 Euro weniger als ein Jahr zuvor. Das zeigen Berechnungen des Vergütungsberaters Heinz Evers für das Handelsblatt. 2020 dürften die Bezüge allerdings massiv einbrechen. Vor allem, weil die Jahresziele in vielen Unternehmen wegen Produktionsstopps und Umsatzausfall nicht erreicht werden können.

Im vorauseilenden Gehorsam kündigen einige Vorstände freiwillig Gehaltsverzicht an. Adidas nennt es gar einen Teil seines „Liquiditätsmanagements“. Der Vorstand streicht sich selbst alle kurz- wie langfristigen Boni. Gemessen an 2019 dürften das um die 17 Millionen Euro sein. Oder 65 Prozent der potenziellen Gesamtbezüge in diesem Jahr, wie das Unternehmen selbst vorrechnet.

Für Deutschlands Konzerne werden die Boni zur Gratwanderung. Die Bundesregierung erwartet, dass Vorstände ihre Erfolgsvergütungen aussetzen, soweit sie Staatshilfe für ihre Unternehmen in Anspruch nehmen. Diese Bedingung gilt beispielsweise bei Direktbeteiligungen des Bundes aus dem Stabilisierungsfonds oder bei großen staatlich verbürgten Konsortialkrediten ab 500 Millionen Euro.

Aber auch aus dem politischen Umfeld werden Forderungen nach Mäßigung laut. „Es gibt die klare Erwartung der SPD-Bundestagsfraktion, dass Vorstände von Unternehmen, die staatliche Hilfen in Anspruch nehmen, während dieser Zeit keine Boni erhalten“, fordert Carsten Schneider, parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion.

Bei Adidas sind es immerhin 2,4 Milliarden Euro Kredit, die der Bund jetzt verbürgt. Auch andere etwa wie Tui, Leoni oder Lufthansa suchen die Hilfe des Staates. So radikal wie der Adidas-Vorstand um CEO Kasper Rorsted hat bislang allerdings noch kein Dax-Management Vergütungsverzicht geübt. Die meisten Führungskräfte begnügen sich mit der Ankündigung, einen Teil ihrer Bezüge nicht abzurufen.

So hatte Lufthansa als eines der ersten Unternehmen verkündet, 20 Prozent der Grundvergütung einzufrieren. Der Flugverkehr war schon frühzeitig zusammengebrochen, die Krise erfasste die Airline eher als Industriefirmen. Unternehmenschef Carsten Spohr hat allerdings offengelassen, wie lange der Verzicht andauern soll.

SAP-Chef Christian Klein will im laufenden Jahr ebenfalls auf einen Teil seines Fixgehalts verzichten und die entsprechende Summe von 220.000 Euro wohltätigen Zwecken spenden. Klein wolle ein Fünftel seines Fixgehalts in Höhe von 1,1 Millionen Euro abgeben, so ein Sprecher.

SAP sei der Ansicht, dass die Coronakrise mit ihren enormen Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft nicht die passende Zeit für steigende Managementgehälter sei, betonte der Konzern. Klein habe sich daher gleichfalls entschlossen, in seiner neuen Funktion als Vorstandssprecher in jedem Fall auf eine Gehaltsanpassung zu verzichten. Mit der Spende wolle er einen Beitrag zur Überwindung der Krise leisten.

Andere, wie Daimler-Chef Ola Källenius, wollen neun Monate auf ein Fünftel ihrer Grundvergütung verzichten. Deren Höhe kann allerdings nur geschätzt werden, weil Källenius den Autokonzern erst seit Juni 2019 führt. Sein Vorgänger Dieter Zetsche bekam mehr als zwei Millionen Euro.

Enorme Pensionslasten

So bleibt der freiwillige Verzicht häufig vorerst im Ungefähren. Das passt zum Gesamtbild der Managementvergütung. Der Gesetzgeber hat zwar Transparenz erzwungen. Und das schon seit dem Jahr 2004. Unternehmen müssen ihre Vergütungen detailliert offenlegen. Doch in ausufernden Vergütungsberichten werden nach wie vor üppige Leistungen zugunsten der Topmanager versteckt.

Anleger müssen sich Informationen oftmals mühsam zusammensuchen, um einen umfassenden Überblick über die finanzielle Fürsorge fürs Topmanagement zu bekommen. Das ist aber wichtig, denn spätestens ab dem kommenden Jahr sollen die Aktionäre nach dem reformierten Aktienrecht auf jeder Hauptversammlung über die Vergütung abstimmen.

Beispiel Pensionen. Die Rückstellungen dafür gehen teilweise in die Millionen, die Wirkungen sind aber schwer nachvollziehbar. Für Siemens-Chef Joe Kaeser beispielsweise beliefen sich die Versorgungsaufwendungen allein im Geschäftsjahr 2019 auf 1,2 Millionen Euro.

Mit Andreas Renschler (VW-Vorstand Nutzfahrzeuge) und den Konzernchefs Johannes Teyssen (Eon), Frank Appel (Post), Bernd Scheifele (Heidelberg Cement) und Werner Baumann (Bayer) gibt es mittlerweile fünf Dax-30-Vorstände, die mehr als 20 Millionen Euro auf ihrem persönlichen Altersvorsorgekonto angesammelt haben.

Appel oder Renschler winken nach den Berechnungen des Experten Evers Rentenansprüche von mehr als 80 000 Euro – pro Monat. Für Evers sind solche Pensionen nicht mehr zu rechtfertigen. Die Grundvergütungen der Vorstände seien hoch genug, um daraus selbst Altersvorsorge zu bestreiten. Auch Aktionärsvertreter wie die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz DSW machen sich seit Jahren dafür stark, Pensionszusagen aus dem Repertoire der Vorstandsvergütungen zu streichen.

Beliebige Vergütungsdeckel

Beiersdorf und RWE waren viele Jahre die einzigen Dax-Konzerne, der auf Vorstandspensionen verzichteten. In diesem Jahr wollen dem Beispiel Bayer, BASF und Siemens folgen. Bei Siemens soll die „individuelle Verantwortung“ der Vorstände in der Vergütung betont werden, schreibt das Unternehmen. In Zukunft dürften sich die Vorstände des Münchener Konzerns aussuchen, ob sie einen jährlichen Zuschuss zur Altersvorsorge kassieren wollen oder eine Betriebspension bevorzugen.

Bayer dagegen stellt die Vorstandspensionen ein. Vielleicht auch, weil es für den Agro- und Pharmakonzern zu teuer geworden ist. Fast eine Viertelmilliarde Euro Rückstellungen lasten auf der Bayer-Bilanz. Nur für aktive und ehemalige Vorstände.
Mit ihren Altlasten stehen die Leverkusener nicht einmal an der Spitze. Volkswagen sind die Ehemaligen und künftigen Ex-Chefs sogar 435 Millionen Euro wert, gefolgt von Daimler (384 Millionen), Thyssen-Krupp (343 Millionen) und BASF (269 Millionen).

Berater Evers kennt noch weitere Verstecke in den Vergütungsberichten. Gehaltsobergrenzen etwa, deren Fehlen von der Politik immer wieder kritisiert wird, und die laut Corporate Governance Kodex jetzt klar definiert werden müssen. Viele Konzerne benennen zwar Vergütungsdeckel, jeder aber nach seinem Gusto. VW und Bayer kappen die Vorstandsbezüge bei zehn Millionen Euro, Deutsche Bank und Merck bei 9,8 Millionen – Nebenleistungen und ‧Altersvorsorge kommen noch obendrauf.

Die Deutsche Börse hingegen sagt, bei 9,5 Millionen Euro ist Schluss – inklusive Versorgungsanspruch, aber plus Nebenleistungen. All inclusive halten es Lufthansa (9,5 Millionen) und BMW (9,85 Millionen). Die Deckel sind also kaum vergleichbar.

Vollends aus dem Ruder laufen die Abfindungen. Obwohl Gesetzgeber und Kodex für gute Unternehmensführung hier eine Regel vorgeben: Zwei Jahresbezüge sollte eine Abfindung nicht überschreiten. Aber wie berechnet man die erwartbaren Boni und Tantiemen? „Häufig wird angenommen, dass die Ziele zu 100 Prozent erreicht werden. Selbst wenn das in den Jahren zuvor nicht der Fall war“, kritisiert Evers die Praxis.

Aufsichtsräte zeigen sich zum Schluss aber gern großzügig, selbst wenn Vorstände selbst gekündigt und damit eigentlich keinen Anspruch auf Abfindung haben. Etwa bei Henkel. Ex-Vorstandschef van Bylen legte „aus persönlichen Gründen“ den Vorstandsvorsitz zum Jahresende nieder, erhielt neben seiner Vergütung über 6,9 Millionen Euro aber auch noch eine Abfindung von knapp 6,3 Millionen Euro. Bayer, Deutsche Börse, Lufthansa, Adidas und SAP trennten sich ebenfalls von Vorständen.

Niemand ging unter fünf Millionen Euro

Den Vogel abgeschossen hat erneut die Deutsche Bank im vergangenen Geschäftsjahr. Mit Silvie Matherat, Garth Ritchie und Frank Strauß verließen drei Führungskräfte das Haus und kassierten dafür nach Berechnungen des Vergütungsexperten Evers exakt 36,707 Millionen Euro. Gut zwei Millionen mehr an Abfindungen als im Jahr 2018 für den Abgang von vier Vorständen und gut eine Million mehr, als die Bank den verbliebenen aktiven Vorstandsmitgliedern vergütete.

Möglicherweise zeigen sich die dafür verantwortlichen Aufsichtsräte auch bei den coronageplagten Vorständen in diesem Jahr großzügig. Sie könnten dank der jüngsten Aktiengesetzänderung einen Joker ziehen. Danach dürfen die Kontrolleure „von dem Vergütungssystem abweichen, wenn dies im Interesse des langfristigen Wohlergehens der Gesellschaft notwendig ist“. Man darf am Jahresende gespannt sein auf die Interpretation dieses neuen Paragrafen 87a.

ARCHIV - Ein Mann mit Aktentasche geht in Bonn ins Büro und spiegelt sich dabei in den Glasscheiben der Post-Towers (Archivfoto, Illustration zum Thema Manager). In der Debatte über hohe Managergehälter wehren sich die Chefs mehrerer Dax-Konzerne gegen Überlegungen der SPD zur Deckelung der Bezüge. (zu dpa