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Machtmissbrauch und Angstkultur? Warum der Star-Personaler Cawa Younosi SAP wirklich verlassen musste

Cawa Younosi galt lange als Vorzeige-HRler, doch dann beendete ein Compliance-Verfahren seine Karriere. - Copyright: Getty Images / da-kuk / SEAN GLADWELL / picture alliance / Ingo Cordes / Grafik: Falco Konitzki
Cawa Younosi galt lange als Vorzeige-HRler, doch dann beendete ein Compliance-Verfahren seine Karriere. - Copyright: Getty Images / da-kuk / SEAN GLADWELL / picture alliance / Ingo Cordes / Grafik: Falco Konitzki

Auf LinkedIn ist der einstige SAP-Manager Cawa Younosi ein Popstar in Deutschlands HR-Szene: Sein Profil schmücken wohlklingende Auszeichnungen wie “Deutschland HR-Influencer Nummer eins”, “einer der führenden 40 HR-Köpfe” und “LinkedIn Top Voice”, die höchste Auszeichnung im Kosmos der Karriereplattform.

Mit seinen Posts zu Themen wie Mitarbeitermotivation, New Work oder Empathie erreicht er mehr als 100.000 Follower. Mal teilt er darin Gedanken dazu, wie man Mitarbeiter motiviert. Mal dazu, welche Skills Führungskräfte brauchen, um eine gute Beziehung zu ihrem Team aufzubauen – “Mehr wertschätzendes Tacheles-Reden, das wünsche ich mir von allen Führungskräften”, schreibt Younosi, der als einer der prominentesten Personaler der Republik gilt.

Seinen Ruf als Vordenker der modernen Arbeitswelt trieb Younosi vor allem als Deutschland-Personalchef bei SAP voran. Er galt als Aushängeschild des Softwarekonzerns, machte mit seinem LinkedIn-Account und bei öffentlichen Auftritten Werbung für SAP als Vorzeige-Arbeitgeber. Dabei transportierte er stets das Bild eines nahbaren, empathischen und charismatischen HRlers.

Mehr als 100.000 Follower hat Cawa Younosi auf Linkedin. - Copyright: Screenshot / Linkedin
Mehr als 100.000 Follower hat Cawa Younosi auf Linkedin. - Copyright: Screenshot / Linkedin

Doch dann endete die steile SAP-Karriere abrupt und für die Öffentlichkeit überraschend. Im Herbst 2023 unterschrieb Younosi einen Aufhebungsvertrag. Mitte Oktober gab der Dax-Konzern das Ausscheiden von Younosi öffentlich bekannt. Insider berichteten dem “Manager-Magazin” damals von einer internen Compliance-Untersuchung. Dabei sei es um aggressives Verhalten, Einschüchterung von Kolleginnen und Kollegen sowie Rufschädigung gegangen. Außerdem sollen Angestellte aufgrund von Younosis Managementstil die Abteilung und SAP verlassen haben.

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Was aber steckt hinter diesen Vorwürfen? Warum musste der New-Work-Guru wirklich gehen? Business Insider recherchierte in den vergangenen Monaten zu den Hintergründen des Falles bei SAP, führte auch mit mehreren Beteiligten lange, intensive Gespräche. Aus Angst vor Younosi wollen sie anonym bleiben. Das Bild, das sich aus den Interviews und den Informationen zur Compliance-Untersuchung nachzeichnen lässt, ist verheerend: Demnach ist Cawa Younosi ein Mann mit zwei Gesichtern.

Die zwei Gesichter des Cawa Younosi

Neben dem öffentlichen Bild des Vorzeige-Managers, als den ihn wohl auch die meisten Kollegen und Untergebenen kennenlernten, gab es wohl auch den Vorgesetzten, der seine Mitarbeiter grundlos zusammenbrüllte, zum Weinen brachte, keinen Widerspruch duldete. Eine Person, die ihn aus dem Arbeitskontext kennt, erklärt: “Er hat wirklich zwei Gesichter. Die Seite, die man öffentlich nicht sieht, ist diese: Er ist komplett fokussiert auf sein eigenes Personal Branding. Er ist hochgradig manipulativ und instrumentalisiert andere Menschen für seinen Erfolg. Und er lebt überhaupt nicht, was er nach außen trägt. Er ist cholerisch, setzt Menschen massiv unter Druck und hat seine Position benutzt, um andere emotional zu erpressen."

Es ist die Rede von Machtmissbrauch und einer Angstkultur, die Younosi unter sich geschaffen haben soll. Eine Person gibt zu Protokoll: „Ich traue mich nicht, öffentlich über Cawa Younosi und sein Verhalten zu sprechen. Ich habe Angst, dass er vor meiner Tür stehen könnte."

Ausgerechnet der langjährige Personalchef, der sich so aufmerksam um das Wohl der Belegschaft kümmerte, soll also bei Mitarbeitern Angst und Schrecken verbreitet haben. Auf unsere Anfrage spricht Younosis Anwalt lediglich von einem “angeblichen” Compliance-Verfahren. Über den Anwalt lässt Younosi außerdem mitteilen: “Die anonymen Vorwürfe Ihrer angeblichen Quellen entbehren jeglicher Grundlage. Das dort gezeichnete Bild unseres Mandanten hat nicht ansatzweise Ähnlichkeit mit seinem Wesen oder seinem Charakter. Während seiner 15-jährigen Betriebszugehörigkeit ist unserem Mandanten keine einzige Beschwerde zur Kenntnis gelangt."

Der steile Aufstieg von Cawa Younosi: Vom Geflüchteten aus Afghanistan zum globalen SAP-Manager

Sein Name stand bislang für eine einzigartige Bilderbuch-Karriere in der deutschen Wirtschaft. Im Alter von 14 Jahren flüchtet Cawa Younosi vor dem Taliban-Regime aus Afghanistan nach Deutschland. Das Land, so erzählte er es einmal der “SZ”, habe er auf der Karte erstmal suchen müssen. Nur die Band “Modern Talking” habe er gekannt. Seine Familie bleibt in Afghanistan zurück. Er hingegen kommt in eine iranische Pflegefamilie bei Bonn.

Es folgen: ein erfolgreicher Deutschkurs, eine Empfehlung fürs Gymnasium und schließlich das Abitur. Ab da habe er erstmal nicht weiter gewusst, wie er im Podcast der “FAZ” verriet. Ausbildung, Studium oder ganz was anderes?

Er entscheidet sich erstmal für die dritte Option. Younosi eröffnet zusammen mit seiner Frau, die er in der elften Klasse kennenlernte, einen Kiosk. Den verkauft er wenig später wieder und macht sich – wieder mit seiner Frau – ein zweites Mal selbstständig. An einem Bahnhof übernimmt er ein “Büdchen”, sagt er im Podcast. Dort verkauft er den Bauarbeitern Brötchen und Bier.

Auf einen Blick: Das ist SAP, der wertvollste Konzern Deutschlands. - Copyright: Grafik: Dominik Schmitt
Auf einen Blick: Das ist SAP, der wertvollste Konzern Deutschlands. - Copyright: Grafik: Dominik Schmitt

Zum Jura-Studium kommt er schließlich eher durch Zufall. Younosi will eigentlich Betriebswirtschaftslehre studieren. Das Unternehmertum steckte schließlich in seinen Genen. Schon sein Vater betrieb in Afghanistan ein erfolgreiches Unternehmen, das Teppiche exportierte.

Doch an der Universität muss man zwei Fächer angeben. Und Younosis Frau, so erzählt er es, kreuzt durch Zufall neben BWL eben Jura an. Er zieht das Studium durch und schließt erfolgreich beide Staatsexamen ab. Später arbeitet er als Arbeitsrechtler unter anderem bei der Telekom und Atos, einer ehemaligen Siemens-IT-Tochter. 2009 kommt er als Senior Legal Counsel zu SAP.

Innerhalb des Konzerns macht er schnell Karriere. Neun Jahre nach seinem Einstieg bei SAP wird er Personalchef für Deutschland und Mitglied der Geschäftsführung, später kommt noch eine globale Management-Position hinzu, ihm wird auch die Compliance-Abteilung unterstellt.

Younosi schafft es nie in den SAP-Vorstand

Doch auf die höchste Ebene, in den Vorstand, schafft er es nie. Zweimal zog er den Kürzeren bei der Wahl um den Personal-Vorstandsposten. In der Berichterstattung aber gilt er längst als Personalchef des gesamten Konzerns. Wenn Medien ihn als solchen betiteln, korrigiert er es häufig nicht.

Younosi erreicht auch viel für den Konzern und die Belegschaft, macht sich mit neuen Initiativen einen Namen. Darunter: Leadership-Programme für Frauen oder das Prinzip des Co-Leaderships, wonach jede Führungsposition auf zwei Personen verteilt werden kann. Außerdem setzt Younosi durch, dass jede Position nur noch als 75-Prozent-Stelle ausgeschrieben wird – auch die von Führungsrollen. Seine letzte Initiative bei SAP: die Väterzeit. Derzeit plant die Ampel-Regierung, Väter nach der Geburt ihrer Kinder für zwei Wochen bezahlt freizustellen. Das Gesetz soll 2024 verabschiedet werden. Der Plan von SAP, angeschoben von Younosi: noch vier Wochen obendrauf zu setzen. Also insgesamt sechs Wochen. Nach Younosis Abgang hat SAP das Vorhaben wieder kassiert.

Younosi legte eine steile Aufstiegskarriere hin. - Copyright: Grafik: Dominik Schmitt
Younosi legte eine steile Aufstiegskarriere hin. - Copyright: Grafik: Dominik Schmitt

Zahlreiche Medien griffen seine beeindruckende Erfolgsgeschichte auf, etwa das “Manager Magazin” oder das “Handelsblatt”. Auch Business Insider berichtete mehrfach über den Manager.

Im Sommer 2023 meldeten sich mehrere Personen bei der Compliance-Hotline von SAP

Wie gut Younosi mit seinen Vorzeigeprojekten bei der Belegschaft ankam, zeigen auch Mitarbeiter-Befragungen aus dem April 2022: Zu 75 Prozent würden Mitarbeiter Cawa Younosi als Direct Manager weiterempfehlen. Mit seiner Führungskultur erreicht er unter den Befragten 90 Prozent auf einer Skala von null bis 100 Prozent. Noch besser fällt die Gesamtbewertung aus: Von möglichen 100 Prozent liegt er laut Mitarbeitenden bei 93 Prozent.

Doch SAP-intern gelten die Mitarbeiter-Befragungen für Top-Manager als begrenzt aussagekräftig, viele würden ihren Unmut dort nur selten äußern. Das zeigte sich auch in den Gesprächen, die Business Insider führte: Die Personen trauten sich demnach nicht, bei den SAP-internen Bewertungen ein negatives Urteil über Younosi zu fällen. Das machten sie nur unter dem zugesicherten Schutz der Anonymität in persönlichen Gesprächen.

Im Sommer 2023 meldeten sich gleich mehrere Frauen bei der Compliance-Hotline von SAP. Die geschilderten Vorwürfe waren derart alarmierend, dass der Konzern umgehend die renommierte Anwaltskanzlei Latham & Watkins mit einer Untersuchung beauftragte. Gerüchte über ein angebliches Fehlverhalten soll es allerdings schon länger gegeben haben, wie Business Insider aus dem Unternehmensumfeld erfahren hat. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es aber noch keine offizielle Beschwerde bei der Compliance-Stelle über Younosi gegeben. Er wurde weiterhin befördert.

„Mitarbeitende haben sich lange Zeit nicht getraut, das Verhalten von Cawa Younosi zu kritisieren. Sie hatten Angst um ihre Karriere”, erzählt eine Person, die mit der Sache vertraut ist. Dabei soll es vorrangig um Frauen gegangen sein – anders als in so vielen Fällen der letzten Jahre hier aber ohne jeglichen sexuellen Bezug. Teilweise sollen sie wegen seines Verhaltens bei SAP gekündigt haben. Younosi teilt insoweit über seinen Anwalt mit: “Keine Frau aus dem Team unseres Mandanten oder seiner Organisation hat das Unternehmen außerhalb von Vorruhestandsprogrammen oder Umstrukturierungen verlassen, insbesondere nicht im 'Streit'."

Unabhängig davon wird uns berichtet: Frauen gegenüber habe Younosi ein Arbeitsverhältnis etabliert, das aus Angst vor seiner Macht kaum Raum für Beschwerden ließ. Er soll dabei seine Macht missbraucht haben. „Cawa Younosi hat Frauen das Gefühl gegeben, dass die Karriere von ihm abhängig ist”, erzählt eine Person im Gespräch mit Business Insider. Er habe immer wieder klargemacht, dass man dankbar dafür sein müsse, dass man für ihn arbeiten dürfe und die Möglichkeit bekomme, ihn in seiner Rolle zu unterstützen. Auch aus dem Compliance-Umfeld heißt es, Younosi habe Druck auf seine Mitarbeiter ausgeübt.

Die Folgen, so beschreibt es die Person, seien fatal gewesen: “Wann immer es ging, haben ihn Mitarbeitende deshalb in Schutz genommen, über seine Fehler hinweggesehen, um ihn nicht zu enttäuschen.“ Business Insider hat Personen aus seinem Arbeitsumfeld kontaktiert. Bei vielen, vor allem Frauen, wurden Gespräche abgeblockt.

Lange galt Younosi als Vorzeige-Personaler. - Copyright: SAP
Lange galt Younosi als Vorzeige-Personaler. - Copyright: SAP

Eine große Rolle bei der Einschüchterung von Mitarbeitenden soll dabei auch sein aggressives Verhalten gespielt haben, mit dem er mehrere Personen zum Weinen gebracht haben soll. Wie weit Younosi bei seinen Ausbrüchen gegangen sei, schildert eine Person Business Insider wie folgt: „Teilweise ist Cawa Younosi aus dem Nichts ausgerastet und hat Mitarbeiterinnen angeschrien – ohne sachliche Gründe. Es war ihm egal, ob sie geweint haben oder nicht. Für seine cholerischen Ausbrüche hat er sich nie entschuldigt.“

Eine weitere Person beschreibt, dass seine Einschüchterungsmanöver auch jene getroffen hätten, die er nicht mochte oder die ihm widersprachen, weil er keine Kritik vertragen würde und inhaltlich wenig inklusiv wäre: „Er hat ein wahnsinniges Machtstreben. Dafür war er auch bereit, Mitarbeiter kleinzumachen, zu mobben oder herauszuekeln”, erzählt die Person. Sein Außenauftritt habe dem seines internen Verhaltens widersprochen: “Er tut so, als wäre er Personaler, verhält sich aber wie ein Despot.”

Younosi habe Mitarbeitenden einen Maulkorb verpasst

Besonders offensiv ging Younosi dabei angeblich gegen Mitarbeitende vor, bei denen er Angst gehabt habe, dass sie ihn in seinem öffentlichen Ruhm übertrumpfen könnten: „Cawa Younosi hat Mitarbeitenden, die zu viel Aufmerksamkeit in der öffentlichen Wahrnehmung bekommen haben, einen Maulkorb verpasst”, erzählt eine andere Person Business Insider. Mehrere Personen berichten zudem übereinstimmend, dass Younosi es nicht ertragen habe, wenn andere Mitarbeitende neben ihm Anerkennung bekommen hätten. “Er hat keine Stärke, keine Seniorität neben sich geduldet”, erklärt eine Person, mit der Business Insider gesprochen hat.

Eberhard Schick, der Betriebsratsvorsitzende von SAP, stellte sich hinter Cawa Younosi. - Copyright: picture alliance/dpa | Uwe Anspach
Eberhard Schick, der Betriebsratsvorsitzende von SAP, stellte sich hinter Cawa Younosi. - Copyright: picture alliance/dpa | Uwe Anspach

Demgegenüber stehen aber auch andere Aussagen: Einige SAP-Mitarbeitende betonen bis heute, dass sie keine Probleme mit ihm gehabt hätten. „Entweder man hat Cawa Younosi abgelehnt oder man hat ihn sehr gemocht. Es ist heute noch so, dass ihm Leute bei SAP hinterhertrauern, weil sie gut mit ihm zusammengearbeitet haben. Andere sind heilfroh, dass er weg ist”, erzählt eine Person Business Insider. Es sind Sätze, die auch in anderen Gesprächen mit SAP-Mitarbeitenden fallen. „Ich bedauere den Abgang von Cawa Younosi", sagte SAP-Betriebsratschef Eberhard Schick in einem Zeitungsinterview. "Wir hatten immer wieder harte Auseinandersetzungen. Aber er war immer einer, der auch einen Kompass hat.”

Externe Kanzlei untersucht die Vorwürfe

Die Compliance-Untersuchung der Kanzlei Latham & Watkins kommt im vergangenen Herbst schnell zu einem klaren Ergebnis: Younosi wird als Führungskraft massives Fehlverhalten vorgehalten. Er wird mit den Ergebnissen des Compliance-Berichts von SAP konfrontiert und sofort freigestellt.

SAP will Younosi jetzt so schnell wie möglich loswerden. Er gilt als Gefahr fürs Unternehmen, heißt es aus Konzernkreisen, weil er eine regelrechte Angstkultur geschaffen habe, die mit den Prinzipien von SAP nichts zu tun habe. Arbeitsrechtlich gestaltet sich eine Kündigung des Top-Managers jedoch schwierig. SAP bietet ihm deshalb eine Abfindung an, er unterschreibt den Aufhebungsvertrag und ist raus. Younosis Anwalt hingegen schreibt zu den Gründen des Ausscheidens: „Ferner war es die Entscheidung unseres Mandanten, sich aufgrund der fehlenden Perspektiven von SAP zu trennen. Im Übrigen gab es über das bereits Erwähnte hinaus keinen anderen Grund für diese Entscheidung.“

Younosis Anwalt streitet Vorwürfe ab

Zum Compliance-Verfahren äußert sich der Anwalt nicht. Zu den Mitarbeiteraussagen, mit denen Business Insider Younosi konfrontiert hat, schreibt er: “Zusammenfassend ist festzustellen, dass schon ein kursorischer Abgleich mit dem geschilderten Gesamtbild unseres Mandanten und eine lebensnahe Bewertung der vorgebrachten Anschuldigungen ausreichen, um zu dem zwingenden Schluss zu kommen, dass hier nicht tatsächliche Missstände oder Fehlverhalten angeprangert werden, sondern offensichtlich der Ruf unseres Mandanten diskreditiert werden soll.”

Jahrelang arbeitete Younosi im SAP-Headquarter in Walldorf. - Copyright: picture alliance / imageBROKER | Schoening
Jahrelang arbeitete Younosi im SAP-Headquarter in Walldorf. - Copyright: picture alliance / imageBROKER | Schoening

Im vergangenen Herbst handelte SAP schnell, aber hat der Konzern in den Jahren zuvor bei Cawa Younosi möglicherweise weggeschaut? Auf unsere Anfrage erklärt der Konzern: “Sichere und gerechte Verhältnisse am Arbeitsplatz zählen zu den Grundprinzipien bei SAP. Wir nehmen alle Hinweise auf Fehlverhalten daher außerordentlich ernst und setzen bei jeglicher Belästigung und Diskriminierung auf eine Null-Toleranz-Politik. SAP verfügt über ein zuverlässiges Verfahren, um alle gemeldeten Vorwürfe zu untersuchen. Sollte das Verhalten eines Mitarbeitenden nicht unseren Richtlinien und Werten entsprechen, ergreifen wir umgehend entsprechende Maßnahmen. Zu laufenden oder auch älteren Untersuchungen oder disziplinarischen Vorgängen äußern wir uns grundsätzlich nicht.”

Nach seinem Ausscheiden postet Younosi auf LinkedIn: Er habe sich nach langen, tiefen Überlegungen entschlossen, SAP zu verlassen und andere Möglichkeiten außerhalb des Unternehmens zu verfolgen. Kein Wort zu dem Compliance-Verfahren. Die Community feiert seinen Post auf der Plattform mit fast 9000 Likes und mehr als 800 Kommentaren, darunter auch sehr viele wohlwollende Worte seiner früheren SAP-Kollegen.

Nur einmal äußert er sich kurz zum Compliance-Verfahren. Auf die Frage, welche Rolle das bei seinem Abgang gespielt hat, sagte er im Interview mit dem “Mannheimer Morgen”: “Ich habe diese Spekulationen leider auch zur Kenntnis genommen und zeitgleich die hunderten, öffentlichen Reaktionen der Kolleginnen und Kollegen auf LinkedIn gelesen.”

Younosi ist gern gesehener Redner.  - Copyright: 	picture alliance / Kontributord
Younosi ist gern gesehener Redner. - Copyright: picture alliance / Kontributord

Younosi arbeitet an seinem Comeback

Zu den Hintergründen seines plötzlichen SAP-Abschieds erklärt er hingegen: “Angefangen hatte es bereits letztes Jahr mit einer schweren Erkrankung meiner Mutter, die vor den Taliban in die Türkei geflüchtet war. Nach ihrem Tod Anfang des Jahres habe ich gemeinsam mit meiner Frau vieles hinterfragt. Ich bin jetzt 48 und im Hinblick darauf, was ich in den letzten 15 Jahren alles lernen und erleben durfte und im Hinblick auf die künftigen Perspektiven stand dann der Entschluss fest, Neues zu wagen und mich zu verändern.”

Nach diesem Interview im Oktober 2023 macht Younosi weiter, als wenn nichts gewesen wäre. Auch in der HR-Szene selbst spielen die Vorwürfe aus dem Compliance-Verfahren offenbar keine Rolle mehr. Seine Auftritte auf Events und in Podcasts reißen nicht ab.

Aktuell, so verrät es Younosi im “Corporate Influencer Podcast”, wolle er bis zum Sommer ein neues Buch schreiben. Daneben habe er viele Beratungsmandate und Keynotes. Einen Comeback-Plan für seine Karriere hat der Ex-SAPler dabei offenbar auch schon im Kopf: Er könne sich sehr gut vorstellen, wieder operativ in einem Startup oder Familienunternehmen tätig zu werden. Und zwar nicht nur als Personaler. Der Mann, da scheint es wenig Zweifel zu geben, will wieder ganz nach oben.

Ihr habt Informationen zu SAP? Dann meldet euch vertraulich bei unserer Reporterin Joana Lehner (joana.lehner@businessinsider.de; Threema: CW8YPZ5Y) oder unserem Reporter Luca Schallenberger (luca.schallenberger@businessinsider.de, Threema: 3MRRX6T9).