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Von der Münze Perus zur dreckigsten Mine der Welt: Welche Schuld tragen europäische Konzerne?

Busch, Alexander
·Lesedauer: 9 Min.

Das geplante Lieferkettengesetz soll Missstände wie in der peruanischen Bergwerkstadt Cerro de Pasco künftig verhindern. Ein Ortsbesuch zeigt, warum das nicht so einfach sein wird.

Die Minen hinterlassen schwere Folgen, vor allem für die in der Region lebenden Kinder. Foto: dpa
Die Minen hinterlassen schwere Folgen, vor allem für die in der Region lebenden Kinder. Foto: dpa

Stundenlang schraubt man sich vom Pazifik aus hoch in die peruanischen Anden. Zuerst geht es dabei an reißenden Flüssen entlang, an denen Forellen angeboten werden. Dann wird es trocken, die Luft dünn.

Halbwilde Alpaca-Herden mit schneeverwehtem Fell kreuzen die Schotterpiste. Rosa Flamingos stehen in Lagunen. Es gibt kaum Siedlungen.

Diese Andenidylle endet abrupt, wenn man nach Cerro de Pasco kommt. 60.000 Menschen leben hier in 4300 Meter oberhalb des Meeresspiegels. Es ist eine der höchstgelegenen Städte weltweit, die jedoch viel eher wie ein Dorf wirkt – aber kein idyllisches.

Um eine gigantische Tagebaumine liegen wie gewürfelt graue Häuser mit Wellblechdächern. Nachts sinken die Temperaturen das ganze Jahr über auf den Gefrierpunkt. Deswegen wirkt Cerro des Pasco nach 19 Uhr abends wie verlassen.

Nicht die Menschen haben dem Ort ihren Stempel aufgedrückt. Die Mine, die Abraumberge und die orange leuchtenden Abwasserlagunen strukturieren die Siedlung.

Cerro wirkt wie jede arme Peripherie in Lateinamerika. Billigläden voller Artikel aus China, verblichene Plakate, auf denen Kreditinstitute, Sexshops und Ärzte werben. Kaum Banken, Handyläden oder Restaurants. Es gibt kein Verwaltungszentrum, keine älteren Bauten.

Diese Geschichtslosigkeit ist erstaunlich. Cerro de Pasco war im 19. Jahrhundert eine der größten und wirtschaftlich bedeutendsten Städte Perus. Dort wurde erst Silber, dann Kupfer, Blei und später Zink gefördert. Europäische Staaten hatten hier ihre Konsulate. In den Bergen stand die Münze Perus.

Das ist alles verschwunden. Die Mine fraß sich in die Stadt, und diese verschwand in ihrem 400 Meter tiefen und 800 Meter breiten Graben.

Doch auch das ist wieder Geschichte: Die Minen sind geschlossen, der Abbau lohnt nicht mehr. Jetzt werden die Abraumberge nach verwertbarem durchgearbeitet, die Löcher zugeschüttet.

Zurückgeblieben in der Stadt sind die Armut, die Krankheiten, eine wachsende Zahl an Arbeitslosen. Mehr als die Hälfte der Kinder sind unterernährt. Viele von ihnen – genaue Erhebungen gibt es nicht – haben Schwermetalle im Organismus und sind anämisch. Bis zum Alter von zwölf Jahren führen Bleivergiftungen zu Missbildungen von Organen. Das erste Mal wurden die Belastungen der Kinder vor rund 25 Jahren nachgewiesen.

Doch geschehen ist wenig. Weiterhin leben die Menschen auf den verseuchten Abraumböden. Ihre Kinder spielen im giftigen Staub. Und haben nicht einmal fließendes Wasser. Ihre Eltern sammeln das Regenwasser in Zisternen hinter den Häusern oder zapfen die Leitungen der Minengesellschaften an für belastetes Wasser.

Symbol für die Verantwortungslosigkeit einer Industrie

Cerro de Pasco ist heute zu einem weltweiten Negativsymbol für eine Rohstoffindustrie geworden, eine Industrie, die sich lange Jahre weder um Umwelt noch Menschen kümmerte. Ein Symbol für eine Verantwortungslosigkeit aber, die es in dieser Form künftig nicht mehr geben soll.

Dafür soll unter anderem ein Lieferkettengesetz sorgen, über das in Deutschland derzeit heftig gestritten wird. Die Befürworter des neuen Lieferkettengesetzes in der Koalition wollen nun verhindern, dass Konzerne sich künftig aus der Verantwortung stehlen können.

Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) will die Verhandlungen darüber nun zur Chefsache machen und noch im Januar einen Gesetzentwurf der Koalition vorlegen – nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sich zu dem in der Koalition strittigen Lieferkettengesetz bekannt hat. Vor allem Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sträube sich gegen das Gesetz, so Heil.

Nach den Vorstellungen des Ministers sollen Unternehmen verpflichtend dafür sorgen, dass Menschenrechte und ökologische Mindeststandards eingehalten werden – weltweit, also entlang der gesamten Lieferkette. Das beträfe neben Produzenten auch Zulieferer. Verstöße sollen zivilrechtliche Konsequenzen haben.

Die Schuldfrage ist nicht so einfach zu beantworten

In der Schweiz ist die dem Lieferkettengesetz ähnliche Konzernverantwortungsinitiative (KVI) vor einem Monat bei einem Volksentscheid knapp gescheitert. Dort stand vor allem der Schweizer Rohstoffkonzern Glencore im Zentrum der Debatte. Denn der weltweit führende Commodity-Trader mit der Zentrale in der Schweiz kontrolliert in Peru das Unternehmen, dem die Mine in Cerro gehört. Damit stellt sich die Frage, ob Glencore verantwortlich ist für die Schäden und damit künftig vor Schweizer Gerichten haftbar gemacht werden könnte – also genau das, was deutschen Konzernen bald drohen könnte.

Lourdes Victoria Mendonza Ramírez erwartet primär vom Staat, dass er sich um ihr krankes Kind kümmert – nicht von den Konzernen. Ihr neunjähriger Benjamin hatte als Kind einen Tumor im Auge und seitdem ein Glasauge. Heute leidet er unter Thrombozytopenie, einem Mangel an Blutplättchen.

Immer wieder beginnt er am ganzen Körper zu bluten. Eine Folge des Bergbaus hier, vermutet die 38-jährige Mutter. Weil die Ärzte nichts machen konnten, reiste Lourdes vor fünf Jahren mit ihren drei Kindern und zehn anderen betroffenen Müttern nach Lima. Sie ketteten sich an den Zaun vorm Gesundheitsministerium.


Damit war sie auf einen Schlag in den Nachrichten und später sogar zu einer Anhörung im Kongress, wo Benjamin zu Demonstrationszwecken sein Glasauge herauszog. Lourdes wurde über Nacht zu einer gefragten Person für die Politik. Auf ihrem Handy kann sie die Nummern von einem halben Dutzend Ministern zeigen.

Sie bekam eine zweimonatige Behandlung für ihren Sohn im besten Krankenhaus Limas bezahlt. Doch geändert hat sich wenig. „Die Ärzte sagen, dass ich aus Cerro weg soll, um meinen Sohn zu heilen“, sagt sie. „Aber wie soll das gehen, ohne Arbeit, ohne Familie?“ Die Minister – die seien längst ausgewechselt. Die Sekretärinnen kenne sie noch, aber die könnten nichts machen.

Eine ganze Stadt soll umziehen?

Auch die Regierung beschloss 2006 per Gesetz, dass Cerro umgesiedelt werden sollte. Doch außer der feierlichen Abstimmung im Kongress geschah seitdem nichts. Im Gegenteil: Inzwischen wird das Dekret als Ausrede für fehlende staatliche Investitionen in Cerro genutzt. Wer will schon neue Krankenstationen in einer Stadt bauen, die bald abgerissen werden soll?

Juan Rojas Quispe stammt aus Cerro, hat Bergbau studiert, danach zwölf Jahre in Bergbaukonzernen in ganz Peru gearbeitet und ist vor zwei Jahren wieder zurückgekehrt in seine Geburtsstadt. Der 39-Jährige ist dort der Vertreter der Bergbaubehörde Perus.

Wer von ihm, dem ranghöchsten staatlichen Vertreter der Branche nun harsche Worte gegenüber der Industrie erwartet, der wird enttäuscht. Quispe will die Unternehmen dort zu neuen Investitionen auf „nachhaltigem Niveau“ anregen. Die Arbeitslosigkeit sei das große Problem in Cerro. Als er in Cerro aufwuchs, habe niemand über Umwelt und Krankheit gesprochen.

Nebenbei erzählt er, dass sein Vater nach 32 Jahren Arbeit in den Minen an Staublunge leidet und weggezogen ist, wie alle, die es sich leisten könnten. „Papa hat gut verdient, meine Mutter war Hausfrau, ich konnte studieren“, sagte er lapidar. Für die Menschen in Cerro ist die Arbeit im Bergwerk der Traumjob.

Auch einfache Arbeiter verdienen bis zu 4000 Dollar monatlich, ein Vielfaches des sonst Üblichen. Minenarbeiteruniformen seien auf dem Schwarzmarkt begehrt. Mit ihnen sei man als Kreditnehmer genauso wie als Liebhaber attraktiv.

Hugo Sosa Santiago verteilt klarer die Verantwortung auf beide Seiten. „Wie viele Unternehmen wurden in Cerro für die Umweltvergehen bisher bestraft?“, fragt der Krankenpfleger und Umweltaktivist rhetorisch.

Die Straflosigkeit liege einerseits daran, dass es ein Bergbaugesetz in Peru erst seit 1993 gäbe, aber weiterhin keine Institutionen, die es überwachen. Er habe eine der ersten Blutuntersuchungen von Kindern organisiert. Aber der Staat weigere sich, die Tests systematisch und transparent zu machen, um nicht haftbar gemacht zu werden.

Der 46-Jährige ist heute Radiomoderator und hält Initiativen wie die KVI oder das Lieferkettengesetz für den richtigen Weg: „Warum halten sich Unternehmen in euren Ländern an die Regeln, aber hier vor Ort nicht?“, fragt er. In Peru sei es schwierig, dass jemand einen Konzern verklage. Der Kläger müsse nachweisen, dass das Unternehmen Schuld an seiner Krankheit habe. In Cerro schiebe zudem jedes Unternehmen die Schuld auf den Vorgänger.

Da gibt es eine ganze Menge: 1902 kauften amerikanische Investoren wie JP Morgan und die Vanderbilts die Mine. Von ihnen stammen dort noch die Holzhäuser der Ingenieursfamilien und der Klub mit dem Golfplatz, wo die Direktoren beim Whisky die Bälle über die Abraumhalden trieben.

1974 wurde der US-Konzern von der linken Militärregierung Perus enteignet und für die nächsten Jahrzehnte staatlich geführt. Ein peruanischer Familienkonzern kaufte 1999 die Mine vom Staat bei einer Privatisierungsrunde. Unter der Voraussetzung, dass der alle Passiva – also Abraumhalden und künftige Forderungen wegen Gesundheits- oder Umweltschäden – übernehmen würde.

Womit wir bei Volcan Compañia Minera, dem jetzigen Besitzer der Minen angekommen sind. In den folgenden Jahren baute der Inhaber Bobby Letts das Konglomerat zum zeitweise wichtigsten Unternehmen Perus auf. Bis heute gilt Volcan als viertgrößter Zinklieferant der Welt, also dem Grundmaterial, um Stahl rostbeständig zu machen. Zink spielt auch bei der Energiewende eine zunehmend wichtige Rolle, etwa als Grundstoff für Batterien.

Für Glencore wurde Volcan ab 2004 ein wichtiger Zulieferer. Das Unternehmen aus Baar in der Schweiz bekam für die Finanzierungen der Erzlieferungen Minderheitsanteile – aber nicht mehr. Letts wollte nicht verkaufen. Nachdem der Patriarch kinderlos gestorben war, erwarb Glencore 2017 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von einem Teil der Erben die Anteile und besitzt heute 55 Prozent der Kontrollmehrheit über den Konzern.

Die Investition in Volcan sei wichtig und weiterhin attraktiv für das Portfolio von Glencore, sagt ein Verantwortlicher des Schweizer Konzerns. Unterschätzt zu haben scheint der Konzern das faule Ei, das Cerro de Pasco im Volcan-Portfolio bedeutet. Viele Herausforderungen seien jetzt besser nachvollziehbar, nachdem Glencore die betriebliche Kontrolle über Volcan übernommen habe, heißt es in Baar.

Inzwischen scheint es Glencore und Volcan darum zu gehen, Cerro de Pasco abzuwickeln, aber sich dennoch nicht aus der Verantwortung zu stehlen. Der Druck der Öffentlichkeit ist zu groß geworden.

Von der Schweiz aus wurde ein umfangreiches Programm für die Umwelt, die Gemeinden und die sozialen Verhältnisse aufgelegt. Das soll auch gelten, wenn Glencore/Volcan ihre Aktivitäten dort verkaufen.

Eine Bedingung für den Verkauf ist offenbar, dass die Finanzierung und Kontinuität des Sozial- und Umweltschutzprogramms, gewährleistet sind. Verwaltet würde die Finanzierung über eine Stiftung. Hugo Sosa, der streitbare Aktivist, sieht jedoch die Gefahr, dass auch das Nachfolgeunternehmen in Cerro wiederum nur die Vorkommen ausbeuten könnte. Alle Verkaufsgespräche seien weiterhin im Gang, heißt es bei Glencore.

Betrachtet man die Umweltstandards in den Geschäftsberichten, dann gibt es eine Zeit vor und eine Zeit nach dem Einstieg von Glencore. Im Bericht von 2018, als Glencore im Vorjahr noch nicht die Kontrolle hatte, wird das Thema Umwelt auf gerade einmal vier von rund 200 Seiten abgehandelt. Die Arbeiter seien von den vielen neuen Auflagen genervt, heißt es bei den Verantwortlichen in der Mine. Vor allem, weil die Boni geringer ausfielen mit den steigenden Investitionen.

Dennoch scheint man bei Volcan in Peru heilfroh zu sein über den Einstieg von Glencore. „Ohne Glencore wären wir verloren“, sagt ein Volcan-Direktor. Der Konzern ist überschuldet, leidet an Zerwürfnissen zwischen den Familieneigentümern.

Das Geschäftsmodell Volcans habe sich überlebt, sagt der Direktor. „Wir waren rentabel, weil der Staat nicht so genau hinschaute.“ Das sei heute vorbei.

Hinweis: Die Reise zur Mine wurde von Glencore/Volcan organisiert. Anders wäre eine Recherche vor Ort in Peru derzeit kaum möglich gewesen.

Diese Andenidylle endet abrupt, wenn man nach Cerro de Pasco kommt. Foto: dpa
Diese Andenidylle endet abrupt, wenn man nach Cerro de Pasco kommt. Foto: dpa
„Warum halten sich Unternehmen in euren Ländern an die Regeln, aber hier vor Ort nicht?“ Foto: dpa
„Warum halten sich Unternehmen in euren Ländern an die Regeln, aber hier vor Ort nicht?“ Foto: dpa
„Wir waren rentabel, weil der Staat nicht so genau hinschaute.“ Foto: dpa
„Wir waren rentabel, weil der Staat nicht so genau hinschaute.“ Foto: dpa