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Ein Münchner Startup bastelt an einer Spielekonsole gegen die Faulheit

·Lesedauer: 4 Min.
Die Spielekonsole Limbic Active des Münchner Startups Lymb.io
Die Spielekonsole Limbic Active des Münchner Startups Lymb.io

„Dieses Ding hier“, sagt Markos Kern und hält sein Smartphone vor die Kamera im Video-Call, „ist Schuld daran, dass wir uns so viel weniger bewegen.“ Mit dem zunehmenden Einfluss des Smartphones und der Digitalisierung auf körperliche Betätigung beschäftigt sich der Digital-Unternehmer Kern viel.

Der Bewegungsmangel ist im Smartphone-Zeitalter ohnehin schon ein großes Problem. Im Lockdown und im Homeoffice wurde diese Entwicklung nur noch verstärkt. Aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamts weisen 16 Prozent aller erwachsenen Deutschen als fettleibig aus und weitere 53 Prozent als übergewichtig.

Mit dem Übergewicht und fehlender Bewegung sind häufig Krankheiten verbunden wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, psychische und Suchtprobleme. Was Kern hervorhebt: Besonders die Generation Smartphone, also Jugendliche, und Kinder bewegen sich zu wenig.

Technologie als Auslöser aber auch Lösung der Aktivitätskrise

„Wir sind die reinsten Sitztomaten“, sagt Kern. Doch gleichzeitig sieht Kern in der digitalen Technik nicht nur den Auslöser, sondern auch die Lösung der „Aktivitätskrise“. Um unsere vermehrt übergewichtige Gesellschaft zur Bewegung zu verführen, werde der spielerische Aspekt im Sport eine starke Rolle einnehmen — und genau dabei können digitale Technologien helfen. Der Markt für E-Sports, Selftracking via Wearables wie Fitnessarmbanduhren oder Augmented- und Virtual Reality boomt dank seit Jahren steigender Nachfrage. Der derzeitige internationale Hype um das Hightech-Ergometer Peloton, mit dem Kunden im eigenen Wohnzimmer Spinning-Kurse absolvieren können, bestätigt den Trend. Immer mehr Startups wie etwa das deutsche Unternehmen Vaha, die einen smarten Fitnessspiegel vertreiben, nutzen das Momentum und sind mitten in der Pandemie in den Markt gestartet.

Auch Kern will mit einem digitalen Produkt in die Wohnzimmer der Menschen. Der Münchner ist Gründer und Geschäftsführer des Startups Lymb.io, das früher Fun With Balls hieß, mit dem er in den vergangenen zwei Jahren die Mixed-Reality-Sport- und Spielkonsole Limbic Active entwickelt hat. Die Konsole wird an der Wand montiert und verfolgt über Sensoren und Kameras den Körper des Spielers und sogar Bälle oder Bewegungen mit Schlägern. So kann etwa ein echtes Squash-Spiel simuliert werden. Dazu benötigt es allerdings eine zwei Meter große freie Wand und einen handelsüblichen Projektor, der die digitalen Welten aus einer Auswahl von 30 Spiele-Apps an die Wand wirft. Künftig sollen neben Spielen wie Space Invaders auch klassische Fitness- oder Yogakurse hinzukommen.

Kerns Produkt kostet 1.100 Euro – das ist weniger als Vaha oder Peloton

Gestartet über eine Crowdfunding-Kampagne via Kickstarter, war das Produkt auch über die Plattform Indiegogo bestellbar. Die ersten Konsolen sollten im August ausgeliefert werden, innerhalb eines Monats erhielt er bereits 260 Vorbestellungen. Die lange Wartezeit könnte die Privatkunden jedoch abschrecken. Lieferschwierigkeiten bei dem US-Anbieter Peloton sorgte für heftige Kritik, schließlich zahlen die Kunden mindestens 2.145 Euro für ihr Bike.

Update vom 4. Oktober 2021: Neues Geld sucht Kern nun bei „Die Höhle der Löwen“. Dort erhofft sich der Gründer ein Investment von ganzen 1,6 Millionen Euro. Abgeben will er dafür zehn Prozent der Anteile am Unternehmen.

Die Limbic Active soll mit einem Markteintrittspreis von rund 1.100 Euro deutlich günstiger als die Angebote von Vaha oder Peloton sein. Hinzukommt bei Vaha und Peloton noch eine monatliche Abo-Gebühr in Höhe von 39 Euro für das Streaming der immer neuen Workout-Videos. Kerns Konsole kann dagegen auch in einer Basis-Variante ohne Abo genutzt werden, die günstigste Mitgliedschaft wird dann ab 29 Euro erhältlich sein und ist damit günstiger als die Konkurrenz. Die Hardware der Limbic Active nimmt zudem weniger Platz ein als das Peloton-Bike und der Vaha-Spiegel.

Gestartet war Kern mit Lymb.io bereits vor fünf Jahren, zunächst aber mit dem Fokus auf Geschäftskunden. Die interaktive Leinwand-Spielekonsole MultiBall und den Squash-Court-Projektor Interactivesquash vertrieb Kern bislang an Multimillionäre, Sportstätten, Schulen und Hotels wie Centerparcs, aber auch Händler wie Decathlon in Kanada, Südkorea oder Irland. Die Produkte funktionieren dabei im Wesentlichen nach demselben Prinzip wie die Limbic Active. 2020 machte Kerns Startup ohne die Einnahmen aus der Kickstarter-Kampagne knapp 2,8 Millionen Euro Umsatz.

Fokus auf den Spieltrieb im Menschen

Anders als Vaha und Peloton will sich Kern auf Gamification, den spielerischen Aspekt des Sports fokussieren, nicht auf ein reines Fitnessprodukt. Dadurch will er eine breitere Zielgruppe erreichen. „Unsere Produkte sollen theoretisch vom 3-Jährigen, der lernt, wie man einen Ball wirft, bis hin zum Profisportler genutzt werden können“, sagt Kern.

Vor allem gehe es Kern aber darum, Kinder und Jugendliche wieder zu mehr Bewegung zu motivieren. Denn mit dem demografischen Wandel sterben schon jetzt immer mehr kleine Sportvereine und klassische Sportarten werden immer unattraktiver für die nachkommenden Generationen. Gamification-Elemente in digitalen Heimtrainern könnten laut Kern gerade die Jungen wieder für Bewegung begeistern.

Dieser Artikel erschien zuerst am 11. Februar 2021 und wurde um aktuelle Informationen wie die Teilnahme bei DHDL ergänzt.

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